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Dunkelmeditation: Was macht die Finsternis mit mir? | BR24

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Totale Dunkelheit gibt es kaum noch: Straßenlaternen oder Smartphones erhellen nachts viele Schlafzimmer. Da wundert es nicht, wenn Menschen bewusst die Finsternis aufsuchen. Sie sagen: Dunkelmeditationen können entspannen, aber auch gefährlich sein.

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Dunkelmeditation: Was macht die Finsternis mit mir?

Totale Dunkelheit gibt es kaum noch: Straßenlaternen oder Smartphones erhellen nachts viele Schlafzimmer. Da wundert es nicht, wenn Menschen bewusst die Finsternis aufsuchen. Sie sagen: Dunkelmeditationen können entspannen, aber auch gefährlich sein.

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Schloss Blumenthal bei Augsburg: Ein paar Steinstufen hinunter, schon stehe ich vor dem Eingang zu dem dunklen Kreuzgewölbe. In der Mitte des Raums flackern ein paar Kerzen, schemenhaft sind die Silhouetten von den anderen Teilnehmern zu erkennen, die bereits in Decken gehüllt auf Schaffellen im Kreis sitzen. Auch ich streife mir die Schuhe ab und suche mir einen Platz neben der Tür. Gleich wird das Licht ausgehen, und wir werden in vollkommener Dunkelheit sitzen.

Ich muss dazu sagen: Normalerweise meditiere ich nie. Dazu bin ich zu ungeduldig und lasse mich zu leicht ablenken. Dass ich mich auf eine Dreiviertelstunde Meditation einlasse – noch dazu im Dunkeln – ist für mich eine echte Herausforderung.

45 Minuten Meditation in völliger Dunkelheit

"Falls ungute Gefühle aufkommen", rät die Meditationslehrerin Sabine Horack, "einfach versuchen, sich in seinen Körper zu fühlen und tief atmen". Wenn das Gefühl nicht nachlässt, dürfen sich die Teilnehmer der Dunkelmeditation jederzeit bemerkbar machen. Wer eine Brille trägt, soll probieren, diese abzunehmen – das sei entspannend für die Augen. "Habt ihr eure Handys ausgeschaltet?" - fragt Sabine Horack noch. Dann bläst sie die Kerzen aus.

Jetzt ist es still und dunkel. Stockdunkel. Kein Straßenlicht fällt mehr in den Raum, kein Lichtstrahl ist unter der Tür sichtbar. Das Kellergewölbe ist völlig abgedunkelt. Das ist eine Erfahrung, die neu für mich ist. Denn ein bisschen Licht sieht man ja eigentlich immer, und wenn es nur das beleuchtete Zifferblatt des Weckers im Schlafzimmer ist. Jetzt ist es so dunkel, dass ich meine Hand nicht mehr vor den Augen sehe. Eine Dreiviertel Stunde lang werden ich gemeinsam mit den anderen so sitzen. Mit offenen Augen in die Dunkelheit schauen. Denn darum geht es: Die Dunkelheit in sich aufnehmen, so hat es mir die Heilpraktikerin Sabine Horack zuvor erklärt: "Es geht darum, die innere Wahrnehmung zu stärken: Mit offenen Augen alles zulassen, was der Körper macht, vielleicht tränen die Augen oder es brennt – und dann bleibt man dabei und lässt die Dunkelheit langsam durch die Augen eintreten."

Lange Geschichte der Dunkelmeditationen

Dunkelmeditationen haben eine lange Tradition und finden sich in den alten Kulturen Indiens, Japans sowie in Tibet. Bis heute gibt es Yogis, die tagelang in Höhlen meditieren. Sabine Horack führt ihre Dunkelmeditation auf die indischen Veden zurück: "Da wird davon ausgegangen, dass die Dunkelheit immer da ist – sie liegt unter allen Dingen", sagt Horack, "sie ist immer und ewig. Licht kommt und geht und die Dunkelheit bleibt. Es ist auf eine Art der Ursprung der Existenz."

Also schaue ich in die Dunkelheit und versuche, das zu tun, wofür mir sonst die Geduld fehlt, zu meditieren. Ich muss mich mit der Zeit, aber auch mit der Sitzhaltung arrangieren. Schnell gleiten meine Gedanken ab. Und mir wird kalt. Ziemlich kalt. Als ich versuche, mich möglichst leise in die Wolldecke einzuwickeln, merke ich: In der Stille ist das gar nicht so einfach. Im Dunkeln ist jedes Rascheln laut. Überhaupt sind meine Sinne geschärft, irgendwo höre ich eine Tür schlagen, ein tiefer Atemzug ist plötzlich ein lautes Geräusch. Unsere Meditationslehrerin meint dazu: "Wir haben Angst vor dem Nichts – aber da ist ja nicht nichts, da gibt es viel zu entdecken. In der Meditation nehmen wir viel wahr: Gedanken, Impulse von Innen, Gefühle, Geräusche. Man entspannt immer mehr. Ich erlebe, dass sich ein innerer Raum öffnet und ich im Einklang bin."

Nicht ablenken lassen, denke ich. Und konzentriere mich wieder auf meine Augen und das Schauen in die Dunkelheit. So ganz ohne Licht, ohne Smartphone und Uhr habe ich bald das Zeitgefühl verloren. Sind inzwischen schon fünf Minuten vorbei oder zehn? Ich weiß es nicht und schaue weiter in die Dunkelheit. Schwarz, Nichts. Dachte ich. Aber ich werde überrascht. Immer wieder tauchen vor meinen Augen weiße Blitze auf, die wie dünne Bindfäden vor meinen Augen tanzen. Die Dunkelheit ist eben nicht schwarz. Was ich mir zwar nicht erklären kann, was aber meine Neugier weckt.

Zehn Tage in Dunkelheit

45 Minuten Dunkelmeditation ist das eine. Es gibt aber auch Menschen, die mehrere Tage oder sogar Wochen in Dunkelheit verbringen. Einer der das vor ein einigen Jahren gemacht hat ist Guido Sarrazin. Zehn Tage lang war er in einem Dunkelretreat-Haus im Schwarzwald. "Bilder, Erfahrungen, alles verdrängte kommt hoch. Damit beschäftigt man sich und man begegnet sich selbst", erinnert er sich.

So eine lange Zeit im Dunkeln zu verbringen stelle ich mir schwierig vor. Ich frage mich: Was macht die Dunkelheit mit der Psyche? Welche Gedanken kommen da? Wie sehr gerät man ins Grübeln?

Lange Dunkelretreats sind nicht ganz ungefährlich, sagt Guido Sarrazin. Denn es kann passieren, dass der Aufenthalt in der Dunkelheit Prozesse anstößt, die man selbst nicht mehr steuern kann. Er rät deshalb, sich auf jeden Fall einen erfahrenen Dunkel-Therapeuten zu suchen. "Das ist nicht für jeden ratsam", bestätigt auch Sabine Horack, wenn es um längere Dunkelmediationen geht. "Ich schau mir die Leute an, die kommen, ob das jemand ist, der Erfahrung hat und wie die psychische Stabilität ist." Einer der Teilnehmer sagt, für ihn sei das Dunkel nach einer Weile gar nicht mehr dunkel gewesen: " Ich habe mich gefühlt wie ein Fisch in der Tiefsee."

Die Angst vor der Dunkelheit war es, weshalb ich gezögert hatte, an der Meditation teilzunehmen. Umso erstaunter bin ich, als ich irgendwann feststelle: Ich fange an, mich in der Dunkelheit wohl zu fühlen. Gleichzeitig weiß ich aber auch: Eine Dreiviertel Stunde ist etwas anderes als zehn Tage.

Als der Gong erklingt, überrascht mich das. Die Zeit ist dann doch schnell vergangen. Jetzt nehme ich auch wieder die anderen Teilnehmer wahr, die sich zur Entspannung hinlegen. Ein leises Schnarchen ist zu hören. Wenig später zündet Sabine Horack die Kerzen wieder an. Ob ich wieder im Dunkeln meditieren werde, frage ich mich. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: In der Nacht nach der Meditation habe ich so fest geschlafen wie lange nicht.