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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Bernd von Jutrczenka

Nach jahrelangen Diskussionen hat Bundeskanzlerin Merkel heute das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung eröffnet. Es zeigt das Schicksal deutscher Vertriebener, aber auch das Leid anderer Geflüchteter.

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"Sie wissen, wie es war": Merkel eröffnet Dokumentationszentrum

Rund 14 Millionen Deutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben. Darüber und über die Flüchtlingsströme weltweit informiert jetzt ein neuer Erinnerungsort in Berlin. Der Kanzlerin waren "Ursachen und Folgen" wichtig.

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Von
  • Peter Jungblut

Derzeit seien so viele Menschen auf der Flucht wie niemals zuvor, so Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer virtuellen Rede zur Eröffnung des "Dokumen­tations­zentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung" an der Berliner Stresemannstraße. Dies allein zeigte schon, dass es nicht um die Einweihung eines "Museums" ging, sondern um ein leider bei weitem nicht abgeschlossenes Kapitel der Menschheit, das weit über Europa hinausweist. Die Kanzlerin hielt es denn auch für wichtig, den Überlebenden ein Forum zu bieten: "Deshalb ist es so wichtig, dass das Dokumentationszentrum mehr als ein Informationszentrum ist. Niemand kann besser als die Zeit-Zeugen vermitteln, was geschehen ist. Sie wissen, wie es war, unter teilweise lebensbedrohlichen Umständen fliehen zu müssen und diesen Verlust ein Leben lang zu tragen."

"Wahrlich nicht immer einfache Diskussionen"

Es sei von "entscheidender Bedeutung", dass die Geschichte der Vertreibungen im Fall der Deutschen in den "Zusammenhang von Ursachen und Folgen eingebettet" sei: "Wir haben einen würdigen Ort der Erinnerung an Flucht und Vertreibung gewonnen, der stets bewusst macht: Ohne den von Deutschland im Nationalsozialismus über Europa und die Welt gebrachten Terror, ohne den Zivilisationsbruch der Shoah und ohne den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg wäre es nicht dazu gekommen, dass zum Ende des Zweiten Weltkriegs und danach Millionen Deutsche Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung erleiden mussten."

Die Diskussionen um diesen Ort seien "wahrlich nicht immer einfach" gewesen: "Aber sie waren wichtig." Besucher könnten bei freiem Eintritt "Mitzeugen individueller Lebensgeschichten" werden.

© Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Bildrechte: Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Treppe nach oben: Blick ins Foyer

Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters sagte, Deutschland stelle sich mit der Eröffnung des Dokumentationszentrums einer "lange viel zu wenig wahrgenommenen historischen Wahrheit". Sie erinnerte auch daran, dass lange über das Haus und sein Konzept politisch gestritten wurde. Außerdem seien damit in manchen osteuropäischen Staaten teilweise "Verunsicherung, Irritation und Ängste" verbunden gewesen. Einige Botschafter der betroffenen Länder waren denn auch anwesend, wofür sich Grütters ausdrücklich bedankte. "Diese unterschiedlichen Erinnerungen sind im Bezug zu den Verheerungen, die Deutschland über Europa gebracht hat, miteinander verwachsen und ergeben doch kein gemeinsames Gedächtnis. Eine europäische Erinnerungskultur kann deshalb nur darin bestehen, der Vielstimmigkeit des Erinnerns Gehör zu verschaffen und im Sinne eines Erinnerungsaustausches zu einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu stehen und Verständigung zu finden."

Erlaubt waren nur 40 Kilo Gepäck

Die Chefin des Dokumentationszentrums, Gundula Bavendamm, nannte als "zentrales Anliegen" der Einrichtung, "die Erfahrung von zig Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen im 20. Jahrhundert, aber eben auch bis heute, greifbar zu machen, und ungeachtet ihrer Nationalität Empathie für diese Menschen zu wecken." Schwerpunkt der Ausstellungen sei die "europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts, in dem rund 14 Millionen Deutsche von Flucht und Vertreibung" betroffen gewesen seien. Es gehe um einen "Überblick und die Vertiefung der Erfahrungen der Deutschen als Flüchtlinge und Vertriebene", aber auch um die Einbettung in einen "größeren Zusammenhang": "Denn eines ist klar, ohne die nationalsozialistische Vertreibungs- und Vernichtungspolitik hätten nicht 14 Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren. Das ändert allerdings gar nichts daran, dass auch ihre Vertreibung durch die Alliierten und die ostmitteleuropäischen Staaten in Folge des Zweiten Weltkriegs ein Unrecht war." Das war übrigens die einzige Stelle, an der während des Festakts schütterer Beifall aufbrandete.

Die 92-jährige Zeit-Zeugin Christine Rösch, die im März 1946 aus Mähren vertrieben wurde und seit 1950 in München lebt, erinnerte daran, wie sie und ihre Familie mit nur 40 Kilo Gepäck aufbrechen mussten. Sie habe die Berichte von Betroffenen gesammelt, damit nie vergessen werde, welches Leid den Menschen angetan wurde - und wird: "Flucht und Vertreibung sind, wie die vielen Konfliktherde dieser Erde zeigen, immer noch aktuell."

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