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Diskussion um Besuchsverbote in Altenheimen wird lauter | BR24

© Audio: BR; Bild: pa/dpa

Besuchsverbote führen nach Erfahrung von Krankenhausseelsorgerin Josefa Britzelmeier-Nann dazu, dass sich ältere Menschen in eine Einsamkeit zurückziehen, aus der sie nur schwer wieder herauskämen.

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Diskussion um Besuchsverbote in Altenheimen wird lauter

Noch hat der Teil-Lockdown nicht zu politisch verhängten Besuchsverboten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen geführt. Doch nach den Erfahrungen in diesem Jahr ist die Sorge groß, dass kranken und älteren Menschen wieder die Isolation droht.

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Von
  • Simon Berninger

Wenn Edeltraud Huber an das Frühjahr zurückdenkt, werden traurige Erinnerungen wach. Denn schon im ersten Lockdown musste die 84-jährige Rentnerin aus München ihre sozialen Kontakte erheblich einschränken. "Ich bin nicht mehr zur Kirche gegangen und auch nicht mehr in den Chor, weil ich Angst hatte, dass ich angesteckt werde."

Ihren Geburtstag im März musste sie alleine feiern. "Noch nicht einmal meine Tochter durfte zu mir. Ich war fünf, sechs Wochen nur in meiner Wohnung und habe gedacht, ich werde verrückt." Ihren Alltag meistert die Seniorin noch weitgehend eigenständig. Mit 84 Jahren macht sie sich aber doch Gedanken, wie es für sie wäre, ausgerechnet in Corona-Zeiten ins Krankenhaus oder gar in ein Pflegeheim zu müssen.

Wochen der Einsamkeit

"Es würde mir weh tun, wenn ich in ein Heim oder ein Krankenhaus müsste und hätte dann keinen Besuch", sagt Edeltraud Huber. "Es gibt Leute, die werden da depressiv." Davon kann Josefa Britzelmeier-Nann aus erster Hand berichten. Die Krankenhausseelsorgerin arbeitet im Augsburger Uni-Klinikum, wo in diesem Jahr bereits für lange Zeit Besuchsverbot herrschte.

Mit Blick auf die Patienten, die Josefa Britzelmeier-Nann damals seelsorglich begleitet hat, hält sie die Reduzierung der Besucherzahlen zwar für sinnvoll, aber, "dass Angehörige kommen können, halte ich für unabdingbar." Besuchsverbote würden nach ihrer Erfahrung dazu führen, dass sich ältere Menschen in eine Einsamkeit zurückziehen, aus der sie nur schwer wieder herauskämen. "Wir zahlen einen hohen Preis für diese Maßnahmen."

Den zahlt das Augsburger Klinikum jetzt bereits ein zweites Mal: Seit dem 23. Oktober 2020 sind Besuche nur noch in begründeten Ausnahmefällen erlaubt. Dabei betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel wenige Tage nach Ankündigung des Teil-Lockdowns, "dass wir weiter erreichen möchten, dass Menschen in Senioren- und Altersheimen auch Besuch empfangen können."

Besuch nur in Ausnahmefällen

Fraglich ist, ob die Länder das bei den steigenden Corona-Zahlen auch verantworten wollen. Aktuell liegt es im Ermessen der Einrichtungen, ob sie Besuche zulassen.

Und das soll auch so sein, meint die Nürnberger Pfarrerin Sonja Dietel. "Unser Hauptanliegen ist, dass die Heimleitungen von der Politik Rückendeckung bekommen, wenn die Heime ihre Tore ein Stück weit offen lassen wollen, weil sich sonst ganz schnell die Frage nach der Schuld stellt, wenn dann doch das Virus ins Heim kommen sollte." Dietel hat einen offenen Brief an Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml formuliert, um gemeinsam mit anderen Seelsorgern erneute Besuchsverbote abzuwenden.

"Mir ist es ein großes Anliegen, Corona ernst zunehmen. Aber ich denke, es wäre nicht sinnvoll, die Türen wieder ganz dicht zu machen." Sonja Dietel, evangelische Pfarrerin

In ihrem Brief schließen sich die Seelsorgerinnen und Seelsorger der Forderung des ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, an. Der evangelische Theologe fordert das Recht auf Besuche durch wenigstens eine zugewiesene Person. "Was nützt es jemandem, der vier Jahre an Leben gewinnt, aber diese in Isolation verbringen muss? Anstatt, dass er vielleicht nur zwei Jahre leben und weiter Menschen treffen und berühren kann, die ihm lebenswichtig sind?" Dabrock plädiert dafür, nicht alles dem Infektionsschutz unterzuordnen.

Mehr zum Thema hören Sie im Podcast von Theo.Logik. Die Sendung "über Gott und die Welt" hören Sie jeden Montag ab 21 Uhr auf Bayern 2.