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Doku-Fiction über Bayern und Togo an den Münchner Kammerspielen | BR24

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Das Doku-Fiction-Mash-up "Wir Schwarzen müssen zusammenhalten" untersucht die Beziehung zwischen Deutschland/ Bayern und dem westafrikanischen Togo.

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Doku-Fiction über Bayern und Togo an den Münchner Kammerspielen

Die Münchner Kammerspiele begeben sich per Livestream auf Zeitreise. "Wir Schwarzen müssen zusammenhalten" kreist um die Machenschaften des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und der ehemaligen Kolonie Togo in Westafrika.

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Von
  • Christoph Leibold

"Musterkolonie" - das hört sich vorbildlich an. Was Togo betrifft, so bedeutete "Musterkolonie" vor allem, dass die Ausbeutung durch die deutschen Kolonialherren dort besonders reibungslos verlief. Wie geschmiert liefen die Geschäfte in Togo auch in den 1970er- und 1980er-Jahren für bayerische Unternehmen wie den Fleischfabrikanten Josef März und seinen Marox-Konzern.

Eingefädelt hat solche und andere profitable Deals Franz Josef Strauß, der nicht nur bayerischer Ministerpräsident war, sondern Herr über ein Spezlwirtschaftsimperium, das weit über die Grenzen des Freistaats hinausreichte. In "Wir Schwarzen müssen zusammenhalten. Eine Erwiderung" zappelt der Strippenzieher Strauß, schöne Ironie, selbst an Fäden, nämlich in Gestalt einer Marionette, geführt von Puppenspieler Michael Pietsch. Zum harmlosen Hampelmann wird Strauß dadurch dennoch nicht. Pietsch hat der Politikerpuppe die selbstgefällige Überheblichkeit eines Mir-san-mir-Bayerns in den bulligen Holzkopf geschnitzt. Und wenn sie ihr Klappmaul auf- und zumacht spricht oft ihr reales Vorbild persönlich aus ihr, mittels Strauß-Originalton vom Band.

Kein "Zurück in die Zukunft"

Regisseur Jan-Christoph Gockel und sein Team betten akribisch recherchierte Fakten aus Vergangenheit und Gegenwart in eine fantastische Geschichte. Schauspielerin Nancy Mensah-Offei landet als Afroastronautin mit illuminiertem Glaskugelhelm auf dem Kopf und folkloristisch gemustertem Space-Overall in Deutsch-Togo im Jahr 1914 und begibt sich von dort aus als "zeitreisende Geisterjägerin" auf die Spur der kolonialen Gespenster, die über die Strauß-Ära bis heute in postkolonialem Denken herumspuken.

So wie sich dabei Zeitebenen und Schauplätze überlagern, vermischt die Inszenierung virtuos auch verschiedene Genres, in erster Linie Theater und Film. Teile der Handlung werden live gespielt im Werkraum der Münchner Kammerspiele und von einem Kameramann aufgenommen. Andere Szenen wurden in Togo gedreht, wohin Jan-Christoph Gockel mit dem Ensemble im Februar gereist war. Dazu gibt es dokumentarisches Material, Interviewpassagen, Puppenspiel und sogar Comicsequenzen, zum Beispiel gleich am Anfang, wenn "Afronautin" Nancy Mensah-Offei zu ihrer Mission aufbricht.

Geschichtsrevision ist dringend notwendig

In Collage-Technik entsteht ein Bilderstrom, der vorzüglich auf dem Bildschirm funktioniert und einen hineinsaugt in verstörende Abgründe. Franz Josef Strauß mag seit über drei Jahrzehnten tot sein, aber noch immer ist ein Flughafen nach ihm benannt. Noch immer wird mit bayerischem Bier in Togo Geld verdient, die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit dagegen steht erst am Anfang. Lange bevor die Nationalsozialisten KZs einrichteten, führten deutsche Ärzte in Afrika skrupellos medizinische Experimente mit Einheimischen durch.

Bestechender Theaterabend

Sicher, dafür konnte Strauß nichts, aber angesichts des Ausmaßes dieser grausamen Menschenversuche, wie überhaupt der rücksichtslosen Ausbeutung klingt seine Rede von der "deutsch-togolesischen Freundschaft" wie blanker Hohn. Und sein Ausspruch von den Schwarzen, die zusammenhalten müssen – das macht dieser bestechende Theaterabend sehr deutlich – ist alles andere als das zünftige, aber letztlich harmlose Zitat, für das es viele Strauß-Bewunderer bis heute halten.

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