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"Wir versuchen, dem Stück einen Gefallen zu tun" | BR24

© Audio: BR/ Bild: Jochen Quast

Überschreibungen sind in Mode gekommen. Was Dramatiker dazu bewegt, sagt Konstantin Küspert im Gespräch.

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"Wir versuchen, dem Stück einen Gefallen zu tun"

Dramatiker Konstantin Küspert hat Lessings Klassiker "Nathan der Weise" für das Theater Regensburg überschrieben und ihn schlicht "Nathan" genannt. Über Sinn und Zweck von Überschreibungen generell und dieser speziell erzählt er Interview.

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Immer öfter bitten Theater zeitgenössische Dramatiker*innen, klassischen Theatertexten ein "aktuelles Update" zu verpassen. Intendant Andreas Beck etwa hat an seiner früheren Station in Basel und jetzt am Münchner Residenztheater regelmäßig solche "Überschreibungen" in Auftrag gegeben. Da bearbeitete dann also PeterLicht Komödien von Molière. Simon Stone holte Dramen von Ibsen oder Tschechow in die Gegenwart, und Ewald Palmetshofer knöpfte sich Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" vor. Und am Theater Regensburg wird am Wochenende eine Neufassung von Lessings "Nathan der Weise" uraufgeführt. Schlicht "Nathan" heißt diese Überschreibung. Autor ist der Dramatiker Konstantin Küspert, 1982 in Regensburg geboren. Christoph Leibold hat mit ihm gesprochen.

Christoph Leibold: Es gibt Leute, die nörgeln, dass diese Updates nur eine Mode seien. Wieso sind sie vielleicht doch etwas mehr als das?

Konstantin Küspert: Wir versuchen, dem Stück einen Gefallen zu tun, also dem Stoff, weil der ja nun seit über 200 Jahren rauf und runter gespielt wird und immer präsent ist. Und wir müssen, glaube ich, eine Möglichkeit finden, diese alte Erzählung, die an ein völlig anderes Publikum gerichtet war, für uns heutige Menschen quasi mit unserem spezifischen Erfahrungsschatz übersetzen.

Wobei man einwenden könnte, dass man sich auch in der Distanz erkennen kann. Wenn man aus der Entfernung auf etwas blickt, erzielt man vielleicht sogar treffendere Erkenntnisse. Das spräche dafür, die Klassiker in der historischen Ferne zu belassen. Wieso denken Sie aber, braucht es genau hier beim "Nathan" eine Überschreibung?

Ich glaube, der "Nathan" ist Teil unseres kulturellen Kosmos, Schulstoff seit langer Zeit. Wir haben versucht, den sehr interessanten Kern des "Nathan" – nämlich die sehr aufklärerische Forderung in der Ringparabel, dass man den Tausende Jahre alten Streit der abrahamitischen Weltreligionen beilegen könne, wenn man sich nur auf die Vernunftgründe hinter allen Religionen besinnen würde – diesen Kern des "Nathan" haben wir versucht zu kommunizieren. Aber eben mit anderen Mitteln.

© Max Zerrahn

Dramatiker Konstantin Küspert

Die berühmte Ringparabel handelt im Grunde davon, dass keine der drei Weltreligionen – Judentum, Islam und Christentum – die alleinige Wahrheit für sich beanspruchen kann, woraus sich ein Plädoyer für gegenseitige Achtung und Toleranz ableiten lässt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, wieso Lessing seinen Titelhelden einen "Weisen" nennt, weil er eben die Ringparabel erzählt. Genau dieses "der Weise" fällt bei Ihnen weg. Glauben sie nicht mehr so recht daran?

Ich glaube schon, dass die Ringparabel funktioniert. Ich glaube nur, dass sie heutzutage, da wir wesentlich mehr Differenziertheit in gesellschaftlicher Partizipation gewohnt sind, etwas weiter gefasst werden muss. Heutzutage spielen zum Beispiel nicht nur Männer eine Rolle in unserer Gesellschaft. Wir haben einfach viel mehr Stimmen, eine diversere Gesellschaft, und dementsprechend muss die Ringparabel, glaube ich, auch weiter gefasst werden.

Heißt das, Sie geben den Frauenfiguren im Stück mehr Stimme, mehr Gewicht?

Das habe ich versucht. Ich bin natürlich auch ein Mann, das heißt, ich bin auch nicht frei von meinen eigenen Vorurteilen, und ich bin nur bis zu einem bestimmten Grad dazu in der Lage, meine eigenen Privilegien zu reflektieren und meinen eigenen Wahrnehmungshorizont zu verlassen. Aber ich habe versucht, die, sagen wir mal, fragwürdige Zweidimensionalität der Lessingschen Frauenfiguren etwas aufzubrechen. Der Lessing hat das gar nicht böse gemeint, weil er ein Frauenfeind war oder so, aber er hatte einfach ein ganz anderes Publikum, für das er geschrieben hat, mit ganz anderen Interessen. Und wir sind eben wieder eine andere Gesellschaft, in der wir diese absurde, radikal neue Idee haben, dass mehr Leute vorkommen sollten als nur alte Männern.

Was wird denn aus dem Stück bei Ihnen?

Ich hatte vor allem das Bedürfnis, die Sprache, die sich stark verändert hat seit der Entstehung des "Nathan", zu übersetzen in unsere heutige Sprache und bestimmte Vorgänge, die im kollektiven Bewusstsein des damaligen Publikums lagen, aber heute nicht mehr ohne Weiteres abrufbar sind, in den Text mit hinein zu nehmen. Natürlich kann man auch heute den Originaltext von Lessing verstehen. Aber man braucht schon einen Lektüreschlüssel dazu. Im Theater hört man einen Text jedoch nur einmal, und dann hat man ihn entweder kapiert oder nicht. Deswegen musste ich versuchen, diese Lektüreschlüssel im Text und auf der Spielebene mitzuliefern.

Am Freitagabend wird "Nathan" im Theater Regensburg uraufgeführt.

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