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Die Doku "Eldorado" zeigt das Schicksal von Flüchtlingen hautnah | BR24

© Bayern 2

Als Jugendlicher verliebte sich Markus Imhoof in ein Flüchtlingsmädchen. Seitdem ließ ihn das Thema Flucht nicht mehr los. Zuletzt hat er auf Rettungsschiffen im Mittelmeer die Doku "Eldorado" gedreht. Im Gespräch klagt er die europäische Politik an.

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Die Doku "Eldorado" zeigt das Schicksal von Flüchtlingen hautnah

Als Jugendlicher verliebte sich Markus Imhoof in ein Flüchtlingsmädchen. Seitdem ließ ihn das Thema Flucht nicht mehr los. Zuletzt hat er auf Rettungsschiffen im Mittelmeer die Doku "Eldorado" gedreht. Im Gespräch klagt er die europäische Politik an.

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Soeben hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gemeldet, dass erstmals mehr als 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind. Abstrakt reden und urteilen über Flüchtlinge lässt sich leicht. Aber was es bedeutet, auf der Flucht zu sein und ein Flüchtlingsschicksal zu erleiden, das hat kein Dokumentarfilm so eindrücklich gezeigt wie "Eldorado" von Markus Imhoof. Der 77-jährige Schweizer hat für "Eldorado" den Bayerischen Filmpreis erhalten. Heute Abend zeigt das BR Fernsehen diesen hochaktuellen Film. Knut Cordsen hat mit dem Regisseur Markus Imhoof gesprochen.

Knut Cordsen: Schon Anfang der 80er-Jahre haben Sie "Das Boot ist voll" gedreht, einen Film über Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus 1942 in die neutrale Schweiz fliehen wollten – und denen das verweigert wurde. Nun dieser Film "Eldorado" über das Flüchtlingselend heute und ein Flüchtlingsschicksal früherer Tage. Ist das Thema Flucht für Sie als Künstler ein lebensbestimmendes?

Markus Imhoof: Ich habe es als Kind erlebt, dass wir ein Flüchtlingskind in unserer Familie hatten. Das vergisst man nie mehr. Es ist eine Geschichte, die dann schlecht geendet hat und gleichzeitig eine Liebesgeschichte war. Das vergisst man nie mehr.

© Majestic/zero one film

Giovanna und Markus Imhoof als Jugendliche

Dieses Kind hieß Giovanna, die von Ihren Eltern aufgenommen wurde und in die Sie sich als Junge verliebt haben. Eine Italienerin, die wenige Jahre später leider sehr früh gestorben ist. Die Erinnerung an diese Begegnung, die eine erste Liebe war, hat Sie Jahrzehnte später aufbrechen lassen in Richtung Mittelmeer, in dem heute Menschen auf der Flucht ertrinken. Vielleicht können Sie noch mal kurz erklären, wie die eine Geschichte mit der anderen zusammenhängt?

Eigentlich dachte ich, ich hätte das Thema mit "Das Boot ist voll" behandelt. Aber als ich dann jeden Morgen beim Frühstück in der Zeitung von diesen vollen Booten las, dachte ich: Ich muss diesen Film noch einmal machen. Das erste war ja ein Spielfilm, "Eldorado" ist ein Dokumentarfilm, und wenn ich jetzt heute die Situation sehe und höre, wie zurzeit über Flüchtlinge gefeilscht wird, die gerettet worden sind aus dem Meer und wie man sie nicht an Land gehen lässt, dann weiß ich nicht, wie viele Filme ich noch machen muss, bis Politiker sie sich vielleicht mal anschauen und eine Entscheidung treffen. Es gibt 60 Städte in Deutschland, die bereit wären, die Menschen aufzunehmen – aber das muss ja jemand ganz oben bewilligen. Die Situation ist wirklich vertrackt. Es gibt ja die sogenannte Dublin-Abmachung, dass ein Flüchtling oder Migrant in dem europäischen Land, auf das er zum ersten Mal seinen Fuß setzt, sein Asylgesuch stellen muss und dass dieses Land dann verantwortlich ist. Die Entscheidung darüber dauert ungefähr zwei Jahre. Das ist ungefähr so absurd, als würde man die Unfallrettung verantwortlich machen für die Behandlung des Patienten nachher. Dahinter verstecken sich die anderen EU-Staaten. Man weiß, Ungarn und Polen nehmen gar keine Flüchtlinge auf. Deutschland hatte viele aufgenommen und will jetzt gar keine mehr aufnehmen und schickt sie sogar nach Italien zurück. Diese Überforderung von Italien hat dazu geführt, dass wir jetzt in Italien eine nahezu faschistische Regierung haben oder eine Regierung, die eine solche zu werden droht. Da ist einfach der absolute Stopp jeder Rettung programmiert. Die Retter sollen 10.000 oder 50.000 Euro Strafe zahlen, wenn sie jemanden retten und an Land bringen.

© picture alliance/rtn - radio tele nord

Regisseur Markus Imhoof

Sie haben auf dem Rettungskreuzer "Mare Nostrum" gedreht und dort auch die extrem nervenaufreibende Arbeit der Retter an Bord mit der Kamera begleitet. Menschen, die mit dieser Extremsituation zurande kommen müssen. Als Sie den Bayerischen Filmpreis erhalten haben, sagte Ihr Laudator, der bayerische Kapitän des Rettungsschiffs "Lifeline", Claus-Peter Reisch, Sie hätten genau das dokumentiert, was er bei seinen Rettungseinsätzen immer erlebt habe. Wie schwer war es für Sie als kleines Filmteam, in diesen Extremsituationen der Rettung von Menschenleben zu drehen?

Das Wichtigste ist natürlich, dass man selbst nicht stört. Ich bin körperlich nicht in der Lage, einen Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Aber es ist wichtig, dass man es dokumentieren kann, weil die Leute in der Tagesschau immer Flüchtlinge mit Rettungswesten sehen. In Wirklichkeit ist da eine ganze Geschichte davor, bis sie diese Rettungswesten anhaben – und das war wichtig, dass man das dokumentiert und auch den weiteren Weg dieser Flüchtlinge. Ich bin dankbar, dass die italienische Marine, die diese Einsätze gefahren hat, mir erlaubt hat, sie mit der Kamera zu begleiten. Heutzutage ist das Thema in Italien verboten. Man darf es gar nicht mehr erwähnen. Ich weiß von anderen, die einen Flüchtlingsfilm machen wollten, dass die italienische Marine heute keinen Meter Film mehr herausrückt.

Heute Abend um 22:45 Uhr strahlt das BR Fernsehen Markus Imhoofs preisgekrönten Dokumentarfilm "Eldorado" aus.

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