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"Dunkle Prinzessin": Neues von und über Susan Sontag | BR24

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Zwei Biografien über die New Yorker Autorin und ein Band mit Erzählungen: Wer sich für Susan Sontag interessiert, findet viel neuen Lesestoff

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"Dunkle Prinzessin": Neues von und über Susan Sontag

Scharfer Verstand und Glamour: Susan Sontag wurde schon vor ihrem Tod 2004 als Ikone gefeiert. Jetzt zeigen neue Bücher von ihr und über sie, wie aktuell die Schriften und Gedanken der New Yorker Schriftstellerin, Kritikerin und Filmemacherin sind.

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Von
  • Christine Hamel

Seit dieser Büchersaison gibt es so gut wie nichts mehr im Leben von Susan Sontag, wovon man nicht wüsste: Drei neue Bücher sind auf Deutsch über und von der amerikanischen Intellektuellen erschienen, darunter das auch äußerlich an einen "Meilenstein" erinnernde Buch des amerikanischen Historikers Benjamin Moser. 805 Seiten umfasst seine mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete und mit vielen Fotografien bestückte Biografie. Eine enorme Materialfülle, die Moser durch einen psychoanalytischen Zugriff ordnet und strukturiert.

"Kriegerin" und "dunkle Prinzessin"

Die Biographie eröffnet mit schwarz-weiß Fotografien: Susan Sontag trägt Rollkragenpullover und liegt auf der Seite auf einem Bett, der Kopf ist auf den Arm gestützt oder liegt auf dem rechten Arm auf. Sie ist jung und schön, das schwer fallende dunkle Haar, die langgestreckten Arme, die feinsinnigen Hände, das ebenmäßige, ausdrucksstarke Gesicht.

"Hochgewachsen, mit olivfarbener Haut," schreibt Benjamin Moser, "stark nachgezogenen Picasso-Augenlidern, gleichmütigen Lippen, weniger gekräuselt als bei Mona Lisa, war Sontag bei den größten Fotografen ihrer Zeit begehrt. Sie war Athene, nicht Aphrodite: eine Kriegerin, eine 'dunkle Prinzessin'. Mit dem Verstand eines europäischen Philosophen und dem Aussehen eines Musketiers vereinigte sie Eigenschaften in sich, die man sonst nur von Männern kannte. Neu war, dass sie in einer Frau zusammentrafen – für Generationen von künstlerischen und intellektuellen Frauen ein Vorbild, überzeugender als alles bisher Gekannte."

Die Marke Susan Sontag

Susan Sontag ist immer auch Marke, eine Ikone, die Geistesschärfe und Glamour in sich vereint. Eloquent und beherzt raut Benjamin Moser in seiner Biografie die Oberfläche des Pop-Phänomens Sontag nun auf: Viel Erzwingungsenergie des Buches scheint da durch, wo Moser autoritär daran geht, den Star-Status von Susan Sontag zu entzaubern, etwa wenn er schreibt: "Stets hatte sie ihre Belange auf andere projiziert. (...) der Glaube an das Image, das sie geschaffen hatte, – das Image der Frau, die auf niemanden hörte, die immer recht hatte –, wurde mehr und mehr zu einer Lebenslüge."

Eine der Stärken von Susan Sontag lag darin, dass alles, was von anderen über sie gesagt werden konnte, zuerst und am besten von Susan Sontag gesagt wurde. Mosers Biografie bewegt sich zwischen kunstvoll komponiertem Lebensweg, in den auch die Werkgenese geschickt eingebettet ist, und detailversessenem Psychogramm. Das Bild, das er von Sontag zeichnet, fällt dabei bisweilen erstaunlich schematisch aus. Seine unumstößlichen Formulierungen erregen immer mal wieder Unwillen.

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Bildrechte: Pinguin Verlag

Cover von Benjamin Mosers Biografie über Susan Sontag

Gleichgültigkeit als tiefgreifendste Erfahrung

Die wesentlichen Fakten im Leben von Susan Sontag sind natürlich hinlänglich bekannt. Die Kindheit ist von einem doppelten Trauma gezeichnet: im Sommer 1939 stirbt der Vater, woraufhin die Mutter im Alkoholrausch verschwindet. "Meine tiefgreifendste Erfahrung ist nicht Tadel, sondern Gleichgültigkeit", schrieb Sontag Jahre später.

Die Probleme wachsen, als sie 17jährig ihren Professor heiratet und 1952, da ist sie 19 Jahre alt, einen Sohn gebärt. Verlässliche Modelle für das Muttersein hat sie nicht, also schlägt sie die Flucht nach Europa ein. Abrupte Verwandlungen werden zu einem Lebensmuster, dem Benjamin Moser viel Aufmerksamkeit schenkt. Prägende Jahre in Europa folgen, vor allem in Paris, und schließlich die Ankunft in der künstlerischen und intellektuellen Szene New Yorks: Susan Sontag hat zahllose Affären mit Männern und Frauen, u.a. mit Jasper Johns, Warren Beatty, der Dramatikerin Maria Irene Fornés, Robert Kennedy, Joseph Brodsky oder der Tänzerin und Choreografin Lucina Childs. Sie wird verehrt, aber sie selbst hadert unablässig mit sich. Halt gibt ihr allein intellektuelle Arbeit: Es entstehen zahlreiche Essays, die ihren Ruhm begründen: "Against Interpretation" wird ihr 1966 den Durchbruch bringen. "Anklage gegen Amerika", "Notes on Camp", "Gesten radikalen Willens" und die beiden weltweit berühmten Denkstücke "Über Fotographie" oder "Krankheit als Metapher" verfestigen ihren Status als intellektuelle Ikone.

"Sempre Susan": Weniger wäre mehr gewesen

Mit 42 Jahren hat Susan Sontag einen Tumor in der linken Brust. Die Behandlung zieht sich über Jahre hin, ein schwerer Einschnitt in ihrem reichen Leben. Sontag braucht in dieser Zeit eine Assistentin und stellt Sigrid Nunez ein. "Sempre Susan" ist der Titel der nun auch auf Deutsch erschienen Erinnerungen der amerikanischen Schriftstellerin. Der Ton: schonungslos ausplaudernd. Ist es wichtig, dass Susan Sontag Nägel kaute und verlegen war wegen Schwangerschaftsstreifen, die ihr geblieben waren? Es stimmt schon, Sigrid Nunez war dicht dran an Sontag und mitten drin in ihrem Leben. Sie war die Freundin von Susans Sohn David Rieff und zog bei den beiden in New York am Riverside Drive 340 mit ein.

Das Buch enthält denn auch viele Einblicke in den Alltag: Susan Sontag mag keine Handtaschen, gekocht wird in "340" so gut wie nie, die Wohnung – strikt antibürgerlich, Frauen, die über Menstruationsbeschwerden klagen, sind ihr verhasst, allein sein kann Susan Sontag nicht aushalten, das Wort Entschuldigung gibt es in ihrem Wortschatz nicht, sie sprudelt vor didaktischer Begeisterung, liebt es, zu schmeicheln und zu loben, leidet an mangelnder Schreibdisziplin und intensiver Unzufriedenheit mit der Welt und erwirbt sich bei Einladungen zu Vorträgen, auf die sie sich grundsätzlich nicht vorbereitet, den Ruf, ein Monster an Arroganz und Rücksichtslosigkeit zu sein.

© Aufbau Verlag
Bildrechte: Aufbau Verlag

Buchcover von Sigrid Nunez "Erinnerungen an Susan Sontag"

Jede Menge Herabwürdigungen

Viel Beachtung in den Erinnerungen findet neben dem schwierigen Mutter-Sohn-Verhältnis auch die eigene Schriftstellerwerdung von Sigrid Nunez, die Heranführung an Lektüren und Denkweisen durch Susan Sontag und der Austausch über das Schreiben. Die Diva macht keinen Hehl aus ihrer Geringschätzung für die Texte ihrer Assistentin, bei Lesungen etwa kommentiert sie, dass Nunez gut gelesen habe. Hinter der Offenheit, mit der die Autorin in ihren Erinnerungen von allerlei Herabwürdigungen erzählt, schwingt hier und da so manches Ressentiment mit.

Trotzdem sind Sigrid Nunez' Erinnerungen an das Zusammenleben mit Susan Sontag im Frühling 1976 ein Buch, das man in einem Atemzug liest: Die 141 Seiten sind nicht zuletzt eine aufregende Momentaufnahme des Lebens in New York inmitten von Künstlern und Intellektuellen – Susan Sontag war zu dieser Zeit mit dem russischen Dichter Josef Brodskij liiert, der, so Nunez, immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen musste. Doch Nunez schreibt auch: "Muss ich überhaupt erwähnen, was für ein riesiges Privileg es war, den beiden zuzuhören? Im Rückblick wünschte ich mir, dass ich mehr Freude empfinden könnte – oder mich zumindest auf eine Weise erinnern, die nicht so schmerzhaft ist."

"Wie wir jetzt leben": Wieder aktuelle Kurzgeschichten

Das dritte Sontag-Buch ist ein Band mit fünf Kurzgeschichten der Autorin selbst. "Wie wir jetzt leben" ist die Titelgeschichte, die 1986 im New Yorker erschien und jetzt neu von Kathrin Razum übersetzt wurde: Präzise und kongenial in dieser harten Schmucklosigkeit, die für Susan Sontags Stil charakteristisch ist. Die Geschichte protokolliert die Veränderung des Lebens durch Aids. Susan Sontag orchestriert einen Chor unterschiedlicher Stimmen in einem Freundeskreis, in dem ein namenlos Bleibender aidskrank ist.

Sontag beschreibt die Lage so: "Erst hat er nur abgenommen, sich nur etwas angeschlagen gefühlt, sagte Max zu Ellen, und Greg zufolge war er nicht zum Arzt gegangen, weil er es schaffte, mehr oder weniger im gleichen Rhythmus weiterzuarbeiten, allerdings hörte er, wie Tanya anmerkte, mit dem Rauchen auf, was nahelegt, dass er Angst hatte, aber auch, dass er, mehr als ihm bewusst war, gesund sein wollte, oder jedenfalls gesünder, vielleicht wollte er auch nur wieder ein paar Kilo zunehmen, sagte Orson, denn, fuhr Tanya fort, er hatte ihr erzählt, dass er damit gerechnet habe, die Wände hochzugehen."

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Buchcover zu Susan Sontags "Wie wir jetzt leben"

Alle reden über Aids

27 Seiten geht es so weiter. Alle reden über Aids. So wie jetzt alle über Corona reden. Die Gegenwart gibt der Geschichte gerade besonderes Gewicht. Treffend hat Susan Sontag den Small Talk in einer New Yorker Intellektuellen-Clique abgehört und die Gefühle angesichts des baldigen Freundtodes protokolliert: Trauer, Angst, Empathie, Resignation, Eifersucht und Hoffnung – der Kranke, freundlich bedacht, beschenkt, bekümmert und umsorgt, bleibt indes stumm. Die Folge seiner Objektivierung.

In der autobiografischen Short Story "Die Wallfahrt" erzählt Susan Sontag indes von ihrem Besuch bei Thomas Mann in Pacific Palisades, eingefädelt von einem Schulfreund. Eine herrlich pointierte und anschauliche Momentaufnahme: "Ich erinnere mich an seinen Ernst, an seinen Akzent, an die Langsamkeit, mit der er sprach: ich hatte noch nie jemanden so langsam sprechen hören. (…) 'Ich habe vor kurzem einen Roman abgeschlossen, der zum Teil auf dem Leben Nietzsches beruht', sagte er mit riesigen, beunruhigenden Pausen zwischen den einzelnen Wörtern. 'Aber der Protagonist ist kein Philosoph. Er ist ein großer Komponist.' 'Ich weiß, wie wichtig Ihnen die Musik ist', wagte ich mich vor, in der Hoffnung, dem Gespräch damit für eine Weile neues Futter zu geben.' 'Sowohl die Höhen als auch die Tiefen der deutschen Seele spiegeln sich in der Musik', sagte er."

Susan Sontag sollte später indes Nietzsche und Patti Smith zusammendenken. Als ihren Lebensgrundsatz formulierte sie einmal "Lesen und Musik hören: der Triumph, nicht ich zu sein".

Instanz des Seins statt Scheins

Mosers Biografie kommt diesem Sontag-Ich allein durch die Materialfülle nah, Sigrid Nunez durch ihr monatelanges Leben im Haus der Schriftstellerin. Beide zeichnen das Bild einer anstrengenden Exzentrikerin, von der wir heute manchmal kopfschüttelnd lesen mögen. Aber im 20. Jahrhundert war der Auftritt von Künstlern und Intellektuellen ungleich markanter, selbstherrlicher und Klaus-Kinski-hafter. Das entgeht beiden Autoren. Damals gab es den Versöhnungsanspruch des Pop, nichts und niemanden auszuschließen, noch nicht. Alles ging noch ungleich rauer zu. Aber Susan Sontag verzeichnete seismographisch den Beginn des Übergangs zu einer Welt, die zunehmend in die Sensationen der Oberfläche vernarrt ist und dem Schein huldigt. Sie selbst, davon berichten sowohl Mosers Biographie als auch Nunez Erinnerungen, begriff sich dagegen als eine Instanz des Seins, sie war bildungshungrig, leseversessen, kunstverliebt. Wie aufregend das sein kann, erfährt man bei ihr selbst.

Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Pinguin Verlag, 928 Seiten.

Sigrid Nunez: Sempre Susan. Aus dem Amerikanischen von Annette Grube. Aufbau Verlag, 141 Seiten.

Susan Sontag: Wie wir jetzt leben. Erzählungen. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser Verlag 124 Seiten.

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