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Diskriminierung von Muslimen: Münchner Muslimrat schlägt Alarm | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Frank Mächler

Hass und Diskriminierung gegenüber Muslimen nehmen zu und in den seltensten Fällen werden die Vorfälle angezeigt. Das geht aus einem Report des Münchner Muslimrats vor. Unter den Opfern sind häufig Frauen.

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Diskriminierung von Muslimen: Münchner Muslimrat schlägt Alarm

Hass und Diskriminierung gegenüber Muslimen nehmen zu und in den seltensten Fällen werden die Vorfälle angezeigt. Das geht aus einem Report des Münchner Muslimrats vor. Unter den Opfern sind häufig Frauen.

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Von
  • Johannes Reichart

Ein Brief, adressiert an die türkisch-islamische Gemeinde im mittelfränkischen Röthenbach, der Inhalt: eine echte Pistolenpatrone und ein Zettel mit lediglich fünf Wörtern: IHR WERDET NIEMALS SICHER SEIN.

Islamfeindliche Drohungen wie diese aus dem März 2020 machen vielen Muslimen Sorgen. Der Muslimrat München dokumentiert Vorfälle, die sich gegen Gläubige wenden und kommt zu dem Schluss: Das Klima gegen Muslime hat sich verschlechtert, so die stellvertretende Vorsitzende Seyma Yüksel. Auf offener Straße würden Menschen beschimpft oder geschubst, in Bewerbungsgesprächen abgewiesen oder bei der Wohnungssuche benachteiligt.

Häufig Frauen unter den Opfern

Pöbeleien, Hetze und Diskriminierung – auch unterhalb der Grenze zur Straftat: Betroffene melden die Vorfälle online und anonym bei den Ehrenamtlichen des Muslimrats. 2019 ist laut ihrer Statistik zu 180 islamfeindlichen Vorfällen gekommen, rund ein Drittel davon im Internet, ein weiteres Drittel in der Öffentlichkeit, außerdem am Arbeitsplatz oder beim Sport.

Auffällig häufig werden Frauen diskriminiert, weil sie durch das Kopftuch dem Islam zugeordnet werden können. Nur selten wenden sich die Betroffenen an die Polizei, sagt Sarelle Mckensie vom Muslimrat: "Da spielt auch eine gewisse Scham mit." Und auch die Angst vor den Folgen einer Anzeige und ob man überhaupt ernst genommen wird. "Wenn es dann dazu kommt", meint Sarelle Mckensie, "dann ist es oftmals so, dass die Behörden das so ein bisschen trivialisieren und sagen, das ist jetzt nichts, das man groß verfolgen muss und es dann auch fallen gelassen wird."

Hohe Dunkelziffer vermutet

Wie groß das Problem tatsächlich ist, lässt sich schwer einschätzen. Nach offiziellen Zahlen der Antidiskriminierungsstelle in Berlin hatten sich im vergangenen Jahr rund 153 Personen an die Behörde gewendet. Die Dunkelziffer, vermuten auch Experten, liegt deutlich höher. Ja, es gibt in Deutschland feindliche Tendenzen gegenüber dem Islam, aber man müsse genau differenzieren, sagt die Ethnologin Susanne Schröter von der Goethe-Universität in Frankfurt.

"Es gibt Menschen, die haben etwas gegen Muslime, weil sie Fremde sind für sie, da steckt dahinter Fremdenfeindlichkeit. Dann gibt es Menschen, die sind der Meinung, der Islam an sich stelle ein Problem dar, der Islam sei grundsätzlich eine Religion, die keine Abgrenzung zur Gewalt hat. Und dann wiederum gibt es eine dritte Gruppe, die ist grundsätzlich religionsfeindlich." Susanne Schröter, Goethe-Universität in Frankfurt.

Angst vor Terror und Überfremdung

Die Gründe für Islamfeindlichkeit sind nicht nur auf einen Faktor zurückzuführen, sagt Rechtswissenschaftler und Islam-Experte Mathias Rohe von der Universität Erlangen-Nürnberg: Neben der Angst vor Terror und Überfremdung spielt der türkische Nationalismus eine Rolle. Dabei dürfe man allerdings nicht vergessen:

"Wir haben heute einen muslimischen Mainstream von Leuten, die friedlich miteinander zusammenleben wollen und erst recht in unserer Gesellschaft, und das wird dann eben von vielen beiseite gewischt und stattdessen erzählen sie irgendwelche Sachen wie der Islam im achten Jahrhundert war und behaupten, das sei jetzt immer so." Mathias Rohe, Universität Erlangen-Nürnberg

Beauftragter für Islamfeindlichkeit?

Die jungen Ehrenamtlichen vom Münchner Muslimrat fordern in ihrem ersten Rassismus-Bericht von der bayerischen Staatsregierung einen eigenen Beauftragten für Islamfeindlichkeit, angelehnt an den bereits vorhandenen Beauftragten für Antisemitismus. Experten sehen die Forderung mit gemischten Gefühlen: Anstelle für jede gesellschaftlich diskriminierte Minderheit einen eigenen Beauftragten zu ernennen, wäre ein allgemeiner Beauftragter gegen Rassismus eine denkbare Lösung.

Aus dem Sozialministerium heißt es: Die gesetzlich vorgeschriebene Zahl an Beauftragten sei in Bayern ausgeschöpft. Was also tun gegen die negative Stimmung gegen Muslime? Dialog, darin sind sich die Experten einig, ist der beste Weg, um Vorurteilen und Diskriminierung vorzubeugen.

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Hass und Diskriminierung gegenüber Muslimen nehmen zu und in den seltensten Fällen werden die Vorfälle angezeigt. Das geht aus einem Report des Münchner Muslimrats vor. Unter den Opfern sind häufig Frauen.

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