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Labyrinth im Maisfeld
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Autoren

Michael Reitz
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Labyrinth im Maisfeld

Ob es um Theseus geht, der im antiken Kreta das Ungeheuer Monitors in einem Labyrinth tötet, oder um die berühmte Spirale auf dem Boden der Kathedrale von Chartres – Labyrinthe waren immer mehr als nur architektonische Kunststücke, die den Menschen verwirren oder sich verirren lassen sollten. Spirituell sollten sie Menschen dabei helfen, Lebensfragen zu beantworten.

Der mystische Plan im Chaos der Welt

Bereits in der Antike wurden Labyrinthe gebaut, die religiösen Zwecken dienten – als Grabstätten, Opferplätze oder Orte für die Rituale der Priester. Im christlichen Mittelalter setzt ein wahrer Bauboom für Labyrinthe ein. Vor allem in Frankreich finden sich ab dieser Zeit labyrinthische Zeichnungen auf den Fußböden. Die Idee dahinter war offenbar, die Menschen mit ihrer Mitte in Verbindung zu bringen. Und sie nicht verzweifeln zu lassen an den Wirrnissen des Lebens. Im 20. Jahrhundert hat dies der argentinische Dichter Jorge Luis Borges ausgedrückt: "Wenn die Welt ein Chaos ist, sind wir verloren. Wenn sie jedoch ein Labyrinth ist, dann besteht noch Hoffnung; es gibt ein Ziel: einen versteckten und mystischen Plan inmitten dieses scheinbaren Chaos."

Der Allgäuer Lebensberater und Psychologe Robert Wörz nutzt Labyrinthe in der freien Natur, um Menschen in Krisensituationen zu helfen: Oft gehe es um private Anliegen. "Und was auffällt, es sind sehr viel Suchende dabei", so Wörz. "Die suchen ihren Weg in die eigene Mitte. Die suchen ihren Platz. Die suchen nach einer Veränderung. Die suchen den Weg. Also diese Suche steht schon auch sehr oft im Vordergrund. Und da ist natürlich dann auch ab der Mitte des Lebens die Suche nach dem Sinn des Lebens."

Robert Wörz geht mit seinen Klienten oft in Labyrinthe in der Natur in Mittelschwaben, Oberbayern und im Allgäu. Mehr als vierzig Labyrinthe finden sich dort, die regelmäßig genutzt werden. Das langsame, meditative Gehen in einem Labyrinth – vor allem, wenn es sich in freier Natur befindet – kann befreiende Wirkungen entfalten und zu einer spirituellen Erfahrung oder einer Art seelischer Reinigung führen.

Neuausrichtung im Leben

Unabhängig von der religiösen Orientierung geht es Menschen in Labyrinth-Seminaren und Workshops um eine Neuausrichtung in ihrem Leben. Und manchmal geht das nicht ohne seelische Schmerzen, wie Benedikta Bartsch erzählt. Sie ist Diplompädagogin und Grundschullehrerin und nutzt für ihre pädagogische Arbeit mit Kindern und Erwachsenen Labyrinthe, wie zum Beispiel das in der Brühler Kirche Sankt Stephan.

„Sehr ergreifend ist, dass Menschen also auch weinend den Weg gehen. Es macht etwas mit dem Menschen und das sieht man eben dann nicht immer, aber beim Weinen sieht man das. Es bleiben auch Menschen stehen und können nicht weitergehen. (…) Oder sie warten einfach in der Mitte und wollen in der Mitte verweilen, weil das für sie gut ist im Moment. Das ist ganz oft so, dass die Menschen sagen, das ist fast wie ein Wegweiser. Ich hab begonnen zu verstehen. Also und dies vielleicht etwas ist, was sie mitnehmen können, was sie vielleicht auch als Richtschnur oder so für ihr Leben benutzen.“ Benedikta Bartsch

Labyrinthe lehren, auf die eigene Seele zu hören. So sieht es jedenfalls Gernot Candolini. Der in Innsbruck lebende Autor und Fotograf ist europaweit seit zwanzig Jahren einer der gefragtesten Designer von Labyrinthen. „Es ist eine Bodengestaltung, die da vor uns liegt und indem wir es betreten und darauf gehen, gehen wir sozusagen ein Stück weit mit unserem Körper den inneren Windungen und Wendungen des Lebens nach“, sagt Candolini. Das könne etwas in Bewegung bringen. Was an den Labyrinthen mystisch oder magisch sei, sei ja nichts anderes als das, was in der Seele sei. Labyrinthe würden helfen, etwas ins Bewusstsein zu bringen. „Indem wir diese verschlungenen Wege nachgehen, gehen wir auch diesen inneren verschlungenen Wegen nach.“

Der Labyrinthdesigner Candolini sieht die Renaissance der Irrgärten auch im menschlichen Bedürfnis nach eigenen authentischen Erfahrungen begründet. Auch das Pilgern sei in den letzten Jahren neu aufgeblüht, weil der Mensch mit sich selbst auf gute Gedanken kommen wolle und sich für sich selbst Zeit nehmen möchte. „Labyrinthe können das. Die schaffen eben einfach einen Raum, einen relativ neutralen Ort, da wird man auch nicht gefordert in bestimmter Weise, besonders fromm zu sein oder irgendwie konfessionell. Das Labyrinth ist ja wirklich ganz frei.“

Auftraggeber Kirchengemeinden

Viele Kirchengemeinden und auch Selbsterfahrungsgruppen haben das für sich entdeckt. Nicht selten wenden sie sich dann an den Labyrinth-Designer Gernot Candolini. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, Labyrinthe an Orten zu bauen, wo sie traditionell zu finden sind: in Kirchenschiffen, Freizeitparks oder an beliebten Ausflugszielen der Naherholung. Denn das Bedürfnis nach Neuausrichtung und Rückzug ist beispielsweise auch bei Gefängnisinsassen anzutreffen. Vor einiger Zeit erreichte Gernot Candolini die Anfrage des Gefängnisseelsorgers Bernhard Haschka aus der Justizvollzugsanstalt Gerasdorf bei Wien.

„Und dann haben wir da gemeinsam überlegt und geplant und haben dann auch dieses Labyrinth gebaut mit Strafgefangenen", erzählt Gernot Candolini. Das war in einem Jugendgefängnis mit Jugendstraftätern, die allesamt ziemlich viel ausgefressen gehabt haben. Und die dann später sagen, das ist der einzige Ort, wo sie ein bissel zum Nachdenken kommen. Das ist der einzige Ort, wo sie ein bissel reflektieren können.“

Ein Friedenslabyrinth

Doch das Lieblingsprojekt Gernot Candolinis liegt nicht in Europa, sondern in Israel. Dort hat er mit Palästinensern gemeinsam ein Friedenslabyrinth gebaut, „in die wir in die Blume in der Mitte auch in sechs verschiedenen Sprachen das Wort ‚Frieden’ hineingeschrieben haben, und das ist in der größten palästinensischen Schule in Israel, ist mit viertausend Kindern, mit der Hoffnung, dass jedes Kind, das dieses Labyrinth begeht, so ein Gefühl dafür kriegt, dass es sich lohnt, den langen Weg zum Frieden zu gehen.“

Für Gernot Candolini ist das Interessante an Labyrinthen aber nicht nur der Weg hinein, zu sich selbst, sondern auch der Weg hinaus: „Alle antiken Darstellungen, ob es römische Darstellungen oder griechische Darstellungen sind, zeigen ein Einweg- Labyrinth, ein Weg zur Mitte. Verschlungen zwar, aber nur ein Weg. Und es gibt sogar griechische Schriftsteller, die die Frage stellen: Wenn Theseus in einem Labyrinth war, wozu braucht er dann eigentlich einen Faden? Aber das Spannende ist, man muss die Frage nur einen Hauch anders stellen, und schon macht es Sinn, nämlich nicht, dass er den Faden braucht, damit er herausfindet, sondern dass er den Faden braucht, dass er überhaupt rausgeht. Denn viele Menschen, die so etwas Ungeheuerliches überwunden haben oder besiegt haben, denken sich, na, wo ist das nächste Ungeheuer? Na, besiegen wir gleich das nächste. Und vergessen den Weg in die Beziehung (…) Deswegen nennt man ja auch den Weg ins Labyrinth hinein den Weg der Erkenntnis und den Weg aus dem Labyrinth heraus den Weg der Liebe.“

Autoren

Michael Reitz

Sendung

Evangelische Perspektiven vom 12.08.2018 - 08:30 Uhr