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Dorothee Elmigers Raffinerie in Buchform: "Aus der Zuckerfabrik" | BR24

© Audio: BR/ Bild: Peter-Andreas Hassiepen

Dorothee Elmigers Buch bündelt in dem Kristall sexuelle Begierde, kolonialen Expansionsdrang und ökonomisches Wachstumsstreben. Das zwischen Essay und Literatur schweifende Buch ist auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

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Dorothee Elmigers Raffinerie in Buchform: "Aus der Zuckerfabrik"

Zucker macht süchtig. Dorothee Elmigers Buch bündelt in dem Kristall sexuelle Begierde, kolonialen Expansionsdrang und ökonomisches Wachstumsstreben. Die Lektüre, keine süße Kost, aber eine die sich lohnt! Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

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Von
  • Stephanie Metzger

Als Adam Smith, der Erfinder der modernen Ökonomie und der unsichtbaren aber wohlweislichen Hand des Marktes, einst bei seiner Cousine zum Tee eingeladen war, konnte er nicht genug bekommen davon: vom Zucker. Weißes Gold, Luxusgut aus den Kolonien, gewonnen durch Sklavenarbeit auf den Plantagen. Die Anekdote besagt, Smith habe so unmäßig nach immer neuen Würfeln gegriffen, dass die Gastgeberin die Zuckerdose auf ihrem Schoß in Sicherheit bringen musste. An jenem Ort also, auf den Smiths Begierde eigentlich gerichtet war. Der Zucker-Konsum, Sublimierung. Die sichere Verwahrung auf dem Damenschoß, ein doppelter Entzug. Oder: "Das Ineinanderfallen der zwei Objekte des Begehrens in jenem Augenblick, in dem die Frau am Tisch die Zuckerschale zu sich nimmt: der Zucker aus den karibischen Plantagen im Schoß der Dame oder Cousine, der ungezügelte, exzessive Konsum des einen oder des anderen als Traum des Ökonomen."

Zucker: Kristallisationsort des Begehrens

Im Zucker kristallisiert so einiges bei Dorothee Elmiger. Zumindest in ihrer literarischen Raffinerie "Aus der Zuckerfabrik": Lebenshunger, Abenteuerlust, sexuelle Begierde, kolonialer Expansionsdrang, ökonomisches Wachstumsstreben. Allerdings ohne dass die Schreibtemperatur der Autorin jenen Kristallisationspunkt erreichen würde, an dem sich das thematische, figurative und poetologische Netz, das sie am Zuckermotiv aufspannt, zur erzählerischen Eindeutigkeit verfestigen würde. Stattdessen: wie hingeworfen wirkende Notate, erzählerische Skizzen, literarische Paraphrasen, Splitter historischer Biografien.

"Es gibt sehr viele Texte, die eigentlich am Zucker gewisse Fragen aufwerfen, zum Beispiel das Verhältnis von Europa oder europäischen Arbeiter*innenschaft zur Zeit der Industrialisierung und diesen Kolonien wie Haiti. Dieser Zucker steht einerseits also für dieses wirklich mörderische System der Plantagenwirtschaft und wurde gleichzeitig als Genussgut in Europa konsumiert", sagt Dorothee Elmiger. Und so sei sie "in dieser Zuckersache" in ganz verschiedene Richtungen gegangen, der Zucker sei plötzlich überall wieder aufgetaucht.

Allianz von Lust und Ökonomie

Immer wieder zeugt der Zucker auch von der frappanten Verknüpfung von Lust und Ökonomie, sagt Dorothee Elmiger. Wobei die Autorin diese Lust – auf Leben, Liebe, Grenzüberschreitung – gerade auch bei solchen Frauen findet, deren Biografie kaum von äußeren Aufbrüchen in Fremde und Freiheit geprägt war. Bei ihnen eher: Überschreitungen nach Innen, Implosionen der Sehnsucht und Ringen mit ungestilltem Hunger. Ellen West zum Beispiel. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in den USA geboren, siedelte als Kind nach Europa über und wurde als Erwachsene wegen Depressionen und schweren Essstörungen behandelt. Ihr Fall, der mit Selbstvergiftung endete, wurde durch die Analyse des Schweizer Psychologen Ludwig Binswanger bekannt. Oder Theresa von Ávila: Ihr Gang ins Kloster ermöglicht erst jene Zustände der mystischen Verzückung, die ihr in der Mutterrolle verwehrt geblieben wären. Oder Evelyn aus einer Erzählung von James Joyce: die Schiffspassage in die Neue Welt, die sie sehnsuchtsvoll erwägt, wird sie nie antreten.

Während männliches Begehren in Expeditionen und ökonomische Expansion mündet, bleibt weibliches daheim. Schöpferische oder zerstörerische Züge können beide Formen bergen, wie Dorothee Elmiger erklärt: "Die Frage ist: Ist die Zerstörung, die Ausbeutung, die immer stattgefunden hat im Zuge dieser Entdeckungen und Aneignungen von Land, sozusagen nur eine realisierte Form des Begehrens? Eines Begehrens, das dann zum Beispiel dieser Evelyn verwehrt bleibt, weil sie zuhause bleibt. Also wann wird das Begehren zerstörerisch, wie viel hat es mit Macht zu tun? Oder auch die Frage, inwiefern können wir eben im Begehren Grenzen überwinden, und inwiefern bilden wir aber gerade Muster immer ab, die wir lernen."

Schreiben zwischen Essay und Erzählung

Das Begehren, das mit Geschlechterrollen spielt, sie übernimmt wie Kostüme und dann wieder abwirft, ist auch Motor des Schreibens von Dorothee Elmiger, die sich aus ihrem Text nicht heraushält. "Aus der Zuckerfabrik“ gibt Einblicke in so persönliche wie existentielle Gedanken. Dieses Schreiben zwischen Essay und Erzählung, das sich nicht festlegen lässt, ist schillerndes Protokoll einer offenen Recherche. Auch nach Ausdrucksformen eines schreibenden Ich.

Es sie für sie ganz wichtig gewesen, auszuprobieren, was ist für ein Ich möglich sei. "Also ich bin zum Beispiel eine Brinkmann-Leserin, ich lese sehr gerne Goetz, und da gibt es immer diese Ich-Erzähler, die so raumgreifend und souverän und witzig erzählen. Und da wollte ich auch schauen, was fällt mir da jetzt für ein Tonfall ein für ein Ich, für diese Frau, die durch diesen Text spaziert."

Diesen Suchbewegungen im Text muss sich auch der Lesende bereitwillig aussetzen, soll aus der Lektüre Erfahrung werden, nicht bloß hilfloses Schlingern. Es gilt souverän zu werden in der Entscheidung zwischen linearem Lesen oder einem Durchqueren der Kapitel, deren Titel mit Ortsnamen ein Gelände kartographieren, in dem Orientierung nicht unbedingt leicht fällt. Wer sich einlässt auf diesen Echo-Raum wird seinen eigenen Hallraum hinzufügen können. So süß das Versprechen der Zuckerfabrik zunächst erscheinen mag, so herausfordernd und nicht zuletzt bitter kann der Geschmack dieser Lektüre sich anfühlen. Was aber nicht Verlust, sondern Gewinn ist.

© Hanser/Montage BR

Cover: Dorothee Elmiger. Aus der Zuckerfabrik

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