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Der Debüt-Roman des Groß-Drogisten Dirk Rossmann: "Der neunte Arm des Oktopus"

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Mehr Pamphlet als Thriller: Dirk Rossmanns Romanerstling

"Menschen aufrütteln" – das will Unternehmer Dirk Rossmann mit seinem Romandebüt "Der neunte Arm des Oktopus". Und voilà: Schon jetzt ist sein Öko-Thriller ein Bestseller. Gleichwohl aber auch: eine krude Horrorvision voller antiliberaler Fantasien.

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Von
  • Knut Cordsen

Das Ende, um damit anzufangen, macht einen fassungslos. Da tritt Dirk Rossmann selbst auf, in seinem eigenen Roman, und stellt sich uns als "Vielleser" vor. Aber halt, das ist ja Fiktion! Genauso wie die Szene im sogenannten "Abspann", in welcher Dirk Rossmann in einem nicht näher benannten Jahr an der Seite seines Skat-Bruders und Freundes Gerhard Schröder bei jener feierlichen Zeremonie zugegegen ist, in deren Rahmen Wladimir Putin zusammen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping und der amerikanischen Präsidentin Kamala Harris der Friedensnobelpreis verliehen wird. Denn dieses "Triumvirat" – China, Russland und die Vereinigten Staaten – wird in naher Zukunft die Welt führen und vor dem Klimakollaps bewahren. Und zwar mit Einsatz militärischer Gewalt.

Staats-Gewalt gegen Öko-Terror

So hat sich das zumindest der "Konzerninhaber" Dirk Rossmann in "Der neunte Arm des Oktopus" ausgedacht. Nicht bedacht freilich haben er und sein Team aus gut einem Dutzend Rechercheure dabei, dass der Friedensnobelpreis nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen wird. Aber das ist fast schon egal angesichts der Absurdität, einen Friedensnobelpreis an eine "Super-Allianz" zu verleihen, die das mit dem "ökologischen Feldzug" gegen Klimasünder wörtlich nimmt und deshalb vor der Küste Brasiliens ihre Flugzeugträger, U-Boote und Zerstörer in Stellung bringt, weil die sogenannte "Regenwaldfrage" nicht mehr anders gelöst und die Vernichtung des einzigartigen Biotops durch brasilianische "Klima-Terroristen" eben nur durch den Einsatz von Waffen verhindert werden kann.

Womit wir schon bei der zentralen und nur allzu rhetorischen Frage dieses vorgeblichen "Klima-Thrillers" wären, die der Erzähler auf Seite 248 in dankenswerter Offenheit so formuliert: "Und musste nicht die Klimakatastrophe mit allen Mitteln aufgehalten werden, selbst wenn die Mittel brutal und diktatorisch waren?" Ja, so steht's da, und so kreist dieses jedweder Plausibilität entbehrende Machwerk, in dem die USA als "entnervte Demokratie" firmieren, um den Gedanken, ob das mit der "Öko-Diktatur" nicht doch unter Umständen bei all der Uneinsichtigkeit der Wirtschaft und der Bürger und deren klimaschädlichem Verhalten eine zumindest erwägenswerte Option darstellt. Beziehungsweise: Ob nicht eine "Weltregierung" mit weitgehenden Befugnissen wenn schon keinen gerechten, dann vielleicht einen klimagerechten Krieg führen darf – denjenigen, der uns vor dem Untergang bewahrt?

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Dirk Rossmann bei ARD-Alpha

Politische Vision? Eher eine Horrorvision!

Dass Aktivismus und Literatur sich nicht gut vertragen, hätte mal jemand dem Unternehmer und Klimaschutzaktivisten Dirk Rossmann stecken können. Beispielsweise Christian Wulff, der ehemalige Bundespräsident und Großburgwedeler Buddy Rossmanns, der in diesem Roman übrigens auch auftritt, umschrieben mit den Attributen "groß, blond, freundlich" – so freundlich, dass ihn sogar Kamala Harris "sympathisch" findet. Glauben Sie nicht? Lesen Sie's nach, steht gleich auf Seite 32.

"Eine politische Vision in Form eines Pamphlets, in Form eines Thrillers, ein Ausweg aus der Misere, gekleidet in eine spannende Geschichte" – so will der Drogeriemarkt-Besitzer Dirk Rossmann, übrigens nicht verwandt mit Franz Kafkas Amerika-Auswanderer Karl Roßmann, sein Buch verstanden wissen. Tatsächlich zeigt es uns, wes Geistes Kind der 74-Jährige ist: Journalismus, so wie Herr Rossmann ihn versteht, lässt schon mal alle Neutralität fahren, wenn's denn der guten Sache, also dem Erreichen des "Klimaziels" respektive der Klimaneutralität dient. So erträumt sich das der Autor zumindest vom fiktiven Chefredakteur der New York Times, der in Rossmans kruder Fantasie leitartikelnd "eindeutig und frühzeitig Partei ergriffen" hat "für die Initiative der drei Supermächte" China, Russland und Vereinigte Staaten und sich damit hinter diesen höchst unwahrscheinlichen Staatenverbund und gegen die eigene Redaktion stellt, die diese Haltung für "unerträglich und antiliberal" hält. Zu Recht. Aber auch die Journalisten, die sich lange dem blinden Befolgen von Doktrinen verweigert haben, schwenken im Finale dieses Romans ein und haben so wie die "Weltöffentlichkeit" brav "ihre Meinung geändert". Eine Horrorvision.

Skandalös in mehrfacher Hinsicht

Gewiss, das ist alles nur erdacht, erträumt, genauso wie die Stelle, an der der Titel gebende Oktopus, die Molluske ihre Saugnäpfe zärtlich auf Wladimir Putins Unterarm legt. "Mag sie mich?", fragt der russische Autokrat. Der seidig-glatte Schleim, den das Weichtier dabei absondert, ist der Schleim, mit dem Dirk Rossmann die politische Wirklichkeit ummäntelt. Auch darin, dass er Wladimir Putin zu einem weisen, gütigen, naturschützenden Staatenlenker verklärt, besteht der Skandal dieses Buches. Ein Exemplar desselben ist bereits auf dem Weg nach Moskau, hört man vom stolzen Verfasser. Gerd Schröder soll es im Kreml überreichen.

"Der neunte Arm des Oktopus" von Dirk Rossmann ist bei Bastei Lübbe erschienen.

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Bildrechte: Bastei Lübbe

"Der neunte Arm des Oktopus" von Dirk Rossmann

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