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Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Michael Reichel

Die Anfragen, etwa wegen rassistischer Anfeindungen nehmen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes seit Jahren zu. In Bayern gibt es lokale Angebote für Betroffene.

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Diskriminierung: Wo Betroffene Hilfe finden

Anfeindungen aus Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – zwischen 2015 und 2019 haben sich die Anfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hierzu mehr als verdoppelt. In Bayern gibt es lokale Anlaufstellen für Betroffene von Diskriminierung.

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Von
  • Sabine Barth

In der Straßenbahn oder der U-Bahn sitzen, tägliche Besorgungen machen, all das ist schwierig für Kristina G., denn sie kann aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen. "Ich werde immer wieder von Menschen beschimpft, die gar nicht danach fragen, warum ich keine Maske trage. Manchmal steige ich dann aus öffentlichen Verkehrsmitteln aus und laufe."

Ein verletzter Gesichtsnerv führt bei Kristina G. dazu, dass jede Berührung im Gesicht starke Schmerzen auslösen kann. Außerdem leidet sie unter eingeschränkter Lungenfunktion und hat physische und seelische Gewalt erlebt. "Das Atmen ist sowieso sehr schwierig, und es macht mir Angst, wenn etwas meinen Mund bedeckt", sagt die Nürnbergerin.

Diskriminiert wegen Gesichtskrankheit

Kristina G. ist vom Tragen einer Maske gesetzlich befreit. Sie ist eine von über 50 Personen, die sich seit Beginn der Coronazeit an Christine Burmann gewandt haben, die Beauftragte für Diskriminierungsfragen im Menschenrechtsbüro Nürnberg. Denn obwohl Ausnahmen von der Maskenpflicht im Infektionsschutzgesetz klar geregelt sind, gibt es Diskriminierung. Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen müssen, wird oft der Zutritt zu Post, Bank oder Lebensmittelgeschäften verwehrt, sogar notwendige Arztbesuche werden verweigert.

Grund dafür ist häufig die Unkenntnis über die gesetzliche Lage. Seit dem zweiten Lockdown werden Menschen, die keine Maske tragen können, immer wieder offen als Corona-Leugner angefeindet. Und das in einer Situation, in der sie, wie alle anderen auch, versuchen müssen, mit den aktuellen Belastungen klar zu kommen.

Antidiskriminierungsstellen versuchen in erster Linie zu vermitteln. Christine Burmann nimmt regelmäßig Kontakt zu Ordnungsamt und Gesundheitsamt in Nürnberg auf, wendet sich an die Presse und versucht im Einzelfall durch persönliche Absprachen, Lösungen und Unterstützung für Betroffene zu finden. Seit 2006 hat Deutschland ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz. Bei nachweisbarer Diskriminierung können Betroffenen rechtliche Schritte einleiten.

"Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen." Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz § 1

Doch selbst Gesetzestexte wie dieser sind nicht komplett frei von Diskriminierung, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes anmerkt. Sie fordert, dass das Wort "Rasse" nicht mehr verwendet werden soll, da laut der UN-Anti-Rassismuskonvention "jede Lehre von einer auf Rassenunterschiede gegründeten Überlegenheit wissenschaftlich falsch, moralisch verwerflich sowie sozial ungerecht und gefährlich" sei.

Wenn andere bestimmen, wer man ist

Die Vergabe von Lizenzen für Geschäfte, Sportclubs und in der Gastronomie macht die Stadt Nürnberg von Allgemeiner Gleichbehandlung abhängig. Trotzdem sind viele Vorkommnisse vor allem erst einmal ärgerlich und eine persönliche Kränkung. "Mich empört grundsätzlich, dass es diese Diskriminierung immer noch so gibt", sagt Christine Burmann, Beauftrage für Diskriminierungsfragen der Stadt Nürnberg.

Damit meint sie, dass Personen durch Merkmale beschrieben werden, die ihnen von außen zugeschrieben werden. "Man selbst definiert sich häufig über einen Beruf, oder über ein Hobby in dem man gut ist oder über eine Leidenschaft, die man hat, und das ist für die Person das Wichtige." Doch wer von Anfang an als Ausländer, Mensch mit Behinderung oder homosexueller Neigung abgestempelt wird, habe es schwer, sich selbst zu definieren.

Alltagsdiskriminierung

Usama Shehadehs Vater ist christlicher Palästinenser aus Galiläa, seine Mutter aus Mittelfranken. Die beiden haben sich im Urlaub in Italien kennen und lieben gelernt. Usama ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Er arbeitet als Sozialpädagoge und Diskriminierung ist ein wichtiges Thema für ihn. Sie zeige sich oft in ganz alltäglichen Situationen, etwa bei der Frage: Woher kommst Du eigentlich wirklich?

"Oder das vermeintlich nett gemeinte Kompliment: Mensch, du sprichst aber gut Deutsch - da merke ich, dass ich in in den Gedanken der fragenden Person ein Stück weit nicht zu dieser Gruppe der 'Deutschen' dazu gehöre", sagt Usama Shehadeh, der sich an derartige Fragen und "Komplimente" bereits gewöhnt hat. Wesentlich schlimmer findet er den Umgang mit rechtem Terrorismus, wie durch den NSU. "Der NSU-Prozess und die in meinen Augen lächerlichen Strafen machen mich wütend, traurig und es macht Angst."

Neben seiner Arbeit als Sozialpädagoge engagiert sich Usama Shehadeh mit Vorträgen und Workshops vor allem für Jugendliche, für ein besseres Miteinander. Er gehört zum Verein Ufuq, der über den Islam und Islamfeindliche Tendenzen aufklärt.

Kein richtiger Deutscher, kein richtiger Ausländer?

Kommunikation, Aufklärung, Bildung gegen Diskriminierung. In Nürnberg gibt es dafür immer wieder neue Projekte. Gemeinsam mit Rapper Charles Junior ist ein Video entstanden, dass seine ganz persönlichen Gedanken zum Thema Diskriminierung verarbeitet. Auch Charles Saad alias Rapper Charles Junior kennt Diskriminierung.

Seine Mutter ist Deutsche, der Vater Kriegsflüchtling aus dem Libanon. Charles Saad ist heute erfolgreicher Medienunternehmer. Dass er unbedingt etwas aus sich machen wollte und sich in der Schule anstrengte, kam in seinem Umfeld nicht immer gut an. "Da kamen Sprüche, wie 'du bist ja gar kein richtiger Ausländer' oder 'das ist ja super-deutsch' und das 'deutsch' wurde eher verunglimpfend verwendet gegen mich", erinnert sich Charles Saad.

Charles Junior ist sich sicher, Diskriminierung passiert schnell und jeder hat sie schon einmal erlebt, sowohl als Opfer als auch als Täter. "Für mich wäre es besonders wichtig, dass gewisse soziale Werte in die Gesellschaft integriert werden, nicht diskriminierend zu sein, zu helfen, herzlich zu sein." Lokale Anlaufstellen für Menschen mit Diskriminierungserfahrung gibt es bereits in Würzburg, Erlangen, Nürnberg, Regensburg und München.

Mehr zum Thema sehen Sie in STATIONEN am 27. Januar 2021 im BR Fernsehen oder in der BR Mediathek.