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Wenig Grund zum Feiern: Tänzer des Béjart Balletts Lausanne

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    Drogen und Demütigungen: Vorwürfe gegen Béjart Ballett Lausanne

    Direktor Gil Roman ist heftiger Kritik aus seinem Ensemble ausgesetzt: Tänzer werfen ihm Mobbing, Vetternwirtschaft und Belästigungen vor. Die ohnehin von mehreren Missbrauchsaffären erschütterte internationale Tanzwelt hat einen neuen Skandal.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Drogen wie Kokain und Cannabis sollen im Ensemble "alltäglich" sein, Beleidigungen und Wutanfälle des Chefs ebenfalls: Tänzer des Béjart Balletts Lausanne äußerten gegenüber dem Schweizer Radio schwere Anschuldigungen gegen Gil Roman, den testamentarischen Erben des 2007 verstorbenen, großen Choreographen und Ensemble-Gründers Maurice Béjart. Nach den Zeugenaussagen, die die französischsprachige Sparte des Schweizerischen Rundfunks RTS auf ihrer Homepage veröffentlichte, mussten die "Lieblinge" von Roman ihm Drogen ins Hotel liefern. Mobbing und Belästigungen seien an der Tagesordnung gewesen, Tänzer gedemütigt worden.

    Besonders schwer wiegt der Hinweis der Betroffenen, dass alle Vorwürfe bereits 2008 vorgelegen hätten und damals untersucht, der entsprechende Bericht jedoch nie veröffentlicht worden sei. Geändert habe sich nichts, die Verantwortlichen setzten wohl darauf, so eine von RTS zitierte Tänzerin, dass die Ensemble-Mitglieder nicht das Geld hätten, sich einen Anwalt zu leisten und ihre Interessen gerichtlich durchzusetzen.

    Schon zwanzig Zeugen für Belästigungen

    In einem Brief von ehemaligen Tänzern an den zuständigen Stiftungsrat, der jetzt alle Vorwürfe überprüfen will, heißt es, Gil Roman habe seine Schwester ohne die nötigen Qualifikationen als Lichtdesignerin eingestellt und zeitweise auch seine Frau und seine Tochter beschäftigt. Roman habe nach der Devise "teile und herrsche" regiert.

    Die Gewerkschaftsgeneralsekretärin von der "Union des Théâtres Romands", Anne Papilloud, berichtete, dass sich bei ihr bereits zwanzig Personen gemeldet hätten, die Roman sexuelle Belästigungen und weitere Übergriffe vorwerfen. Da sich die Aussagen der Ehemaligen deckten, habe sie keinen Zweifel an deren Richtigkeit. Die Aktiven im Tanzensemble hätten jedoch Angst sich zu äußern: "Ich habe manchmal Menschen am Telefon gehabt, die vor einigen Jahren traumatische Erfahrungen machten, aber alle sagen, dass sie auch wundervolle Momente erlebt haben und dass sie sich um den Erhalt des Erbes von Maurice Béjart sorgen." Nach Papilloud geht es nicht ausschließlich um Gil Romans Umgangsformen, das ganze System sei "krank".

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    Bildrechte: Jean-Christophe Bott/Picture Alliance

    Gil Roman: Umstrittener Ballett-Chef

    Nach Informationen von RTS soll Gil Roman derweil versuchen, eine Verteidigungslinie aufzubauen und aus seinem Ensemble Solidaritätsadressen zu sammeln. Einige der Tänzer hätten sich jedoch geweigert, eine entsprechende Erklärung zu unterzeichnen und auf Änderungen seines Führungsstils beharrt. Der Stiftungsrat wandte sich an die Freunde und Förderer und verwies darauf, dass einstweilen Belege für die geäußerten Vorwürfe gegen Gil Roman fehlten und die Ballettszene sehr wettbewerbsintensiv sei, so dass auch "bösartige Gerüchte" einen Nährboden fänden. Das klingt nach einer medialen "Gegenoffensive", die sich aus der Sicht der Schweizer Radiojournalisten dadurch erklärt, dass Roman als testamentarischer Erbe des Werks von Maurice Béjart jederzeit alle Rechte mit an einen anderen Ort nehmen könnte. Die Stadt Lausanne verlöre dadurch ein renommiertes Ensemble, das bisher mit 5,3 Millionen Franken jährlich subventioniert wird.

    Das internationale Medienecho ist verheerend: In Spanien und Frankreich schrieben Zeitungen, das Béjart Ballett stürze in ein "Chaos", es gehe um eine nie dagewesene Eskalation. Gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP wollte sich Gil Roman nicht äußern. Am 28. Mai waren bereits Michel Gascard und dessen Frau Valérie Lacaze als Direktoren der Béjart-Tanzschule entlassen worden, ebenfalls wegen eines von Kritikern behaupteten "tyrannischen Führungsstils" und "mittelalterlichen" Erniedrigungen. Obendrein hätten sie auf Angst gesetzt, um alle Verfehlungen geheim zu halten. Das machte Schlagzeilen bis in die indische Presse.

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    Bildrechte: Bernd von Jutrczenka/Picture Alliance

    Schöner Schein: Tänzer auf der Bühne

    Die Debatte um das Béjart Ballett ist nur eine von vielen, die derzeit die weltweite Tanzwelt erschüttern. Von Berlin über Wien und Wuppertal bis Paris meldeten sich Tänzer zu Wort, die von täglicher Erniedrigung sprachen, von selbstherrlichem Führungsstil mancher Choreographen und offenem Rassismus. Auch an der Münchner Ballettakademie wurde von einer "Kultur der Angst" gesprochen, ein neues Ausbildungskonzept soll einen "Kulturwandel" einleiten.

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