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Drei Monate nach Sterbehilfe-Urteil: Was ist bisher passiert? | BR24

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Ende Februar wurde viel über Sterbehilfe diskutiert. Damals hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung in Deutschland nicht verfassungswidrig und damit erlaubt ist. Was hat sich seitdem getan?

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Drei Monate nach Sterbehilfe-Urteil: Was ist bisher passiert?

Ende Februar wurde viel über Sterbehilfe diskutiert. Damals hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung in Deutschland nicht verfassungswidrig und damit erlaubt ist. Was hat sich seitdem getan?

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Diese Woche wurde bekannt, dass der "Verein Sterbehilfe" zum ersten Mal bei einem Bewohner eines deutschen Altenheims Suizidhilfe geleistet hat. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Ende Februar ist dies nicht mehr verboten. Doch was hat sich seit dem Urteil in der Praxis für Ärzte und Betroffene wirklich geändert?

Arzt: Urteil zu Sterbehilfe bedeutet Rechtssicherheit

Anton Wohlfart ist seit über 40 Jahren als Hausarzt tätig. Wenn seine Patienten mit ihm über Sterbehilfe sprechen möchten, schreckt ihn das nicht ab. Er hört ihnen zu und wägt nach bestem Wissen und Gewissen ab, ob das für den- oder diejenige ein guter Weg sein kann und ob er dabei helfen möchte.

Insgesamt achtmal hat er bislang durch das Beschaffen von Medikamenten oder durch die Assistenz beim Sterbefasten schon Beihilfe zum Suizid geleistet. Rechtlich war das immer ein Graubereich. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass wiederholte Beihilfe zum Suizid nicht verfassungswidrig ist, bedeutet für ihn Rechtssicherheit. Zurzeit betreut er zwei sterbenskranke Menschen, die nicht mehr leben möchten.

"Diese beiden Menschen, die ich da kenne, die haben dadurch eine gewisse Erleichterung gespürt und gedacht jetzt können sie sich mal an jemandem wenden, ohne dass für den eine Strafe im Raum steht." Hausarzt Anton Wohlfart

Theoretisch einfacher - in der Praxis bleibt Beihilfe zum Suizid schwierig

In der Theorie sei es durch das Urteil leichter geworden, Beihilfe zum Suizid zu leisten, doch in der Praxis sei es immer noch schwierig, erzählt der 72-jährige Hausarzt.

Die Substanz Natrium-Pentobarbital, die zum Beispiel in der Schweiz für den assistierten Suizid eingesetzt wird, gilt für viele als das geeignetste Mittel. Doch das Präparat wird in Deutschland nicht freigegeben. Anton Wohlfahrt findet, die Politik und insbesondere Gesundheitsminister Jens Spahn blockieren damit die Umsetzung des Urteils.

Bundesgesundheitsminister Spahn begründet das mit dem Ausstehen eines anderen Urteils aus Karlsruhe, in dem es um den Gebrauch von Betäubungsmitteln geht.

Anfragen nach Sterbehilfe hätten nicht zugenommen

Eckhard Eichner ist Geschäftsführer und leitender Arzt der Augsburger Palliativversorgung. Anders als Anton Wohlfart ist er der Meinung, dass die Umsetzung des Karlsruher Urteils Zeit braucht und er warnt davor, zu schnell vorzugehen. Eichner glaubt, dass es extrem schwierig sein werde, das Gerichtsurteil in einen konkreten Gesetzestext zu gießen - einschließlich der dann folgenden Ausführungsbestimmungen.

Die Anfragen nach Sterbehilfe haben in seiner Augsburger Einrichtung seit dem Karlsruher-Urteil nicht zugenommen. Aus seiner Berufserfahrung weiß er, dass die Nachfrage nach Sterbehilfe verschiedene Ursachen haben kann.

"Viele unserer Patienten wollen ja nicht tot sein in dem Sinne, dass sie einfach nicht mehr hier sein wollen, sondern sie wollen nicht so leben müssen, wie sie gerade leben mit Leid, mit Schmerz, mit Übelkeit und diesen Dingen." Eckhard Eichner, leitender Arzt der Augsburger Palliativversorgung

Wunsch nach mehr Beratung für die Patienten

Eichner fordert mehr Aufklärung darüber, welche Möglichkeiten es gibt dieses Leid zu lindern. Der Hausarzt Anton Wohlfart teilt den Wunsch nach mehr Beratung für die Patienten. Die Politik müsse das Urteil nun schnell in einen gesetzlichen Rahmen gießen.

Eine verpflichtende Beratung könne darin ja vorgesehen sein. Doch Wohlfart ist pessimistisch, dass die Politik schnell handeln wird. Er glaubt, sie werde den Prozess möglichst lange hinauszögern und viele Stolpersteine und Behinderungen einbauen.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Frage nach Sterbehilfe nicht abschließend beantwortet. Assistierter Suizid, so wie er in der Schweiz angeboten wird, wird in Deutschland noch lange nicht möglich sein.

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