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Doğan Akhanlı erhält die Goethe-Medaille | BR24

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Herausragendes Eintreten für den internationalen Kulturaustausch: Für diese Leistung wird in Weimar die Goethe-Medaille verliehen. Dieses Jahr wurde unter anderem der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli geehrt.

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Doğan Akhanlı erhält die Goethe-Medaille

Herausragendes Eintreten für den internationalen Kulturaustausch: Für diese Leistung wird in Weimar alljährlich die Goethe-Medaille verliehen. Dieses Jahr wurde unter anderem der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı geehrt.

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Man kann Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, nur gratulieren zu drei spannenden Preisträgern, die – inspiriert von deutscher Kultur – in ihren Heimatländern um die Zivilgesellschaft ringen und mit kämpferischem Elan "Dichtung und Wahrheit" auf den Prüfstand stellen. Der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı, die aus dem Iran stammende Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat und der mongolische Verleger Enkhbat Rozoon: sie sind die neuen Preisträger der Goethe-Medaille, die alljährlich zum Geburtstag des deutschen Dichterfürsten an Menschen verliehen wird, die sich um den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben.

Der Holocaust und die Frage nach der Schuld

Doğan Akhanlı, vor 62 Jahren in einem türkischen Dorf am Schwarzen Meer geboren, lernte Gewalt, Haft und Folter schon als 17-Jähriger kennen. Später, 1985, geriet er mit seiner Familie in Haft und unter den Druck von Folter. 2010 wurde er nochmals verhaftet, diesmal wegen angeblichen Raubmordes. 2017 folgte die spektakuläre Festnahme in Spanien, als die Türkei die Auslieferung verlangte und ihm das Goethe-Institut Schutz bot. Da hatte Akhanlı längst Zuflucht in Deutschland gefunden, das mit seiner eigenen Gewaltgeschichte zu tun hatte. Die deutsche Erinnerungsarbeit motivierte ihn, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen und Muslimen davon zu erzählen, die Geschichte von Juden, Deutschen, Türken und Armeniern zusammenzudenken.

Sein neuer Roman, "Madonnas letzter Traum", handelt von der "Struma", jenem Schiff, das jüdische Flüchtlinge nach Palästina bringen sollte und 1942 vor den Augen der "neutralen" Türkei im Schwarzen Meer versank. 769 Menschen ertranken, das reiche Europa sah sich nicht zuständig. Dieses untätige Zusehen empört Doğan Akhanlı heute noch: "Wenn wir über den Holocaust reden oder über dieses Schiff, ist der Holocaust eine deutsche Schuld, aber ich frage mich. Wer ist unschuldig geblieben? Die Türkei tut so, dass sie 600 deutsche und jüdische Flüchtlinge aufgenommen hat und macht es sich gemütlich. Und diese 800 Toten im Schwarzen Meer, wer ist verantwortlich eigentlich?"

© picture alliance / dpa

Shirin Neshat neben einem ihrer Werke

Eine kämpferische Frau

Shirin Neshat konnte nicht zur Preisverleihung nach Weimar kommen. Die iranische Künstlerin lebt in New York, sie ist weltweit erfolgreich als Filmemacherin, Videokünstlerin und Regisseurin von Filmen wie "Auf der Suche nach Oum Kulthum". Als Fotografin zeigt sie auf großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts muslimische Frauen, kontrastiert Weiblichkeit und Rebellion, Gewalt und Poesie, Frauen mit Tschador oder mit Pistole sowie Hände, die mit persischer Kalligraphie beschriftet sind.

Ihre Arbeit handele vom Überleben, sagt Shirin Neshat: "Viele meiner Arbeiten zeigen extrem unterdrückte Frauen, mit dem Rücken zur Wand, aber sie sind immer auch rebellisch und durchbrechen Normen. Ich sehe mich selbst als äußerst fragil und schwach, und gleichzeitig oft als extrem belastbar und kämpferisch. Und das ist meine Botschaft: Wir sind überall dem Unrecht ausgesetzt, aber wir sind keine Verlierer, wir müssen Kämpfer sein."

© picture alliance/Michael Reichel/dpa

Der mongolischen Verleger Enkhbat Rozoon

Pippi Langstrumpf auf Mongolisch

Enkhbat Rozoon wurde an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotograf, ist heute Drucker, Verleger, Publizist und Eigentümer der größten Buchhandlungskette und ein maßgeblicher Intellektueller in der Mongolei. Er setzt auf europäische Aufklärung, auf eine präzise Sprache in Zeiten politischer Lügen. Außerdem auf eine Kindererziehung, die nicht von den Eltern ausgeht, sondern vom Kind. Und auf Bücher, die Kritikfähigkeit und Widerspruchsgeist fördern. So gibt es Pippi Langstrumpf und Kleists "Michael Kolhaas" auf Mongolisch.

Rozoon plädiert für Fortschritt: "Viele sprechen über Tradition. Mit Tradition kann man nicht alles erreichen. Man muss sich mit der Gegenwart konfrontieren. Das Nomadenleben beruht auf Erfahrung, aber heutzutage basiert das Leben auch auf Wissen. Erfahrung und Wissen, das muss zusammenschmelzen."

Plädoyer für mehr Demokratie

Das Goethe-Institut ist ein Auslandsinstitut. Und doch wäre zu wünschen, dass es mit seinen ausgezeichneten Gästen und Debatten in Weimar auch nach innen wirken würde, ins eigene Land, das sich seiner Demokratie zu sicher scheint. Die Verächter von Demokratie und Meinungsfreiheit sind vor Ort, in Thüringen wie in Weimar, dem Herz der Klassik, wo man vom Bauhausmuseum die Schlote von Buchenwald sieht. Aber die Festlaune blieb ungetrübt. Doğan Akhanlı immerhin riet Deutschland, die Türkei nicht wie seit 100 Jahren als Partner zu sehen, wenn sie eine Militäroffensive mit deutschen Waffen in der syrisch-kurdischen Stadt Afrin startet. Er widmete seine Medaille der Kölner Künstlerin Hozan Cane, die wie zehntausende andere Erdogan-Gegner in einem türkischen Gefängnis sitzt.

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