Der Philosoph im Juli 2018 in Berlin

Jürgen Habermas

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    "Dummheit gegen Verstand": Schwächen Intellektuelle die Ukraine?

    "Dummheit gegen Verstand": Schwächen Intellektuelle die Ukraine?

    Frontalangriff auf Großdenker wie Jürgen Habermas: Er und viele andere hätten das Gefühl für "einfache Wahrheiten" verloren und fielen der Ukraine in den Rücken, kritisiert der portugiesische Ex-Minister Bruno Maçães: "Wir sind von Snobs umgeben."

    Um eine Polemik war der frühere portugiesische Europa-Minister und an der Harvard-Universität ausgebildete Stratege Bruno Maçães (48) noch nie verlegen. Jetzt hat er sich in der angesehenen US-Zeitschrift "New Stateman" den "Snobismus" von Intellektuellen vorgeknöpft, was den Angriffskrieg auf die Ukraine betrifft. Da gebe es konservative Leute, die ihm gestanden hätten, sie drückten insgeheim die Daumen für Russland, weil sie auch "gegen Transsexuellen-Rechte" seien, so Maçães entgeistert. Und Deutschlands international wohl bekanntester lebender Großdenker wird im selben Atemzug abgewatscht: "Es gab Dutzende von deutschen Intellektuellen, die offene Briefe darüber geschrieben haben, dass Frieden besser sei als Krieg. Jürgen Habermas, der ultimative intellektuelle Snob, hat amüsiert über die Kindlichkeit der Ukrainer nachgedacht, die immer noch glaubten, dass Kriege zu gewinnen sind."

    Habermas hatte die "Jüngeren" kritisiert

    Der Soziologe und Philosoph Habermas (93) hatte sich am 29. April mit einem Essay in der "Süddeutschen Zeitung" unter der Überschrift "Krieg und Empörung" zu Wort gemeldet und den vergleichsweise vorsichtigen Kurs von Bundeskanzler Olaf Scholz unterstützt. Er wandte sich scharf gegen einen "Kriegseintritt" des Westens und zeigte sich dabei von den "Jüngeren" überrascht, die am lautesten Waffenlieferungen forderten: "Sie erwecken den Eindruck, als habe sie die völlig neue Realität des Krieges aus ihren pazifistischen Illusionen herausgerissen." Gleichzeitig warnte Habermas vor Einmischungen aus der Ferne: "Ist es nicht ein frommer Selbstbetrug, auf einen Sieg der Ukraine gegen die mörderische russische Kriegführung zu setzen, ohne selbst Waffen in die Hand zu nehmen? Die kriegstreiberische Rhetorik verträgt sich schlecht mit der Zuschauerloge, aus der sie wortstark tönt. Denn sie entkräftet ja nicht die Unberechenbarkeit eines Gegners, der alles auf eine Karte setzen könnte."

    "Für heilige Werte kämpfen"

    Gemeinhin sollten sich Intellektuelle aus dem politischen Streit heraushalten, empfiehlt Bruno Maçães, aber im Fall der Ukraine sei Zurückhaltung unangebracht: "Es ist ein Kampf zwischen denen, die Kultur schaffen, und denen, die nur zerstören wollen. In diesem Fall besteht die Rolle des Intellektuellen darin, seine oder ihre Gesellschaft mit dem Willen zu inspirieren, für heilige Werte zu kämpfen. Es gibt einen Moment, in dem selbst Intellektuelle erkennen müssen, dass alles auf dem Spiel steht, wofür sie stehen: wenn Gewalt gegen Kultur, Dunkelheit gegen Licht, Zerstörung gegen Geschichte, Dummheit gegen Verstand ausgespielt wird."

    Weil sie sich gemeinhin mit ihren komplizierten Theorien befassten, verlören Intellektuelle das Interesse an "einfachen Wahrheiten": "Das Problem ist natürlich, dass die Welt oft viel weniger subtil ist als Theorien, und um sie zu verstehen, muss man sich bewusst bemühen, nicht subtil zu sein. Das schaffen die wenigsten. Für viele Intellektuelle hat es in der Vergangenheit Jahre oder sogar Jahrzehnte gedauert, bis sie gelernt haben, so naiv zu sein wie die Ereignisse um sie herum." Das Recht auf die Wahrheit werde nicht "gewährt", zitiert Maçães den britischen Autor George Orwell, sondern "erkämpft".

    Vorbild Thomas Mann?

    Als leuchtendes Beispiel nennt der Portugiese Thomas Mann, der am 13. Oktober 1943 bei einem Auftritt in der Liberary of Congress in Washington D.C. in seiner Rede "Der Krieg und die Zukunft" zur Rolle der Intellektuellen Stellung genommen hatte. Der Text sei so frisch, als ob er "gestern" zu Papier gebracht worden sei: "Unter bestimmten Bedingungen, sagte Mann, sei es die Pflicht der Intellektuellen, auf ihre Freiheit um der Freiheit willen zu verzichten. Er stelle die Werte von Freiheit und Gerechtigkeit nicht in Frage, sondern bekräftige sie. Es sei seine 'Pflicht, den Mut zu finden, Ideen zu bejahen, bei denen der intellektuelle Snob meint, mit den Schultern zucken zu können.'"

    Auf Twitter gibt es eine angeregte Auseinandersetzung über die Ansichten von Maçães. Die einen werfen ihm selbst "Snobismus" vor, weil er alle, die nicht seiner Meinung seien, entsprechend beschimpfe. Andere lobten, die "echte Wahrheit" erfordere immer Mut. Manch einer sprach von einem "großartigen Essay", andere meinten, es gebe "Intellektuelle und solche, die sich dafür halten". Natürlich äußerten auch nicht wenige die Meinung, Waffen allein würden der Ukraine nicht helfen, eher schon Friedensverhandlungen.

    "Gemeinsamer Sieg über das Böse"

    Bereits im Mai hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auch der ukrainische Philosoph Anatoly Yermolenko mit Habermas abgerechnet und einem "gemeinsamen Sieg über das Böse" das Wort geredet. Über Russland schrieb Yermolenko: "Das Land hat eine Kehrtwende vollzogen und verkörpert die schlimmsten und schrecklichsten Elemente von Totalitarismus, Nationalismus und Imperialismus. Es bedroht nicht nur die Ukraine, sondern auch Europa und letztlich die gesamte freie Welt. Schließlich zeugen die scheußlichen Verbrechen, die die russischen Besatzer begangen haben und weiterhin begehen, davon, dass das derzeitige russische Regime schrecklicher und unmenschlicher ist als die sowjetischen Regime der Nachkriegszeit."

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