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"Dunkelnacht" von Kirsten Boie: Letzte NS-Verbrechen | BR24

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Kirsten Boies Roman "Dunkelnacht" erzählt vom Kriegsende in Penzberg

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"Dunkelnacht" von Kirsten Boie: Letzte NS-Verbrechen

Kriegsende in Penzberg: Obwohl die Niederlage der Nazis kurz bevorsteht, ermorden NS-Anhänger ihnen missliebige Bürger der Stadt. In "Dunkelnacht" erzählt Kirsten Boie davon, wozu ganz normale Menschen in der Lage sind – auch aus aktuellem Anlass.

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Von
  • Niels Beintker

Hans Rummer hatte keine Chance. In den Morgenstunden des 28. April 1945 organisierte er – bis 1933 Stadtoberhaupt in Penzberg – einen friedlichen Machtwechsel in der oberbayerischen Stadt: Er bat den jetzigen Bürgermeister, abzutreten, sicherte ihm Schutz und Freiheit zu. Kommissarisch im Amt wollte er Penzberg auf die Befreiung vorbereiten und vor möglicher Gewalt bewahren. Der Radio-Aufruf der "Freiheitsaktion Bayern" hatte ihn dazu animiert. Zusammen mit den Männern, die ihn ins Rathaus begleitet hatten, wurde Rummer jedoch von einer Wehrmachtseinheit festgesetzt und am späten Nachmittag erschossen.

Mordnacht in Penzberg

Diesem Penzberger Mordtag folgte eine Mordnacht, wie Kirsten Boie in "Dunkelnacht" erzählt. Nach der Wehrmachtsaktion ging eine Werwolf-Gruppe gegen weitere vermeintliche Verschwörer vor. "Es wurden Listen erstellt, von Menschen, die man für unzuverlässig hielt," erzählt Boie. "Dafür brauchte es keine Beweise, keine Belege. Es wurden einfach diese Listen erstellt. Und dann hat man es tatsächlich noch geschafft, acht dieser Menschen zu erhängen. Es wurden ihnen Schilder um den Hals gehängt, auf denen stand: 'Werwolf' – als Warnung für alle anderen."

Sie sei durch Zufall auf diese Geschichte gestoßen, sagt Kirsten Boie. Schuld war die Lektüre von Harald Jähners historischer Studie "Wolfszeit". Boie begann zu recherchieren, bekam dabei Unterstützung von der Penzberger Archivarin Bettina Wutz. Der Roman "Dunkelnacht" erzählt so die reale Geschichte. Die einzige Fiktion: Die Ereignisse werden aus der Perspektive von drei erfundenen Jugendlichen geschildert: da die Tochter eines Metzgers, der zur Gruppe um den einstigen Bürgermeister gehörte und als einziger der Mordaktion entkam, dort der Sohn des Polizisten, da schließlich Gustl, der sich der Werwolf-Einheit angeschlossen hat, um die Herkunft aus einem kommunistischen Elternhaus irgendwie abzustoßen. Er wird zum Zuschauer der Lynchmorde.

Es sei ihr wichtig gewesen, diese Geschichte zu erzählen: "Auch im Hinblick darauf, wie Jugendliche heute mit dieser Zeit umgehen. Ich denke, es ist einfach ein Ereignis, das zeigt, wozu Menschen überhaupt in der Lage sind, ganz normale Menschen. Das hat mich sehr erschüttert. In dem Augenblick, in dem ich es gelesen habe, wusste ich, ich schreibe darüber."

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Bildrechte: Verlagsgruppe Oettinger

Buchcover: "Dunkelnacht" von Kirsten Boie

Eindrückliche Sprache

Für ihren Roman hat Kirsten Boie eine eindrückliche Sprache gefunden: Karg und dokumentarisch. Gleichzeitig ist sie rhythmisch, wird durch Wiederholungen bestimmt. Immer wieder treten einzelne markante Sätze hervor. Etwa dann, wenn die Lynchmorde beginnen und die Erzählerstimme bemerkt, der Mensch sei ein zerbrechliches Geschöpf, ein Wunder eigentlich, dass ihm nicht mehr passiere.

Es sei eine Herausforderung, das zu erzählen, was so schwer in Worte zu fassen ist: der Tod, die Ermordung eines Menschen. "Es ist mir schnell klar geworden," so Boie, "dass das nicht breit episch angelegt werden darf, sondern sehr knapp erzählt werden muss. Sobald ich aber den Ton für die Geschichte habe – und das habe ich mit den ersten paar Sätzen – trägt es mich weiter. Von da an ist es nicht mehr schwierig."

Boies erster Roman über den NS

Immer wieder schon hat Kirsten Boie über die Zeitgeschichte geschrieben, etwa über das Schweigen in der Nachkriegszeit. "Dunkelnacht" ist ihr erster Roman über den Nationalsozialismus. Er erscheint in einer Zeit, in der die Erinnerungskultur in Deutschland nicht zuletzt von einer zu Teilen rechtsextremen Partei massiv in Frage gestellt und in der die öffentliche Sprache zunehmend aggressiver wird. Man kann dem neuen Roman auch eine Sorge angesichts dieser Entwicklungen ablesen.

Kirsten Boie bestätigt, das die politische Gegenwart maßgeblich zur Wahl dieses Themas beigetragen habe: "Weil ich glaube, es gerät immer stärker in Vergessenheit, vor allen Dingen auch bei jungen Menschen. Und was danach bleibt, ist zum Teile eine geradezu perverse Bewunderung für das, was in diesen zwölf Jahren in Deutschland passiert ist. Und da muss man sehen, dass man gegensteuert."

"Dunkelnacht" endet in den frühen Morgenstunden des 29. April 1945. Die spätere juristische Auseinandersetzung mit den Verbrechen in Penzberg schildert Kirsten Boie in einem Nachwort. 1948 gab es einen umfangreichen Prozess gegen die Mörder von Penzberg. Er endete mit zwei Todesurteilen und Haftstrafen von unterschiedlicher Länge. Die Angeklagten gingen alle in Berufung, zum Teil mehrfach und am Ende erfolgreich: Sie wurden freigesprochen, Hans Zöberlein, Führer der Werwolfgruppe, erhielt 1958 Haftverschonung aus gesundheitlichen Gründen. Jetzt wird an die 16 Ermordeten aus Penzberg und ihre Geschichte erinnert.

"Dunkelnacht" von Kirsten Boie ist bei der Verlagsgruppe Oetinger erschienen und kostet 13 Euro.

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