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Was wir von der DLD-Konferenz 2019 in München lernen können | BR24

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Künstliche Intelligenz

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    Was wir von der DLD-Konferenz 2019 in München lernen können

    Wird Europa von China abgehängt? Viele Redner und Firmenlenker auf der Digital Life Design Conference in München stimmten dem zu. Die Fortschritte, die im Land der Mitte im Bereich der Künstlichen Intelligenz gemacht werden, sind enorm.

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    Wir machen es auf die harte Tour. Beginnen wir gleich mit einer tiefschwarzen Prognose für die kommenden Wochen, geäußert von der EU-Spitzen-Beamtin Ann Mettler: "Die Drohung steht im Raum, dass die existierenden Technologien die Demokratie aushöhlen. Denn es dreht sich nicht nur um die Wirtschaft allein, sondern um das Model unserer Gesellschaft."

    Hassreden sind nicht das Resultat schlechter Umgangsformen. Sie stellen einen Angriff auf eine bürgerliche Gesellschaft dar, warnt die Deutsch-Schwedin. Ann Mettler sieht auf uns alle eine Schlammlawine zukommen. Es gehe den Trollen und Hasspredigern darum, das Gesprächsklima im Netz nachhaltig zu vergiften: "Bereiten sie sich darauf vor, Sie werden in den Wochen vor den Europa-Wahlen mit Falschinformationen bombardiert werden. Sie sollen nicht mehr wissen, was ist richtig, was falsch. Wir müssen dagegen Abwehrkräfte entwickeln. Denn da draußen agieren nicht nur Menschen, sondern da sind auch Bots und Trollfabriken. Natürlich gibt es ein Recht auf Redefreiheit. Aber die Lügen in den sozialen Medien existieren nur dank Maschinen, die dafür programmiert wurden, dank Menschen, die extra dafür bezahlt werden. Keiner von denen hat dasselbe Recht auf Redefreiheit wie wir alle hier im Raum."

    KI ist eher fleißig als intelligent

    Zum Hass aufwiegeln und Verwirrung stiften, das können wir Menschen ganz gut, dafür brauchen wir eigentlich keine künstliche Intelligenz. Die KI ist keine Science-Fiction mehr, die gibt es schon längst, etwa bei der Spracherkennung oder bei der Bildersuche und leider auch beim massenweisen Verbreiten von Fake News.

    Von einer neuen Intelligenz mit einem echten Bewusstsein sind wir jedoch weit entfernt, wie der in Taiwan geborene Informatiker Kai-Fu Lee betont. Erstaunliche Fähigkeiten entwickelt die KI nur in einem klar abgesteckten Feld. Ein Schachcomputer kann nicht einmal Dame spielen, eine Spracherkennungssoftware versteht zwar meistens unsere Befehle, kann aber keinen Witz reißen. Maschinelles Lernen oder im Fachjargon "deep learning", das Universalwerkzeug der Informatiker, probiert einfach solange alle Varianten aus, bis das Ergebnis funktioniert. Warum und weshalb, das spielt keine Rolle. Künstliche Intelligenz ist also weniger intelligent als vielmehr fleißig, sagt Kai-Fu Lee:

    "Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug, das auf der Grundlage von Daten eine Funktion optimiert. Und das nur in einem Gebiet. Wenn Sie in vielen Gebieten unterwegs sind, wenn Sie strategisch operieren oder etwas Neues schaffen – damit kann KI nicht mithalten. Deep learning ist keine magische Software, sondern braucht Tonnen von Daten, um das System zu trainieren. Künstliche Intelligenz hungert nach Daten. Und dank der vielen Daten, mehr Rechnerkraft und besseren Algorithmen ist es zur augenblicklichen Blüte gekommen."

    "China ist die neue OPEC"

    © Lino Mirgeler / dpa

    Kai-Fu Lee

    Kai-Fu Lee hat vor 26 Jahren die erste Spracherkennung für den Mac entwickelt. Doch dann stockte der Fortschritt. In der 60-jährigen Geschichte der KI gab es immer wieder hochfliegende Pläne und lange Phasen des Stillstands. Die momentanen Erfolge beruhen vor allem auf billigem Speicherplatz und den Datenspuren, die wir Nutzer überall hinterlassen. Vorneweg die 1,3 Milliarden Chinesen.

    China ist so reich an Daten und Nutzern. Im Ergebnis besitzt China zehnmal so viele Daten wie die USA oder Europa. Da in der Ära der Künstlichen Intelligenz Daten das neue Öl bedeuten, ist China die neue OPEC. (Kai-Fu Lee)

    Es ist jedoch nicht die reine Bevölkerungszahl, sondern vor allem das nahezu unreglementierte Sammeln von Daten durch den Staat wie auch durch Privatfirmen, das diesen überreichen Datenpool generiert. Lee hält daher den Schutz der Privatsphäre wenn nicht für überzogen, dann doch für eine rein europäisch-kulturelle Eigenart: "Jede Gesellschaft hat ihre ureigene Vorstellung von Privatheit. Natürlich will jeder Bürger seine Privatheit in einem gewissen Grad gewahrt wissen. Ich denke, es sollte einen Regler geben. Jeder wählt dann, ob er sich lieber mehr Privatheit oder doch mehr Bequemlichkeit wünscht. Ich denke nicht, dass es ein unveräußerliches Recht ist. Es geht um ein Aushandeln zwischen Sicherheit und Bequemlichkeit auf der einen, Privatheit auf der anderen Seite. Also eher ein individuelles Ziehen einer Linie, ob ich lieber privat bleiben möchte oder die Vorzüge genießen will."

    Künstliche Intelligenz, die wirklich zum Fürchten ist

    Selten wurde Überwachungskapitalismus so doppelbödig beschrieben. Das Grundrecht auf Privatheit wird mit einem Fragezeichen versehen und so auf eine Privatangelegenheit reduziert. Kameras im öffentlichen Raum - schaffen nur Sicherheit. Kein Wort über die Unterdrückung Andersdenkender oder der Minderheiten in China. Den Unternehmer interessieren nur die wirtschaftlichen Vorteile. In China, das macht Lee deutlich, stehen weder dem Staat noch den Firmen irgendwelche Regularien im Weg - ein klarer Wettbewerbsvorteil in seinen Augen. Vor so einer unbeschränkten KI, so einer Künstlichen Intelligenz mit chinesischer Prägung, kann man sich nur fürchten. Nicht, weil sie uns Menschen übertrifft, sondern weil sie der Überwachung Tür und Tor öffnet.

    Tatsächlich gibt es sehr wohl Informatiker und Ingenieure, die sagen, das Data-Mining, also das Ernten von Daten, muss nicht mit Ausspähung einhergehen. Es gibt andere technische Lösungen, die längst praktiziert werden. Barcelona macht vor, wie es geht. Dort werden die Daten im eigenen Land gespeichert, der Nutzer behält die Rechte an seinen Daten.

    Privatsphäre als Grundrecht

    Francesca Bria arbeitet in der Kommunalverwaltung. Sie fordert eine lokale Infrastruktur, die den Bürgerinnen und Bürgern nützt und nicht den Großkonzernen. Der zentrale Punkt ist dabei laut Bria, die Oberhoheit über kommunale Daten zu erhalten oder zurückzugewinnen: "Die Künstliche Intelligenz beeinflusst auch den öffentlichen Dienst. Dafür brauchen wir den Zugriff auf alle Daten. Die Fragen der Datensouveränität und des Zugriffsrechts entscheiden darüber, wer die Macht hat in der KI-Welt."

    Zusammen mit anderen europäischen Städten und der EU arbeitet Barcelona an einem Zukunftsmodell einer modernen, smarten Metropole, an einer Stadt, die die Belange ihrer Bürger im Auge behält. Diesen Fortschritt erreichen wir nicht, indem wir sämtliche Daten international agierenden Konzernen überlassen. Wobei viele Redner auf der DLD-Konferenz, aus Europa, aber auch aus den USA, den Schutz der Privatsphäre nicht als Makel oder Hemmnis definiert sehen wollten. Europa schützt unser aller Recht auf Datensouveränität. Hier sind ihre Daten sicher, hier wird niemand ausgespäht - ohne dass es dafür klare gesetzliche Regularien und Vorschriften gibt. Hier werden Grundrechte geschützt. Ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt! Und das für Firmen wichtig ist, da sie ihr Know-How geschützt wissen wollen.

    Überwachungskapitalismus vs. Open Source

    Wobei: Es hat immer zwei Arten von freien Daten gegeben. Die einen greifen Firmen und Diktaturen von uns ab, die anderen bekommen wir geschenkt. Überwachungskapitalismus einerseits, Open Source und Public Access andererseits. Das Internet war und ist nicht nur eine Verkaufsmaschine für Werbung oder ein riesiges Pornokino. Immer haben es auch Menschen genutzt, um ihr Wissen allen kostenlos weiterzugeben. Ein Spielplatz, der ungeahnte Möglichkeiten zum Austausch und zum Verbreiten bietet. Das Metropolitan Museum of Art in New York hat sämtliche Kunstwerke, die älter sind als 120 Jahre, in höchster Auflösung ins Netz gestellt. Wikipedia, jeder Schulbuchverlag, aber auch jede Privatperson kann sich die Werke herunterladen und damit tun und lassen, was sie will.

    Loic Tallon vom Met hat dieses Projekt im vergangenen Jahr initiiert. Wobei es ihm nicht darum geht, das Museum als Begegnungsstätte abzuschaffen. Die physische Erfahrung von Kunst sei sehr wichtig. Nur könnten nicht alle sieben Milliarden Menschen auf der Welt dieses Museum besuchen, so Tallon: "Es geht nicht darum, dass eine Erfahrung die andere überflüssig macht. Wir bringen Teile des Museums zu Menschen, die nicht ins Museum kommen können. Außerdem stellen wir uns selbst in Frage: Was macht das Museum? Was ist das Museum eigentlich? Ist es wirklich nur ein materielles Gebäude?"

    Walter Benjamin und die Kunst des Umdenkens

    Kunst aus Galerien und Museen auf den Bildschirm bringen will auch der kanadische Künstler Jon Rafman. Seine Videoinstallationen behandeln eine Welt, für die das Surfen im Internet eine elementare und zentrale Erfahrung darstellt: "Ich suchte nach etwas wie der Nouvelle Vague, nach einer Gemeinschaft von Künstlern, die auf ihre Zeit antworteten. Eines Tages surfte ich im Internet und entdeckte diese Künstler, die so wie ich mit Fundstücken arbeiten, was so um 2005 mit dem Internet 2.0 begann. Es gab eine Kultur des Surfens im Internet und plötzlich war ich Teil einer Gruppe, die das Surfen sehr ernst betrieben."

    Rafman ist ein begeisterter Leser von Walter Benjamin. Wie der deutsche Philosoph sieht er Technik, Kultur und Gesellschaft in engen Wechselbeziehungen miteinander verbunden: "Technologie verfügt nicht über eine externe Kraft, die die Veränderung hervorbringt. Das heißt, wir werden nicht von außen durch Technologie gesteuert. Ich bin fest davon überzeugt, erfolgreiche Technologien wie die Fotografie, der Film oder das Internet reflektieren gesellschaftliche Transformationen. In vormoderner Zeit konnte ein Schwert magische Eigenschaften haben, im Zeitalter der Fotografie hat alles nur noch eine Oberfläche. Heute leben wir in einer Zeit der Überbelastung durch Information und der Fragmentierung. Das Ergebnis: Immer mehr Dada, immer weniger Bedeutung. Wir müssen dieses Überfordern bekämpfen."

    Bits und Bytes und Glücksmomente

    Kunst ist da sicher ein besseres Mittel zur Wiederherstellung von Sinn als die sich aus dem Überfluss nährende Künstliche Intelligenz. Allerdings: Probleme einer webbasierten Existenz sieht Rafman sehr wohl: "Wenn du Dich online verliebst, wenn deine sozialen Kontakte online erfolgen, wenn du viel Zeit vor dem Bildschirm verbringst, wenn du so viel für den Bildschirm investierst, dann spielen sich die meisten wirklich bedeutsamen Ereignisse im virtuellen Raum ab."

    Rafman aber ist kein Prediger einer reinen Verlusterfahrung. Einerseits sei das natürlich ein Verkümmern, andererseits gehe es gerade in seiner Kunst auch um die vielfältigen Glückserfahrungen, die das Surfen oder auch das Spielen im Netz für ihn bedeutet haben. Nutzergenerierte Welten, in denen Menschen ihrer Phantasie freien Lauf lassen, faszinieren ihn bis heute. Rafmans Videos quellen über von popkulturellen Verweisen. Aber er will auch etwas zurückgeben. Und nicht nur einem zahlenden Kunstpublikum. Sämtliche seiner Arbeiten sind unter jonrafman.com frei zugänglich. Kunst für alle, Wissen für alle. Eine wunderbare Vision.

    Ganz klar, die Monetisierung, das Zu-Geld-Machen, hat mächtige Fürsprecher. Sie verheißen uns Bequemlichkeit und Sicherheit. Aber manchmal braucht es einen Künstler wie Jon Rafman, um daran zu erinnern, dass das Internet auch für andere Dinge und Momente steht. Für schale, aber auch beglückende.

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