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Dorf in großer Unruhe: STOA169 in Polling entzweit Bürger | BR24

© Mekiska/BR

Die "Stoa169" lädt mit vier Meter hohen, individuell gestalteten Säulen zum Nachdenken ein – über die Vergänglichkeit von Künstlergenerationen.

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    Dorf in großer Unruhe: STOA169 in Polling entzweit Bürger

    Das oberbayerische Polling hat einen neuen Kunsttempel, eine Wandelhalle nach dem Vorbild der Antike. Die "Stoa169" lädt mit vier Meter hohen, individuell gestalteten Säulen zum Nachdenken ein – und über die Vergänglichkeit von Künstlergenerationen.

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    STOA169 hat eine eigene Titelmelodie, die zur Eröffnung am Sonntagmittag von einem Streichtrio gespielt wurde. Womit ich auch schon verraten habe: Stoa, nicht Schtoa. Der Initiator des Tempels, der international erfolgreiche Maler Bernd Zimmer, erklärt: "Stoa, also es ist schon die griechische Wandelhalle, wo man sich ergeht und über Ideen nachdenkt. Und Stoismus ist ja auch eine Philosophie, die mit den Griechen nicht beendet wurde, sondern nur seinen Anfang nahm und bis heute alles Gültigkeit hat. Da gibt's ja kaum Sachen, die nicht Gültigkeit haben."

    "Begehbarer Weltatlas"

    Vom Parkplatz südlich von Polling, idyllisch gelegen an einer Schleife des Flusses Ammer, geht es zu Fuß fast einen Kilometer weit durch den Wald, an einem intensiv genutzten Maisfeld vorbei und schließlich nach einer weiteren Wegbiegung liegt sie da: Die Kunsthalle mit bisher 81 tragenden, jeweils fast vier Meter hohen Säulen.

    Im zweiten Bauabschnitt nächstes Jahr werden es 121 werden. Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt haben je eine Säule gestaltet. Ein hoch symbolisches Projekt. Der Schriftsteller Tilman Spengler sprach bei der Eröffnung von einem "begehbaren Weltatlas". Und Bernd Zimmer bringt die Menschen gezielt zum Flanieren: "Das war mir wichtig, dass es an einem Ort steht, wo die Leute zu Fuß hingehen. Nicht mit dem Auto hinfahren, Konsum, und dann wieder wegfahren. Sie können hierher radeln, sie können zu Fuß hingehen. Sie sollen erstmal, wie sagt man, herunterkommen, und dann betreten sie dieses Erstaunliche, diese erstaunliche Bonbonniere, die plötzlich nach einem Wald erscheint."

    © Mekiska/BR

    Hund an der Säule

    Eine Bonbonniere ohne Stromanschluss. Damit will der Künstler Zimmer verhindern, dass hier nächtliche Konzerte oder Events den reinen Kunstgenuss stören oder erweitern. Hier regieren die Säulenkünstler und die tiefe Symbolik: "Das war eigentlich die grundsätzliche Idee, dass die Künstler, jeder seine Säule gestaltet und das gemeinsame Dach trägt. Im Hinduismus ist ja das gemeinsame Dach gemeint: den gemeinsamen Himmel. Die haben das als Himmel gesehen. Und ich sehe das als Dach oder das verbindende Glied. Sie stehen am Boden verbunden und im Himmel verbunden. Und den Himmel habe ich geöffnet und Löcher hineingemacht. Oder besser Sonneneindrings-Ausschnitte und Wassereindrings-Ausschnitte. Und durch die kommt das Wasser rein und die Sonne rein und wir sind eigentlich immer mit dem Himmel verbunden."

    Flatz pflanzte eine Platane

    Diese Luft- und Wasserzugänglichkeit wird für den österreichischen Künstler Wolfgang Flatz noch wichtig werden: "Mein Beitrag war ein ziemlich einfacher. Ich werde einen Baum pflanzen, eine Platane, die aber durch das Gebäude hindurch, die es durchdringt. Und der Baum, der Ursprung der Säule schlechthin, ist naheliegend. Der Blätterwald soll erst über der Öffnung stattfinden. Das ist mein Beitrag."

    Bernd Zimmer versteht die Säulenhalle auch als ein Porträt seiner Künstlergeneration: "Sie müssen sich vorstellen, wenn eine Künstlergeneration verstirbt. Das Museum räumt diese Kunst raus und die nächste Kunst hinein. Das ist der Gang der Dinge. Und das findet hier nicht statt."

    © Mekiska/BR

    Streicher spielen Erkennungsmelodie

    STOA169, eine Zeitkapsel in der Landschaft – wie die Walhalla über Regensburg oder die Ruhmeshalle an der Münchner Theresienwiese. Die Künstler kommen zu sehr unterschiedlichen Lösungen. Innen sind alle Säulen aus der gleichen Betonbasis. Die Kunst wird darum herumgewickelt. Tonnenschwerer Stahl von Sean Scully. Harzduft von Daniel Spoerri. Ein nach Medizinprobe aussehendes Motiv bei Karin Kneffel: "Es perlt und ist jetzt auf einmal, was ich ganz schön finde, weil ich es ja in der Fläche gemalt habe – das war dann eigentlich immer so ein imaginärer Raum mit Tropfen drin – und jetzt ist es fast zu so einem Reagenzglas geworden. Das fand ich ganz schön. Nichts Medizinisches, obwohl wir ja gerade alle irgendwas suchen. Also schon – musst ich da auch in dem Moment dran denken."

    "Wir leben in einer Welt der Zerstörung"

    Bei Achim Freyer, Opernregisseur und Maler, verschränken sich Plexiglas-Flächen und wilde Acrylmalerei zu einer weiteren Symbolik: "Und das nenne ich Integration, weil die fertigen Bilder wieder ihre Zerstörung erfahren. Wir leben in einer Welt der Zerstörung. Unglaublich. Und müssen uns schützen und retten davor. Und ich versuche zu integrieren, das Abgebrochene, das Zersprengte zu komponieren, nicht unbedingt als verschlossenes, sondern als öffnendes Element, indem die Zwischenräume, die dadurch entstehen und die Kontakte, die man nicht berechnen kann vorher, neue Aspekte des Bildnerischen schaffen."

    Viele Arbeiten würden, wie die von Achim Freyer, noch ganze Seminare der Kunstbetrachtung ermöglichen. Erwähnt sei noch, dass der Kunsttempel Felicitas Betz, die bis März Bürgermeisterin von Polling gewesen ist, wohl bei der Kommunalwahl 2020 das Amt gekostet hat.

    Dorf ist in sehr großer Unruhe

    Die STOA169 war der Bevölkerung als privates Bauprojekt wohl zu spät vermittelt worden, meint Betz heute: "Also es ist mit Sicherheit so gewesen, dass dieses wunderbare Kunstprojekt, bei dem ich sehr dankbar bin, dass ich Bestandteil sein durfte, das Dorf in gewisser Hinsicht in sehr große Unruhe versetzt hat und bei der Wahl mitentscheidend war. Es war nicht alleine entscheidend, aber es war mitentscheidend. Wobei es weniger der Inhalt ist, sondern der Standpunkt, die Frage der Genehmigung, die Zuwegung. Gib's da Parkplätze, und so weiter und sofort. Also mehr dieser ganze, bürokratische Außenbereich, der war also mehr das Kritische, wo die Bürger dann gesagt haben, na ja, gut, ist da alles mit rechten Dingen zugegangen?"

    Warum muss ich da jetzt an die Schwierigkeiten denken, die Ludwig II. mit den Finanzbehörden hatte?

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