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Neue Doku: Warum die Zustände in Schlachthöfen uns alle angehen | BR24

© Audio: BR / Bild: JIP Film

Max Ophüls Preisträger 2020: Der Dokumentarfilm "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" von Yulia Lokshina

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Neue Doku: Warum die Zustände in Schlachthöfen uns alle angehen

Seit Corona steht die Fleischindustrie in den Schlagzeilen, Regisseurin Yulia Lokshina beschäftigt sich schon länger mit dem Thema. Und es betrifft die ganze Gesellschaft, wie ihre ungewöhnliche Doku zeigt. Inhaltlich wie künstlerisch ein Abenteuer.

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Das Schwein kann nicht anders. Irgendwer hat einen Ball an das Stallgitter gehängt und das Schwein – eingeklemmt zwischen dem Hinterteil eines zweiten und der Schnauze eines dritten Schweins – versucht den Ball zu fangen, der jedoch, rund und glitschig wie er nun mal ist, entwischt.

Verfremdete Realität

Mit dieser Szene eröffnet Yulia Lokshina ihren Dokumentarfilm "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit", der in diesem Jahr schon mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde. Minutenlang folgt die Kamera der aussichtslosen Tänzelei des Schweins. Der Stall ist dabei in grünes Licht getaucht und das Schauspiel mit einem Tanzstück im barocken Stil unterlegt. Ein überraschend künstlerischer und assoziativer Beginn für eine Dokumentation, das spürt der Zuschauer sofort. Was er vielleicht nicht ahnt – wie viel Wahrheit in dieser Szene steckt. Tatsächlich werde in Großschlachtbetrieben häufig Musik eingesetzt, erzählt die Regisseurin im Interview. "Vor allem Schweinen wird Musik vorgespielt, und zwar Panflötenmusik. Nach tiermedizinischen Erkenntnissen treffen Panflöten nämlich eine bestimmte Frequenz, die die Tiere beruhigt. Deshalb kriegen sie vor der Schlachtung: Panflöte und grünes Licht."

© JIP Film

Vergebliches Spiel: Szene aus dem Dokumentarfilm "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" von Yulia Lokshina

Die Frage nach der Verantwortung

Im Film setzt Lokshina allerdings keine beruhigende Panflöte ein, sondern ein Tanzstück, das nach vorne treibt. Dazu ertönt eine Stimme aus dem Off, die von einem Mann erzählt, von Stanislav, der im Schlachtbetrieb gearbeitet hat. Er stand an jener Maschine, die den Rumpf vom Kopf trennt. Er war es, der die Schweine durch diese Maschine schickte. Und während er das tat, erklärt uns die Erzählerin, muss sich etwas verhakt haben – sein Kittel, seine Handschuhe, irgendwas. Er selbst wurde also auf das Band gezogen und starb am Arbeitsplatz.

Das Schwein kann der Situation nicht entkommen, aber der Mensch, die Gesellschaft könnte die Spielregeln ändern, die Leiharbeiter in ein derart lebensgefährliches Arbeitsumfeld zwingt. Und so blickt Yulia Lokshina im Folgenden auch auf die Gesellschaft, für die Stanislav einst Rumpf und Kopf der Schweine trennte: Sie verfolgt verschiedene Stränge – beobachtet eine Schulklasse, die Brechts "Heilige Johanna" auf die Bühne bringt. Lässt Leiharbeiterinnen erzählen und lauscht dann dem Integrationsrat, der grübelt, was nur schieflaufen könnte bei diesen Arbeitern, die einfach nicht zum Sprachunterricht erscheinen.

Ein Arbeitsunfall – und eine verstörende Reaktion

Eine der härtesten Szenen zeigt diesen Unterricht: Deutsch für die Arbeiter. Ein Schüler, ein älterer Herr, nimmt den Sprachunterricht ernst und antwortet auf die Frage: "Wie geht es dir?" nicht einfach mit "Danke, gut", sondern erzählt von sich, von seinem Arbeitsunfall. Die reflexhafte Reaktion des Lehrers – keine Empathie, sondern: "Du warst also nicht konzentriert, sonst wäre das ja nicht passiert?" Halb Frage, halb Feststellung.

Der Zuschauer, der davor schon das Desinteresse der Politik, die Passivität der Brecht lesenden Schulklasse und das Leid der Arbeiter kennengelernt hat, kann hier nur wütend werden. Aber: Lokshina stellt die Menschen nicht bloß. Ihr geht es um das Gesellschaftliche, nicht um das Individuelle. Wie viel Kritik ist möglich, in den Institutionen, die sich die Gesellschaft geschaffen hat? Im Gymnasium etwa. Oder eben im Sprachunterricht?

© JIP Film

Gewann für ihren Debütfilm den Max Ophüls Preis 2020 in der Kategorie "Dokumentarfilm": Regisseurin Yulia Lokshina

Gesamtgesellschaftliches Problem

"Dieser Deutschlehrer kommt aus seiner Rolle nicht heraus", erläutert Lokshina: "Der versteht sich nicht als Seelsorger, Betreuer oder Angehöriger. Der ist dort nicht privat, sondern in seiner Funktion. Und dann kriegt er so eine herausfordernde Geschichte zu hören. Er merkt vielleicht, dass es in den Schlachtbetrieben nicht gut zugeht. Aber er kann nirgendwo andocken, klebt an seinem Curriculum: Die Arbeiter müssen einfach lernen, dass man auf die Frage: 'Wie geht es dir?' – 'Danke, gut!' antwortet. Etwas anderes, Systemkritik etwa, ist an der Stelle einfach nicht vorgesehen."

Der Film steht angenehm schräg zur aufgeregten Debatte um die Fleischindustrie, die seit den Corona-Erkrankungen in Schlachthöfen wieder präsenter ist. Er ist unbequem und direkt genug, um jedem klarzumachen, dass es um ein gesamtgesellschaftliches Problem geht, nicht um einzelne Unternehmen oder Personen. Und er ist künstlerisch genug, um diesen Schluss nicht auf pädagogische Art zu erzwingen. Der Zuschauer gerät hier nicht in die Rolle des Unterlegenen, dem seine Fehlverhalten erklärt wird. Er darf oder muss sich selbst verorten – in einer Welt zwischen wohlbehüteten Gymnasiasten, armen Leiharbeitern am Band und gut ausgebildeten Justiziaren, die diesen Arbeitern ihre Verträge vorlegen.

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