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So war "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen | BR24

© Julian Baumann / Münchner Kammerspiele

"Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen

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    So war "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen

    Zehn Stunden Theater am Stück: Für sein Antikenprojekt "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen hat Christopher Rüping auch zeitlich antike Dimensionen gewählt – und schafft so eine besondere Atmosphäre zwischen Bühne und Zuschauerraum.

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    Letztlich ist er an allem schuld: denn wer den Menschen, diesen göttlichen Tieren, Feuer bringt und damit Bewusstsein, der muss auch die Konsequenzen tragen: "Seht mich gefesselt, unglücklichen Gott, Prometheus, seht mich: König allen Leidens, und in den Hass gekommen wegen zu großer Liebe für die Menschen," sagt Prometheus in "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen.

    Mit ihm geht es los: mit Prometheus, den ja kein geringerer als Zeus an den Kaukasus schmieden ließ, für sein Rebellentum, und dem dort bekanntlich ein Adler die immer wieder nachwachsende Leber herausfraß und nebenbei auch noch auf den Kopf schiss. Mit ihm, dem unglücklichen Titanen beginnt Regisseur Christopher Rüping sein Antikenprojekt an den Kammerspielen, das sich letztlich um jene Fragen dreht, die mit eben diesem Prometheus in die Welt kamen. Denn: was machen wir Menschen mit jenem Licht, dass uns da einst in den Kopf kam und sind wir wirklich so selbstbestimmt, wie wir seitdem glauben, oder mischen nicht doch die Götter noch immer mit bei dem, was wir Schicksal nennen?

    © Julian Baumann / Münchner Kammerspiele

    "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen

    Zehn Stunden Theater am Stück

    Zu diesen Fragen lädt Rüping seine Zuschauer ein und das nicht in Spielfilmlänge, sondern gleich in satten zehn Stunden, womit er zumindest ansatzweise an jenes Format anknüpft, bei dem unsere antiken Vorfahren ihre Dionysien über mehrere Tage zelebrierten, an denen bei freifließendem Alkohol gleich ganze Dichtungswettbewerbe von statten gingen. In den Kammerspielen ist das Freibier zwar zum Freifingerfood geschrumpft und trotzdem fordert die durch drei Pausen unterbrochene ungewöhnliche Länge der Aufführung zu einer besonderen Art der Gemeinsamkeit heraus. Es ist als stellte sich durch die gedehnte Zeit eine ungewöhnliche Gegenwärtigkeit im Theater ein und eine besondere Atmosphäre zwischen Bühne und Zuschauerraum.

    Vier Teile bietet dieser Abend und während der erste eben – als eine Art Performance – jenen Prometheus als Verantwortlichen für alles Kommende ausmacht, ist dieses Kommende dann im zweiten Teil: der Krieg, was sonst. Und welcher, wenn nicht der Trojanische in seiner ganzen absurden Brutalität böte sich dafür an?

    © Julian Baumann / Münchner Kammerspiele

    "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen

    Heiliger Ernst und heilige Ironie

    Betont Rüping im ersten Teil noch den performativen Gestus, so hat er für den Krieg die Form des Konzerts gewählt. Und so wird man nicht nur mit Grauens- und Schlachtenberichten geflutet, sondern mit durchaus aggressiven Sound- und projizierten Bilderwelten, die eine ästhetische Ahnung davon, was Krieg bedeuten kann, auf eine eher installative Art vermitteln.

    Auf das kollektive Grauen dann folgt das private und das lässt sich etwa in der Orestie finden, wo man ja bekanntlich nicht davor zurückschreckt, aus Rache wahlweise die eigenen Kinder, die Gatten oder auch die eigenen Eltern zu ermorden. Während hier Schicksal noch einmal zur schrecklichen Fügung wird, entbehrt die Familienstory zugleich bei aller Blutrünstigkeit nicht auch einer gewissen Komik und so lässt Rüping seine Orestie im Grenzbereich zwischen Slapstick und Soap-Opera spielen.

    Stehende Ovationen

    Christopher Rüping will viel und erreicht auch viel mit seinem "Dionysos Stadt". Da ist viel heiliger Ernst, da ist aber auch viel heitere Ironie, mit der das achtköpfige wunderbare Ensemble sowohl durch die Antike als auch gleich durch ein ganzes Spektrum von Theaterformen surft. Das setzt schließlich anstelle des abschließenden Satyrspiels ein kleines auflockerndes Fußballspiel, das noch einmal an einen gefallenen Gott erinnert: diesmal an jenen Fußballgott Zinedine Zidan und seinen berühmten Kopfstoß gegen Marco Materazzi im Weltmeisterschaftsendspiel 2006. Zwar sei einmal dahingestellt, ob Zidan wirklich das Zeug zu den Leiden eines Prometheus hätte, trotzdem bedankte sich das Münchner Publikum für diesen Antikenmarathon mit einem wahren Begeisterungssturm und stehenden Ovationen.

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