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"Drei Frauen" von Lisa Taddeo ist kein Buch zur #MeToo-Debatte | BR24

© picture alliance / PhotoAlto

Probleme, Probleme: Warum es drei Frauen reizt, Männer zu lieben, die sie leiden lassen

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"Drei Frauen" von Lisa Taddeo ist kein Buch zur #MeToo-Debatte

Lisa Taddeo will "vom Feuer und vom Schmerz" weiblicher Lust erzählen. Für "Drei Frauen" hat sie das Gefühls- und Sexleben von Maggie, Lina und Sloane studiert. Sie lieben Männer, die sie leiden lassen. Mit #MeToo hat das für Taddeo nichts zu tun.

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Lisa Taddeo ist eine zugewandte, eine ausgesprochen einnehmende Gesprächspartnerin. Was normalerweise nicht weiter bemerkenswert wäre, in diesem Fall aber von Bedeutung ist: Denn das Buch "Drei Frauen" beruht ganz auf der Gabe der Autorin, Gespräche zu führen: aufmerksam zuzuhören und den richtigen Ton zu treffen – einen Ton, der es zulässt, über das Intimste zu sprechen, wie Taddeo erklärt: "Über sehr tiefe Gefühle. Nicht einfach Sex, sondern über die Höhenflüge der Leidenschaft, aber auch über den tiefen Schmerz, der manchmal damit einhergeht. Es ging also darum, Menschen zu finden – ich würde zuerst gar nicht von Frauen sprechen, es hat sich einfach so ergeben, dass es Frauen waren – Menschen zu finden, die offen waren und mich in ihre Köpfe, Herzen, Schlafzimmer gelassen haben. Sie zu finden, war sehr schwer."

Die Schülerin, die ihren Lehrer liebt

Maggie, Lina und Sloane heißen die Frauen nun. Maggie – eine andere Perspektive auf ihre Geschichte lässt sich im Netz nachlesen, sie ist die einzige, die mit richtigem Namen im Buch auftritt – Maggie also hat sich in ihren Lehrer verliebt. Die Jugendliche stammt aus einer Familie, für die Journalisten nur ein Wort kennen: "problembeladen". Die Eltern trinken, die Tochter sehnt sich nach Aufmerksamkeit und findet sie in Person ihres Lehrers – jünger als die meisten, attraktiv, zugewandt. "Seit der neunten Klasse ist da etwas entstanden. Mit jedem Gespräch an seinem Pult. Mit jedem 'gut gemacht' von ihm. Mit jedem süßen Shirt, das sie, und mit jeder neuen Krawatte, die er getragen hat. Mit jedem Rat. Jedem Scherz. … Jedem Mal, wenn ihre Mutter oder ihr Vater betrunken oder seine Frau nörgelig gewesen ist", heißt es in "Drei Frauen".

Maggie ist die jüngste der drei Frauen – ein Leser lernt sie kennen, da ist sie in ihren Zwanzigern und die Affäre mit ihrem Lehrer passé. Nur die Erinnerungen an ihn sind geblieben und der Schmerz darüber, dass er ihr die Nähe entzogen hat. Vielleicht, so spekuliert der Leser, hat sie ihn also nicht nur angezeigt, um vor einem Gericht Gerechtigkeit zu erfahren, sondern auch, um endlich wieder in einem Raum mit diesem Mann zu sitzen.

Sloane, die zweite Frau des Buches, betreibt mit ihrem Mann ein Restaurant und schläft in seiner Gegenwart mit anderen Männern – zu ihrem und seinem Vergnügen. Lina hingegen wartet seit Monaten darauf, dass ihr Mann sie wieder einmal küsst: "Es ist, als würde Lina mit einem Mitbewohner zusammenleben. Die meiste Zeit ihrer Ehe, aber vor allem in den letzten Jahren hat Ed nie den ersten Schritt gemacht. Und als er ihn noch gemacht hat, war er dabei auch nicht besonders charmant. Er hat mit den Fingern auf ihrem Arm getrommelt und gesagt: 'Na, Lust?'".

© Diane von Schoen

Die amerikanische Autorin Lisa Taddeo

"Drei Frauen", drei ganz unterschiedliche Stimmen

Die Geschichten der Frauen wechseln sich im Buch ab, und damit wechseln auch ihre Stimmen: Denn, so erklärt Lisa Taddeo, sie wollte den Lesern ein Gefühl dafür geben, wie diese Frauen sprechen. Maggies Jugendlichkeit, ihre Ungehobeltheit vermittelt sich sofort, ebenso Linas überbordende Euphorie, als sie sich in eine Affäre stürzt und ihren Körper endlich wieder spürt. Auch wenn die Frauen nicht zu Ich-Erzählerinnen werden: Ihre Sprache, Nachrichten aller Art – Mails, SMS, Anrufe – sind auch sprachlich die Grundlage dieses Buches. Mit Slioane habe sie gemailt, so die Autorin, "und wenn dir Leute schreiben, kommen ihre Stimmen durch. Ganz anders als bei Schriftstellern, die versuchen etwas im richtigen Rhythmus, mit den richtigen Worten zu sagen. Leute, die selbst keine Autoren sind, schreiben einfach, wie sie normalerweise reden. Deshalb hab ich die Nachrichten immer wieder angeschaut – denn: wenn du viel von Tom Wolfe liest, hast du ja auch das Gefühl, den Stil imitieren zu können. Und so habe ich es hier auch versucht."

Kein Roman, kein #MeToo-Beitrag

Für einen Leser kann diese Mimikry zum Problem werden: Denn das Buch lässt einen hier und da vergessen, dass es kein Roman ist. Es gibt da ein Spiel mit der Perspektive, Spannungsaufbau, Sogwirkungen, all das erinnert an Fiktion. Und so habe ich Fragen an dieses Buch gestellt, die ich an einen Roman stellen würde: Sollen diese drei Frauen exemplarisch vom weiblichen Begehren erzählen? Und was folgte daraus? Dass Frauen sich am Ende doch zu Männern hingezogen fühlen, die sie leiden lassen? Ähnlich sprachlich: Sind die Metaphern für Lust und Liebe, wunderte ich mich immer wieder, nicht zu unbeholfen, abgenutzt, um den Geschichten auch sprachlich Wucht zu geben? Diese Fragen, literarische Fragen, kann sich eine Leserin stellen, Taddeos Fragen aber waren andere, dokumentarische: Wie den Stimmen der Frauen treu bleiben, wie ihre Perspektive in allen Details schildern, ohne der Erzählstimme eigene Urteile einzuschreiben?

Die Frage nach dem Urteilen, Verurteilen, ist das heimliche Zentrum des Buches. Denn Taddeo selbst urteilt zwar nicht, aber sie erzählt sehr wohl von den Urteilen, die andere oder auch die drei Frauen selbst über ihre Lust fällen: "Irgendetwas konnte mit ihr nicht stimmen. Irgendwo, irgendwann musste sie etwas Schreckliches getan haben oder mit etwas Grauenhaftem in Berührung gekommen sein", heißt es im Buch.

"Das tun wir mit Frauen, es ist verachtenswert"

"Wenn Männer um etwas kämpfen – konkurrieren um eine Frau, einen Job, im Sport – dann wirken sie wie Löwen, die um etwas kämpfen: nobel, männlich", sagt Lisa Taddeo. "Aber wenn Frauen um einen Job, einen Mann kämpfen, heißt es: Warum tust du das? Hast du das Gefühl, du brauchst das – du brauchst das für dich selbst? Das tun wir mit Frauen, es ist verachtenswert." Von diesen drei Frauen zu lesen, ist aufschlussreich, wenn man dem Buch nicht als literarischem Coup begegnet, sondern als Ausgangspunkt für ein gesellschaftliches Schauspiel. Wenn man den Blicken folgt, die im Buch auf die drei Frauen geworfen werden. Wenn man die eigenen Abwehrmechanismen befragt, die sich während der Lektüre einstellen: Kritisiere ich die Sprache vielleicht auch, um mich mit den Sehnsüchten, von denen diese Sprache erzählt, gar nicht beschäftigen zu müssen?

Und wenn man die öffentlichen Reaktionen beobachtet: Kritiker, die das Buch behandeln, als sei es ein Begleitbändchen zur der #MeToo-Debatte – obwohl es doch einen gewaltigen Unterschied macht, ob Frauen geschehenes Unrecht anklagen, oder ob sie – wie es in diesem Buch immer wieder geschieht – gestehen, sich zu Männern hingezogen zu fühlen, die sie schlecht behandeln. Die Autorin selbst stellt klar: "#MeToo dreht sich um Dinge wie: Tu' dies nicht, tu' das nicht, sag mir nicht, dass ich heiß aussehe in diesem Outfit – sowas. Worum es nicht geht: Ich mag ihn, auch wenn ich es nicht sollte. Das sind zwei unterschiedliche Dinge und die Tatsache, dass Leute darin dasselbe sehen wollen, ist Teil des Problems."

Lisa Taddeos "Drei Frauen" ist, übersetzt von Maria Hummitzsch, bei Piper erschienen.

© Piper/ Montage BR

Lisa Taddeo, "Drei Frauen", Cover

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