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Feuerlinie der Fantasie: Massenets "Don Quichotte" in Berlin | BR24

© Bayern 2

Jules Massenets "heroische Komödie" über den bekanntesten spanischen Helden wird selten aufgeführt, zumal die Musik recht "seicht" anmutet. An der Deutschen Oper Berlin gelang dem schwedischen Regisseur Jakop Ahlbom eine magische Interpretation.

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Feuerlinie der Fantasie: Massenets "Don Quichotte" in Berlin

Jules Massenets "heroische Komödie" über den bekanntesten spanischen Helden wird selten aufgeführt, zumal die Musik recht "seicht" anmutet. An der Deutschen Oper Berlin gelang dem schwedischen Regisseur Jakop Ahlbom eine magische Interpretation.

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Ganz so übergeschnappt wie der spanische Don Quichotte ist der französische nicht. Während sich der berühmte Ritter von der traurigen Gestalt in der satirischen Romanvorlage von 1605 so ziemlich alles nur einbildet und dabei übrigens auch jede Menge Schaden anrichtet, kommt er in der Oper von Jules Massenet wesentlich umgänglicher daher. Er hat sogar ziemlich lichte Momente, denn hier gibt es seine geliebte Dulcinea wirklich, während sie im Original ja eine derbe Bauerstochter ist, die niemals persönlich auftritt und immer nur aus der Ferne angehimmelt wird.

Poetischer Schwanengesang

Im Untertitel nannte der Vielschreiber Massenet - er verfasste mehr als zwei Dutzend Opern - sein Werk eine "heroische Komödie", was eigentlich beides nicht stimmt, denn es geht weder heldenhaft, noch komisch zu. Vielmehr ist es ein poetischer Schwanengesang über einen unternehmungslustigen Mann, der in den Sonnenuntergang reitet. Direkte Vorlage von Massenet war dabei keineswegs der dickleibige Roman von Miguel de Cervantes, sondern ein längst vergessenes Drama von Jacques Le Lorrain. Klar, auch dieser Don Quichotte kämpft gegen Windmühlen und Räuber, auch er ist etwas schrullig, aber er holt sich eben auch eine gehörige Abfuhr von Dulcinea, die ihn nicht heiraten will, obwohl er ihr die gestohlene Perlenkette zu Füßen legt. Da bricht ihm verständlicher Weise das Herz.

© Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Umschwärmte Dulcinea (Clémentine Margaine)

Kastagnetten-Geklapper und Mandolinen-Seligkeit

Massenet hat dafür einmal mehr stark parfümierte Musik geschrieben, die machte ja seinen Erfolg, allerdings auch seinen "Fluch" aus. Er verstand sich auf gute Unterhaltung, auf tränenselige Effekte, auf berauschende Wirkung - alles Dinge, die das gehobene Publikum in Monte Carlo schätzte, wo 1910 die Uraufführung war. Ein Regisseur hat also gleich mehrere Probleme zu lösen: Er sollte diesem "Don Quichotte" das Süßlich-Gediegene mit Kastagnetten-Geklapper und Mandolinen-Seligkeit austreiben, und er sollte die Poesie der Romanvorlage irgendwie berücksichtigen, schließlich ist es ein Klassiker der Weltliteratur. Dem Schweden Jakop Ahlbom gelang an der Deutschen Oper Berlin beides. Er ist bekannt für seinen "magischen Realismus", bei dem die Pantomime, der Tanz und auch Zaubereien eine Rolle spielen. Alles zusammen macht die Zuschauer im besten Fall staunen, so wie im "Don Quichotte".

© Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Untypische Besetzung

Schon mal nicht die Extremadura

Ein Wimperschlag genügt, um aus der resoluten Kellnerin Dulcinea eine Königin zu machen: Ein verblüffendes Illusions-Kunststück, ebenso wie der akrobatische Purzelbäume schlagende Don Quichotte. Ein Heer von bunten Käfern hat seinen Auftritt, ein paar riesenhafte Puppenköpfe, die meisterhaft gearbeitet wurden. Ahlbom verlegte die Handlung in ein langweiliges Ausflugslokal irgendwo in einer waldigen Gegend, also schon mal nicht in die wüstenhafte spanische Extremadura. Die hier versammelten grauen Gestalten bringt Don Quichotte schnell durcheinander, hat er doch seinen Freund Sancho Pansa mitgebracht, der in dieser Inszenierung gleichzeitig das Pferd Rosinante spielen muss.

© Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Blitzverwandlung zur Königin

Wie eine Szene im Kriegsfilm

Die Rollen sind untypisch besetzt: Der italienische Bass Alex Esposito in der Titelrolle ist weder groß, noch hager, sondern eher klein und drahtig, und der amerikanische Bass-Kollege Seth Carico als Sancho Pansa ist weder dick, noch untersetzt, sondern ganz im Gegenteil groß und fast athletisch. Das Klischee wird rein äußerlich also nicht bedient, und doch ist es von berührender und überhaupt nicht komischer Intensität, wenn dieser Don Quichotte auf seinem Bedienten reitet. Das wirkt eher wie eine Szene im Kriegsfilm, bei der ein Verwundeter auf dem Rücken eines Kameraden in Sicherheit gebracht wird. Und tatsächlich wird Don Quichotte ja aus der Feuerlinie der Wirklichkeit in das Lazarett seiner Fantasie geschleppt. Sterben muss er trotzdem. Lyrischer und zeitgemäßer lässt sich dieser Jules Massenet wohl nicht bebildern, ein großes Werk kann auch der beste Regisseur aus dieser musikalisch farbenfrohen, aber unerheblichen Oper nicht machen.

Gleichwohl fand Dirigent Emmanuel Villaume zu einem betörenden, impressionistischen Klangbild, das zwischen Traurigkeit und Schwermut pendelte. Hört sich etwas einseitig düster an, passte aber zur recht ernsthaften und so gar nicht lustigen Inszenierung. Aber wenn die Sonne über dem Meer versinkt, lachen ja auch die wenigsten. Herzlicher Beifall für eine optisch ungewöhnliche und selten zu erlebende Produktion.

Wieder am 2., 7. und 13. Juni, weitere Termine.

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