Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Bitte treten Sie dieses Kunstwerk mit Füßen | BR24

© Bayern 2

Einmal wie Jesus übers Wasser laufen: Im Sommer 2016 war das knapp zwei Wochen lang möglich. Christo hatte auf dem Lago Iseo seine Floating Piers installiert. Wie er dieses Projekt Realität werden ließ, erzählt die Doku "Christo – Walking on Water".

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Bitte treten Sie dieses Kunstwerk mit Füßen

Einmal wie Jesus übers Wasser laufen: Im Sommer 2016 war das knapp zwei Wochen lang möglich. Christo hatte auf dem Lago Iseo seine Floating Piers installiert. Wie er dieses Projekt Realität werden ließ, erzählt die Doku "Christo – Walking on Water".

Per Mail sharen
Teilen

Über 30 Jahre hatte das kultige Künstlerpaar Christo und seine inzwischen verstorbene Frau Jeanne Claude versucht, sein Projekt von Stoffbahnen auf Wasserwegen umzusetzen: in Argentinien, in Japan, in Kanada. Schließlich wurde es der viertgrößte See Oberitaliens – der Lago Iseo in der Lombardei, der mit der Monte Isola auch die größte Insel in einem europäischen Binnengewässer stellt.

Dorthin, dann weiter zur kleineren Insel San Paolo, die im Besitz des Waffenherstellers Beretta ist, und wieder zurück sollte der leuchtende Weg der "Floating Piers" verlegt werden. Mit 75.000 Quadratmetern gelbem Stoff bespannte Stege aus rund 200.000 begehbaren Polyethylen-Elementen mit Schwimmkörpern. Ein über drei Kilometer langer, bis zu 16 Meter breiter Schwimmweg, mit insgesamt 200 Bojenhaken verankert. Ein logistisches Großprojekt – dem man im Verlauf dieses unterhaltsamen Dokumentarfilms mit interessierter Spannung folgt.

© Wolfgang Volz

Christo in seinem Atelier

Die Entstehung des Kunstwerks "Floating Piers"

Die Kamera ist überall: Sie folgt Christo während der Vorbereitungen in seinem chaotischen Atelier im fünften Stock eines New Yorker Altbaus, in dem per Skype-Schaltung anstehende Verlagsveröffentlichungen diskutiert werden. Oder besser: bei denen er ärgerlich seine Visionen in die Kamera bellt. Er ist ein energischer, dürrer, 83 Jahre alter kleiner Mann mit weißer Mähne und großer Brille, der genau weiß, was er will – und was nicht. Vor allem mit seinem bulgarischen Neffen Vladimir Yavachev, der als Projektmanager der Ideen von Jeanne Claude und Christo seit vielen Jahren mit an Bord ist, gibt es immer wieder Remplereien.

So folgt man dem Werden des Projekts in Italien im April 2015. Man erlebt eine bis auf den letzten Platz gefüllte Aula in Sulzano am Lago Iseo in Norditalien. Christo erläutert hier vor den Gemeindebürgern, Sponsoren und der Presse das Projekt "Floating Piers", das knapp 20 Millionen Dollar kosten wird. Das erste, das er ohne Jeanne Claude realisieren wird. Auch hier gilt aber das Credo beider Künstler: "Unsere Kunstwerke sind völlig nutzlos. Sie existieren nur, weil wir sie sehen und realisieren wollen – und wir wiederholen uns nie!"

© Wolfgang Volz

Szene aus "Christo - Walking on Water"

Man wird in der Folge Zeuge der lokalpolitischen und logistischen Herausforderungen, der Streitigkeiten und Reibereien vor Ort, als es zum Beispiel um die bestmögliche Befestigung der aus Deutschland gelieferten Stoffbahnen auf den Schwimmpoldern geht. Und man bekommt eine Ahnung von der Größenordnung dieser Installation, deren enormer Publikumszuspruch gerade an Wochenenden zu teilweise chaotischen Zuständen führte: überfüllte Züge, Streitereien, Kommunikationsprobleme bei der Crew – und immer mittendrin Christo. In Regenjacke, mit Schutzhelm, sein Opus Magnum inszenierend.

Die beiden Nebendarsteller in diesem interessanten dokumentarischen Blick hinter die Kulissen des Installationsgeschäfts sind der deutsche Fotograf Wolfgang Volz, ein stets sanfter Begleiter des Künstlers seit vielen Jahren und – als Gegenstück – der bullige Vladimir, der seinen Onkel mal geschickt vermarktet oder ihm Grenzen setzt, wenn er wieder eine nicht umsetzbare Idee hat.

Christo: Kontrolleur und Arrangeur sämtlicher Bildwelten

Nach der Eröffnung am 18. Juni 2016 waren die Piers 16 Tage lang zugänglich – und zogen weit über eine Million Besucher an, darunter viele, die man im Film staunend und lächelnd über die leuchtend gelben schwingenden Wege über das Wasser gehen sieht. Da Christo die Finanzierung seiner Werke selbst aufbringt – durch Lizenzen, den Verkauf von Skizzen oder Repros – ist er natürlich auch der Kontrolleur und Herr über das Bild, das von ihm gezeigt wird.

So ist der Regisseur von "Christo – Walking on Water", wie der Künstler selbst aus Bulgarien stammend, Andrey Paounov. Ihm ist aber trotz der mutmaßlichen Nähe zu Christo ein wunderbares, distanziertes Porträt vom Werden eines einzigartigen Kunstwerks gelungen, vom Chaos, von Widerständen – und zugleich ein humorvoller, intimer Blick auf den Künstler, der sich wie ein kleines Kind freut, als schließlich nach vielen Widrigkeiten die gelben Bahnen im Sonnenlicht auf dem See glänzen. Oder: Der nach sehr viel Zureden in einen der Hubschrauber steigt. Und so sieht man mit ihm die "Floating Piers" in wunderbaren Einstellungen von oben – und ihn, Christo, endlich einmal zufrieden.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!