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"Wir waren eher so eine Spaßfraktion" | BR24

© Bayern 2

Als Fotograf ist er international bekannt, als Türsteher legendär: Sven Marquardt ist ein Berliner Urgestein, ein Ost-Berliner, um genau zu sein. Bereits in den 80ern hat er die DDR-Subkultur geprägt. Eine Doku zeigt Wirkungsstätten und Weggefährten.

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"Wir waren eher so eine Spaßfraktion"

Als Fotograf ist er international bekannt, als Türsteher legendär: Sven Marquardt ist ein Berliner Urgestein, ein Ost-Berliner, um genau zu sein. Bereits in den 80ern hat er die DDR-Subkultur geprägt. Eine Doku zeigt Wirkungsstätten und Weggefährten.

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Das Berghain in Berlin ist ein Mythos – und er ist es auch: Der Türsteher des legendären Clubs ist eine internationale Berühmtheit. Sven Marquardt gilt als "härtester Türsteher Europas" und ist jetzt Hauptdarsteller eines Dokumentarfilms, in dem man gleich in den Anfangseinstellungen sieht warum: Ein Gesicht, über dessen Haut sich Tätowierungen ziehen wie Spinnweben oder Gitternetze, an einer Schläfe das Tattoo eines Nagels, Ketten um den Hals, dicke Piercing-Ringe in der Unterlippe, viel nonkonforme Selbstbehauptung. Dann Zoom auf die Fotografien, die Marquardt macht: Körper, Haut, Tattoos, Blicke, Haltungen, ein Trotz gegen die Welt, eine Feier auch des dunklen Selbst, des Exzesses. "Schönheit und Vergänglichkeit" heißt der Dokumentarfilm, den Annekatrin Hendel gedreht hat.

Barbara Knopf: Frau Hendel, Schönheit und Vergänglichkeit ist das Motto, das sich auf vielen Ebenen durch Ihren Film zieht. Wenn wir mal anfangen bei der Person Sven Marquardt: Der härteste Türsteher der Welt erfindet sich in seinem alten Metier neu, das er vor langer Zeit in der DDR gelernt hat, nämlich als Fotograf. Ihr Film ist ja sehr viel mehr als ein einzelnes Porträt. Was hat Sie an der Figur, an dem Menschen Marquardt gereizt?

Annekatrin Hendel: Mich hat ganz viel gereizt. Ich habe Sven viele, viele Jahre nicht gesehen, habe einen Film gemacht über Rainer Werner Fassbinder und habe ihn eingeladen, sich mit mir darüber zu unterhalten, und habe das leider dann herausgeschnitten aus dem Film – weil ich dann doch sehr eng an den Vertrauten von Fassbinder blieb. Aber was mir aufgefallen war – und womit ich nicht gerechnet hatte, denn ich habe auch nur das Gesicht gesehen, was Sie jetzt beschrieben haben: Was er für eine zarte Seite hat. Und diese zarte Seite hat mich interessiert für den Film. Er hat ja nicht nur Fotografie gelernt, sondern für mich war er wirklich der absolute Fotografie-Star. Er hat wahnsinnig großen Erfolg schon in der DDR gehabt. Seine Arbeiten haben für mich damals schon ein Lebensgefühl verkörpert, was eben meines war. Ich habe dann gehört, dass er wieder angefangen hat zu fotografieren und mich wahnsinnig darüber gefreut. Wir sind alle ein Jahrgang, das Thema Schönheit und Vergänglichkeit – da hab ich ein ganz persönliches Interesse dran.

Welcher Jahrgang sind Sie denn?

Das verrate ich bei mir immer nicht. Es steht auch nirgends bei mir. Weil ich so spät angefangen habe, Filme zu machen, halte ich damit immer hinterm Berg. Jetzt habe ich es ja eigentlich verraten. Aber ich sag jetzt nicht die Zahl.

Es gibt da noch die Weggefährten, die auch in dem Film vorkommen: Das Model Dome und den Fotografen Robert Paris – der hat ganz tolle Schwarz-Weiß-Fotografien von Ost-Berlin gemacht. Und was ich so umwerfend fand, ist, dass man in dem Film sieht, dass die DDR in den 80er-Jahren eigentlich ein wilder Planet sein konnte. Das hatte ich nicht erwartet. Also so ein Punk- und New-Wave-Planet!

Das war eine richtige Parallelwelt. Man hat ganz viel zusammen gemacht, die Künste haben sich extrem vermischt. Diese Shows, die im Film auch eine Rolle spielen, diese Modeshows – Modenschauen haben wir früher einfach gesagt, und die Models sind Modelle –, da gab es eine unglaublich interessante und quirlige Zusammenarbeit zwischen bildender Kunst und Modemachern – ich habe das auch gemacht, eine Zeit lang – und zwischen Musik. Das war ein ganz arroganter, junger, frischer, enger hermetischer Kreis von Leuten, die auch nicht viele reingelassen haben. Es war ganz schwer, da irgendwie Berührung zu bekommen. Man konnte sich aber diese Shows dann ansehen.

© itworks

Marquardts Lieblingsmodel Dominique "Dome" Hollenstein

Man sieht das Filmmaterial dieser Modenschauen, in diesem Schwimmbad zum Beispiel. Ich muss sagen, Jean-Paul Gaultier hätte es die Tränen in die Augen getrieben...

...das hat es ihm! Der mochte das, der kannte das. 1990 fand der das Weltspitze. Ich sag mal, wir waren eher so eine Spaßfraktion, nicht politisch, aber schon Subkultur, ganz klar. Haben uns absolut beklagt über die beschissenen Klamotten, die es im Osten gab. So fing das an. Dass es nichts gab. Wir haben dann alles selber gemacht und sind auf den Trichter gekommen, die Sachen zu verkaufen, also Schmuck, Sven seine Fotos, und eben diese Klamotten, und haben wahnsinnig viel Geld verdient und wahnsinnig viel Geld gehabt. Das konnte man nicht vertrinken und nicht verbrauchen. Häuser haben wir uns nicht gekauft, angelegt haben wir auch nichts. Geld hat ja keine Rolle gespielt. Und dann haben wir eben diese Shows aufgebaut, wo es um kostbare Materialien ging, sehr viel Leder und Federn und wahnsinnig interessante Dinge, die auch teuer waren. Und das konnten wir uns alles leisten.

Das heißt, Sie waren auch mittenmang dabei? Sie haben mitgemacht?

Ich habe am Anfang mitgemacht, aber ich war nicht so begabt und bin dann bin dann ganz schnell zum Theater übergewechselt...

Da ist die Figur von Robert Paris, dem Fotografen, der sich dem Markt irgendwann verweigert hat und sein "Frohsein" in Indien gefunden hat, wo er mit seiner indischen Frau und Tochter lebt. Er hat ganz großartige Schwarz-Weiß-Fotografien eines sehr rauen Ost-Berlin gemacht. Erzählt auch, dass er auf dem Gasometer übernachtet hat, neben gurrenden Tauben unter dem Himmel von Berlin. Aber er sagt auch: "Das ist nicht mehr meine Stadt, sondern nur noch eine." Geht Ihnen das auch so?

Ja, aber das hängt nicht mit einer Wehmut zusammen – klar, dass es sich in 30 Jahren sehr verändert, vor allen Dingen eine Stadt, die eine geteilte Stadt war. Dazu muss ich sagen, dass der Film ja vier Protagonisten hat, meine drei Helden – und eben Berlin. Aber ich wollte schon, dass man nochmal so eine Ode an dieses 80er-Jahre-Ostberlin beziehungsweise an die Arbeiten von Robert Paris versendet. Weil diese Morbidität und diese Einschusslöcher in den Fassaden, mit denen wir aufgewachsen sind, die wirklich Nachkriegszeit erzählen – der Krieg war ja auch tatsächlich noch nicht ganz so lange her –, das war wirklich etwas, was wir schön fanden, was wir toll fanden. Und ich finde es auch wichtig, dass man sieht, dass Geschichte da ist. Diese übertünchten Fassaden – ich finde es nicht so toll. Und nicht sexy!

© Martin Farkas

Regisseurin Annekatrin Hendel will in ihrem Film auch das Lebensgefühl der Berliner Subkultur zeigen

Es gibt sehr widerborstige Biografien, auch des Models Dome. Die lebt in einer verwunschenen Berliner Idylle. So eine Mischung aus Dreadlocks-Rapunzel und elegischer Pippi Langstrumpf, finde ich. Eine Lebenskünstlerin, wo man sich wundert, dass es so etwas eigentlich noch gibt. Sie wirkt selber wie ein übrig gebliebenes Biotop, eine besondere Pflanze...

Ja, das ist sie auch. Aber dieser Kreis, von dem ich gesprochen habe, der diese subkulturelle Mode gemacht hat, das ist vielleicht ein Kreis von 150 Leuten gewesen – ich habe jetzt drei herausgenommen, aber die anderen 143 sind genauso speziell, genauso schräg! Aber jeder ist anders. Und natürlich habe ich den Film auch gemacht, weil mir das wirklich "uff die Ketten geht", wie der Berliner sagt, dieses Bild, was man so vom Ostler hat! Natürlich gab es auch die im Anorak, die sich über die Banane gefreut haben. Aber es gab eben auch andere. Und dafür stehen die drei in meinem Film, und dafür steht auch Dome. Also Dome ist gar keine so untypische Ost-Berliner Frau: Wie sie spricht, was sie sagt, ihr Blick auf die Welt, das teilt sie auch mit vielen anderen Frauen aus unserer Generation, aus dem Osten.

Was alle drei eint, ist, dass sie irgendwie eine Treue zu sich selbst haben. Vermutlich alle vier – Sie als Filmemacherin miteingeschlossen?

Das ist auch etwas, was ich erzählen wollte! Weil das, was wir im Osten gelernt haben, das können wir jetzt gut anwenden. Das war nicht so schwer, sich treu zu sein, in der DDR – weil man wusste auch genau, wogegen man ist! Die Dinge, die immer so negativ benannt werden, die haben auch Vorteile. Was ich gehört habe von den Leuten, die den Film gesehen haben, nach der Berlinale und auf diesen vielen Festivals: Dass der ganz doll gute Laune macht. Und das ist etwas, was mir wichtig ist für diesen Film – nicht bei jedem! – aber bei diesem Film ist es mir sehr wichtig, dass etwas von dem Lebensgefühl, worüber wir gesprochen haben, rüberkommt, dass da was rüberschwappt und dass es vielleicht auch ein bisschen ansteckend ist, wenn man auf sich selber schaut und guckt: Wie angepasst ist man? Wie lebt man? Lebt man so, wie man wirklich leben will? Also die drei leben auf jeden Fall so, wie sie wirklich leben wollen!

Das kann ich absolut bestätigen, dass dieser Film ganz mitreißend ist.

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