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Natalija Yefimkina macht russische Garagen preiswürdig | BR24

© Tamtam Film GmbH | Audio: BR

Die Eroberung des Nutzlosen: Jedes Ofenrohr steht für eine eigene Geschichte. Doch nicht in allen beheizten Garagen wird der Grundstein gelegt für ein Milliarden-Unternehmen.

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Natalija Yefimkina macht russische Garagen preiswürdig

Die Garage als Rückzugsort für den russischen Mann: Für ihren Debüt-Film "Garagenvolk" bekommt die Filmemacherin Natalija Yefimkina den Werner-Herzog-Preis. Ihr Film zeigt, auf wie zum Teil skurrile Weise die Besitzer ihre Garagen zweckentfremden.

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In der amerikanischen Kultur werden Garagen zu nahezu mythischen Orten verklärt. Man denke nur an die beliebte Erzählung aus dem Silicon Valley, derzufolge Konzerne wie Google, Microsoft, Apple alle in einer Garage gegründet worden sind, weil Steve Jobs, Bill Gates, Sergey Brin und Larry Page die Grundideen für ihre milliardenschweren Konzerne allesamt in einer Garage ausgetüftelt haben wollen. Fern solcher Garagenfolklore bewegt sich der Dokumentarfilm "Garagenvolk", den die aus der Ukraine stammende Filmemacherin Natalija Yefimkina in Nordrussland gedreht hat und der heute Abend in München mit dem Werner-Herzog-Preis 2020 ausgezeichnet wird. Knut Cordsen hat mit der 37-jährigen Regisseurin gesprochen.

Knut Cordsen: Frau Yefimkina, Sie sind 1983 in Kiew zur Welt gekommen, leben aber heute in Deutschland. Ihr Debütfilm "Garagenvolk" dreht sich um Garagen und ihre Besitzer in Russland. Werner Herzog sagt über den Film: "Was sie gemacht hat, habe ich so noch nie gesehen." Das kann ich nur bestätigen. Die Gestalten, die Sie versammeln in Ihrem Film, sind schon herrlich skurril. Ein Panoptikum: vom Schrottsammler, der in seiner Garage vor sich hin bosselt an Maschinenteilen über einen Künstler, der Ikonen schnitzt, und einen Mann, der in seiner Garage eine Wachtelzucht hat bis hin zu einer Band, die in der Garage probt. Ist die Garage ein für Russland typischer, emblematischer Ort?

Garagen gibt es überall in Russland. Deswegen sage ich eigentlich auch nicht, wo das spielt, weil sich das überall zutragen kann. Solche Garagen gibt es im ganzen Land. Ich würde behaupten, dass die Garage der letzte Ort ist, wo der russische Mann sich eigentlich absolut frei fühlen kann.

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Überwiegend männliches Terrain: Garagen in Russland werden auf sehr vielfältige Weise zweckentfremdet

Die skurrilste Figur in Ihrem Film ist für mich ein 73-jährigen Rentner, der seit seinem 27. Lebensjahr – ausgehend von seiner ebenerdigen Garage – fünf Stockwerke tief in die Erde gegraben hat, nur mit einem Spaten und Eimern bewehrt. Eine jahrzehntelange Arbeit, er nennt diese Arbeit an diesem verschachtelten Stollensystem sein "Garagen-Epos" – und er sagt in Ihrem Film: "Ich habe keine Ahnung, warum ich gegraben habe." Ich kann mir gut vorstellen, dass gerade diese Figur es Werner Herzog sehr angetan hat, denn um es mit einem Buchtitel Werner Herzogs zu sagen: Das ist die Eroberung des Nutzlosen!

Für mich ist dieser Viktor eine Schlüsselfigur. Man fragt mich immer nach der Seele Russlands. Das ist eine komische Frage. Aber wenn man Viktor im Film sieht, ist er die zentrale Figur. Er hat ja auch noch alles unterirdisch mit Gleisen ausgestattet. Er hat Tonnen von Gleisen dort verbaut und damit seinem Leben einen Sinn gegeben.

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Hat mit "Garagenvolk" ein überwiegend männliches Biotop dokumentiert: Filmemacherin Natalija Yefimkina

Was auffällt: Die Garage ist ein eher männliches Terrain, Sie haben es schon angesprochen. Es gibt viele Männer und kaum Frauen in Ihrem Film. Mir fällt als zeitweilige Garagenbewohnerin nur die grölende Sängerin dieser unfassbar schlechten Schrammelrock-Band ein. Aber sonst ist die Garage das Terrain der Männer – gern auch mal wodkatrunkener Männer. Ein Männerhort.

Ja, es finden sich auch Frauen im Film, aber meistens sind das einfach die Ehefrauen der Männer, denen die Garage gehört. Da gibt es zum Beispiel diese Frau von Viktor, der als Terrain aber wie üblich eher die Küche vorbehalten ist. Aber es gibt auch Lena, die Garagenrock macht mit dieser Band.

Wie war das für Sie als Regisseurin, als Frau, sich diesem Thema zu nähern? Gab es da keine Vorbehalte?

Es war überhaupt schwierig, in private Räume einzudringen. Die Menschen sind verschlossen und haben auch Angst, dass ihnen etwas geklaut wird oder jemand ihnen etwas Schlechtes will. Man ist also eher abgeneigt, den Privatraum zu zeigen. Es ist schon eine ziemliche Arbeit, da reinzukommen und das Vertrauen zu gewinnen oder den Leuten irgendwie das Gefühl zu geben, dass man sie wertschätzt und dass es für einen Kinofilm ist.

Einmal sieht man auch, dass die Garage als Gym genutzt wird, als Trainingsraum für Gewichtheber und Bankdrücker. Aber es überwiegt doch der Eindruck, dass die Garagen hier vielen einen Rückzugsraum bieten. In einer Szene spricht einer der Garagenbewohner mal mit einem Porträtbild Wladimir Putins, das da an der Wand hängt, aber sonst ist das ein Raum, auf den weder die Politik noch die in Russland noch die allmächtige Kirche – ein Pater kommt ja auch vor – Zugriff hat. Ist die Garage eine Art Rückzugsraum?

Definitiv. Die Garage ist ein Rückzugsraum und eine Bastion. Sie ist die Bärenhöhle des russischen Mannes. Man zieht sich zurück, man kann Herr seines Königreichs sein, und da hat keiner was zu sagen außer der Besitzer.

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