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Dževad Karahasan

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Dževad Karahasan wird 70: Chronist der Belagerung Sarajevos

1425 Tage dauerte die Belagerung Sarajevos im bosnischen Bürgerkrieg. Der Schriftsteller Dževad Karahasan lebte bis 1993 viele Monate in der eingekesselten Stadt. Diese Erfahrung ist zum literarischen Lebensthema geworden. Heute wird er 70 Jahre alt.

Wäre er nur einen Augenblick länger stehengeblieben, im schützenden Durchgang. Doch der alte Sacir Mujezinovic will nach Hause, zum Frühstück, in der Tasche die Kipfel vom Vortag, die man für ihn aufbewahrt in der Bäckerei. Als er die Straße überquert hat, explodiert in unmittelbarer Nähe eine Granate. Sacir Mujezinovic ist sofort tot. Mehr noch: Er ist verschwunden, so heftig war die Detonation. Nur in den Erinnerungen der Menschen aus Sarajevo existiert er, etwas verschroben und doch grundgütig, weiter. Ebenso im neuen Roman von Dževad Karahasan: "Einübung ins Schweben".

Vom Leben und Überleben in Sarajevo

"Die Belagerung Sarajevos war ein Versuch, die Erinnerung zu vernichten", sagt der bosnische Schriftsteller im Interview mit dem BR. "Man wollte die Vergangenheit von der Gegenwart abschneiden. Der Belagerungszustand – das Vernichten der Bibliothek, das Vernichten der Institute, das Vernichten der Gebäude, die eine symbolische Bedeutung für die Stadt, für das Erinnern, das Gedächtnis hatten – all das war ein Versuch, die Tradition auszulöschen, die Erinnerung."

In seinem Roman "Einübung ins Schweben" berichtet Dževad Karahasan einmal mehr vom Leben und Überleben im belagerten Sarajevo – aus der Perspektive eines walisischen Schriftstellers und seines bosnischen Übersetzers. Immerfort Granaten, dazu die vielen Heckenschützen und ebenso eine mehr und mehr zerstörte Infrastruktur.

Der Krieg gegen die Ukraine: "ein Alptraum"

Der Schriftsteller und Dramatiker lebte mehrere Monate in der von Armeeeinheiten und Paramilitärs eingekesselten Stadt. 1993 konnte er Sarajevo verlassen und berichtete in seinem "Tagebuch einer Übersiedelung" von seinen Erfahrungen. In "Einübung ins Schweben" schildert Dzevad Karahasan eine Situation, die in die Gegenwart führen kann, zu den Städten in der Ukraine. Der Schriftsteller spricht – mit Blick auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen das Land im Osten Europa – von einem Alptraum: "Etwas, was man erlebt hat, kommt zurück. Aber nicht aus mir, sondern aus der äußeren Welt. Schrecklich."

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Eine Hinterbliebene auf dem Friedhof von Potocari bei Sarajevo. Dort liegen die Überreste ihrer Angehörigen.

In seiner wiederholten literarischen Auseinandersetzung mit der Belagerung Sarajevos – und auch im neuen Roman – war Dzevad Karahasan eines besonders wichtig: "An die Tatsache zu erinnern, dass unsere Freiheit in unserem inneren Wesen existiert. Dass es eine Form der Freiheit, eine wichtige Dimension der Freiheit, gibt, die nur in unserem Geist, in unserem Wesen existieren kann und zu erfahren wäre. Auch in Mariupol, auch damals in Sarajevo, auch im Gefängnis kann man frei sein."

Bosnien als Schöpfung der Kultur

Der Bürgerkrieg in Bosnien wurde mit dem Abkommen von Dayton beendet, Ende 1995. Die Belagerung Sarajevos dauerte noch bis zum folgenden Februar an. Der Dayton-Vertrag regelt die Nachkriegsordnung in Bosnien und Herzegovina, darunter die innere Teilung des Landes – mit der Republika Srpska, ebenso die Überwachung des Friedens durch einen Hohen Repräsentanten der Vereinen Nationen wie auch durch eine europäische Militär-Mission. Seit kurzem ist Bosnien und Herzegovina EU-Beitrittskandidat. Und doch, so Dzevad Karahasan, erfährt das Land zu wenig Aufmerksamkeit durch Europa: "Vergessen wir bitte nicht, dass Bosnien ein wunderbares Modell einer Europäischen Union sein könnte, einer Europäischen Union, die ihrer Idee, ihrer Prinzipien würdig wäre. Bosnien ist eine Schöpfung der Kultur. Es gab keine Armee, die Bosnien geschaffen hat. Es gab keine politische Bewegung, keine Partei, die Bosnien schaffen wollte. Bosnien ist aus einer Form des Lebens entstanden."

Die Faszination von Georg Büchners Dramen

Dzevad Karahasan ist, auch vor diesem Hintergrund, ein Vermittler. In seinen Büchern erzählt er – in Sarajevo und in Graz lebend – dem Rest Europas von Geschichte und Gegenwart in Bosnien. Und schreibt sich ein in die in der griechischen Antike beginnende europäische Literaturgeschichte. Für sein literarisches Werk wurde der Schriftsteller vielfach ausgezeichnet – darunter mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt/Main.

Zugleich trägt Dzevad Karahasan die europäische Tradition nach Bosnien. Als er nach dem Krieg nach Sarajevo zurückkehrte, hat er am Theater zuerst die Stücke von Georg Büchner inszeniert. Er sagt, Büchner habe sie im Auftrag von Sarajevo geschrieben. Dass es 170 Jahre im Voraus geschah, sei eine technische Kleinigkeit: "Büchner hat uns sehr klar gezeigt, wie übrigens auch unser großer Schriftsteller Ivo Andric, dass die Geschichte ein Monster ist", so Dzevad Karahasan, "ein Monster, das sich von unserem Blut, von unserem Leiden, von unseren Tränen, von unserer Freude ernährt, um weiter gehen zu können. Dieses der-Geschichte-ausgesetzt-Sein hat Büchner großartig artikuliert – und uns in Sarajevo, in Bosnien vor Augen geführt."

Das Schreiben als wichtigste Form der Erkenntnis

Die Literatur besitzt in dieser Perspektive eine große Kraft. Sie lehnt sich auf gegen das Vergessen, bewahrt in den Geschichten Erinnerungen, eröffnet Räume der Reflexion über unbequeme Fragen. Und sie sei überhaupt eine der wichtigsten Formen der Erkenntnis, glaubt Dzevad Karahasan. Das Werk des bosnischen Erzählers – darunter auch der neue Roman "Einübung ins Schweben" – verteidigt die menschliche Existenz, gerade indem er berichtet vom Überleben in einer Zeit großer Unmenschlichkeit.

Dzevad Karahasans neuer Roman „Einübung ins Schweben“ ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, in der Übersetzung von Katharina Wolff-Grieshaber. Morgen (am 26.1.) ist der Schriftsteller zu Gast im Münchner Literaturhaus. Mehr über seinen Roman am Sonntag im Büchermagazin Diwan auf Bayern 2.

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