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Disziplinarverfahren gegen Cornelia Koppetsch wird eingeleitet | BR24

© Audio BR/ Bild: dpa/picture-alliance

Für "Die Gesellschaft des Zorns" wurde Cornelia Koppetsch zunächst gefeiert. Jetzt wird gegen sie ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

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Disziplinarverfahren gegen Cornelia Koppetsch wird eingeleitet

Ihr Buch "Die Gesellschaft des Zorns" wurde erst gefeiert, dann gab es Plagiatsvorwürfe. Jetzt bestätigt eine Untersuchungskommission der TU Darmstadt die Vorwürfe gegen die dort lehrende Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch.

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Wie die Pressestelle der TU Darmstadt Dienstagmittag bekannt gab, wird die Universität ein Disziplinarverfahren gegen die seit 2009 an der TU Darmstadt lehrende Professorin für Soziologie einleiten. Sie zieht damit Konsequenzen aus dem jetzt veröffentlichten Abschlussbericht der Untersuchungskommission der TU. Diese hat die 2019 gegen Cornelia Koppetsch erhobenen Plagiatsvorwürfe geprüft und für sehr gravierend erachtet.

Der Skandal beim Bayerischen Buchpreis

Im Zusammenhang des Bayerischen Buchpreises, für den Koppetschs vieldiskutierte Monografie "Die Gesellschaft des Zorns" nominiert war, wurden erstmals schwerwiegende Vorwürfe laut. Nicht nur die "korrekte Zitierweise" (Jury-Vorsitzende Sandra Kegel) des populären Sachbuchs wurde bezweifelt, sondern die Eigenständigkeit dieser wissenschaftlichen Publikation insgesamt. Koppetsch führe in "Die Gesellschaft des Zorns" Begriffe ein, die von anderen Wissenschaftler*innen stammen und übernehme "zeilenlang ganze Satzperioden ohne Angabe der Quelle", wie Jury-Mitglied Knut Cordsen 2019 zeigte.

Nach dem öffentlichen Eklat beim Bayerischen Buchpreis nahm der Bielefelder transcript Verlag Kopptschs "Die Gesellschaft des Zorns" aus dem Handel. Ende November beschloss auch der Campus Verlag das dort 2013 erschienene Buch von Cornelia Koppetsch "Die Wiederkehr der Konformität – Streifzüge durch die gefährdete Mitte" aus seinem Sortiment zu nehmen.

Vorgehen der Untersuchungskommission

Die von der TU Darmstadt beauftragte Kommission beschränkte sich auf die Publikationen, die Cornelia Koppetsch in ihrer Zeit als Professorin der Universität veröffentlicht hat. Im Zentrum standen die Sachbücher "Die Gesellschaft des Zorns" und "Die Wiederkehr der Konformität" und vier Aufsätze aus der Zeit von 2009 bis 2019. Alles keine Schriften, die zu Zwecken ihrer wissenschaftlichen Qualifikation eingereicht wurden – also etwa als Doktorarbeit oder Habilitation – aber alles Schriften, die sie in ihrer Rolle als Soziologie-Professorin der TU München gezeichnet hat und die klaren wissenschaftlichen Standards genügen müssen.

111 Plagiate

Insgesamt 117 problematische Stellen hat die Kommission geprüft und davon 111 als Plagiate eingestuft. "Zahlreiche der problematischen Stellen sind als Plagiate, etliche als markante Textübernahmen zu bewerten. Hinzu kommen Verschleierungsbefunde und Stellen, die dem Muster des 'Bauernopfer'-Belegs entsprechen. Wiederholt werden bei Stellenübernahmen Literaturhinweise, die in der genutzten Quelle enthalten sind, weggelassen oder plagiierte Referate nicht gekennzeichnet, was die 'eigentlich' zu nennende Quelle unsichtbar macht. In drei Fällen werden plagiierte – historisch-deskriptive – Aussagen umdatiert und dadurch sachlich verfälscht", so heißt es in der Pressemitteilung der TU Darmstadt.

Alle Überschreitungen von strittigen Standards, wie etwa das leicht irreführende "Selbstplagiat", die Übernahme ganzer Passagen aus eigenen anderen Publikationen, oder das Fehlen von genauen Quellenangaben bei indirekten Zitaten Fremder, ließ die Kommission außen vor und kommt trotzdem zu dem erschreckenden Ergebnis der 111 Plagiate.

Das Resumé

"Die dokumentierten, ungekennzeichneten oder missverständlich nachgewiesenen Übernahmen und Verwertungen fremder Textpassagen stellen in Qualität und Umfang einen gravierenden Verstoß gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis dar." Die Kommission hält es für sehr unwahrscheinlich, dass diese häufigen Verstöße versehentlich oder aus mangelnder Sorgfalt passiert seien. Sie stellt vielmehr fest, dass die Befunde "eine gewisse Routine bei der Form der Texterstellung" dokumentierten, "die den Eindruck der Originalität der eigenen Schrift zu Lasten anderer (und auch des Forschungsstandes) steigert." Wegen dieses so vorsichtig wie klar geäußerten Täuschungsverdachts wird jetzt von der Universität ein Disziplinarverfahren gegen die Soziologin Cornelia Koppetsch eingeleitet.

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