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Ein Verkehrsschild "Pilgern verboten"

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    Digitales Pilgern in der Pandemie - kann das funktionieren?

    Ob nach Rom oder Santiago: Die Pandemie hat Pilgern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mittlerweile entstehen jedoch Angebote, die dazu einladen, virtuell auf Pilgerreise zu gehen. Aber ist das sinnvoll? Und wie funktioniert digitales Pilgern?

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    Von
    • Barbara Schneider
    • Martin Jarde

    Eine digitale Wallfahrt? Als Jonas Mieves von dem Angebot hörte, war er sofort neugierig. Und so setzte sich der 30-Jährige vor seinen Computer und pilgerte "virtuell" zur Heilquelle von Lourdes. Mieves ist ein erfahrener Pilger. Mehrfach schon ist er in die Wallfahrtsstadt Kevelaer mitgelaufen.

    Wie eine virtuelle Wallfahrt abläuft, konnte er sich zunächst allerdings nicht vorstellen. Er habe überlegt, ob es vielleicht heißen würde, "so und wir treffen uns in einer halben Stunde wieder. Jetzt gehen Sie mal bitte ein paar Runden um den Block bei sich zu Hause", schmunzelt er.

    Lourdes mit einer virtuellen Wallfahrt ins Wohnzimmer holen

    Die virtuelle Wallfahrt war dann aber doch anders: Fünf Tage lang hat das Bayerische Pilgerbüro Gottesdienste und Rosenkranzgebete im Internet gestreamt sowie Vorträge und Zeugnisse von Pilgern im Internet übertragen. Der Grund: Wegen der Corona-Pandemie war die traditionelle Wallfahrt des Bistums Augsburg im Mai nach Lourdes nicht möglich, sagt Christina Ringer vom Bayerischen Pilgerbüro. "Da haben wir uns überlegt, wir wollen einen kleinen Ersatz schaffen und Lourdes in die Wohnzimmer bringen und vielleicht so ein bisschen Vorfreude fürs nächstes Jahr machen."

    Wie viele Menschen Ende Mai tatsächlich virtuell nach Lourdes mitgepilgert sind, lässt sich schwer sagen. Zum Eröffnungsgottesdienst der Pilgerreise aus Augsburg haben sich rund 3.000 Menschen zugeschaltet, sagt Christina Ringer. Die Zahlen zeigen: Interesse ist da.

    Pilgern vom Sofa mit der Pilger-App

    Und so wundert es wenig, dass es inzwischen noch andere Angebote auf dem digitalen Pilgermarkt gibt. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) etwa will demnächst eine Pilger-App auf den Markt bringen, die das Pilgern vom Sofa aus verspricht.

    Die Idee dazu sei schon vor Corona entstanden, "innerhalb des Alltags 30 Minuten pro Tag zu Pilgern, abzuschalten, die Natur zu betrachten", sagt ACK-Geschäftsführerin Verena Hammes. Dazu gebe es Impulse zu den Themen "Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, die dazu führen können, dass man den eigenen Alltag - wie wir mit unserer Natur umgehen -, überdenkt".

    Austausch per Chat in der digitalen Herberge

    Das Pilgerprogramm der App ist auf sieben Wochen hin konzipiert. Die Pilger laufen jeden Tag, sie können Fotos in der App mit Mitpilgern teilen und sich am Wochenende in einer digitalen Herberge in einem Chat austauschen. Ausprobieren lässt sich die App bislang nicht. Das Konzept "Pilgern zu Hause" sieht die Freiburger Kulturanthropologin Gisela Zimmermann vom Forschungskolleg Neues Reisen positiv.

    "Ich finde dieses Angebot spannend, weil das vor allem für Leute ist, die nicht die Möglichkeiten haben, nach Spanien zu gehen oder auf einem langen Pilgerweg Monate lang unterwegs zu sein." Gisela Zimmermann

    Können digitale Angebote das wirkliche Laufen ersetzen?

    Kann also die virtuelle Wallfahrt oder die Pilger-App den Pilgerweg nach Santiago oder die Wallfahrt nach Lourdes ersetzen? Ganz so einfach ist es nicht, sagt Gisela Zimmermann, die über Digitalisierung und Pilgern forscht. Sie beobachtet: Die Gründe, warum Menschen pilgern, sind ganz unterschiedlich. Das kann Trauer sein, ein Lebensumbruch, der Wunsch nach einer Auszeit.

    Zimmermann beobachtet, dass für viele Menschen beim Pilgern das Gemeinschaftsgefühl wichtig ist. Die Begegnung mit anderen Pilgern, Gespräche abends in der Herberge. Das sei "wahrscheinlich auch ein Problem von diesen Apps, dass man eben dieses ganze Gemeinschaftsgefühl nicht mitbekommt".

    Das Gemeinschaftsgefühl fehlt

    Die Atmosphäre in Lourdes, die Internationalität, das spirituelle Erleben vor Ort, das kann eine virtuelle Wallfahrt nicht bieten, sagt Christina Ringer vom Pilgerbüro. Auch Jonas Mieves hat bei seiner virtuellen Wallfahrt nach Lourdes vor allem das Gemeinschaftsgefühl vermisst, wie er es bei seinen Wallfahrten nach Kevelaer immer wieder erlebt hat.

    Aber nicht nur das: Für Jonas Mieves gehört es dazu, dass beim Pilgern die Füße weh tun. Dabei gehe es nicht darum, durch den Schmerz "ein frommes Werk" getan zu haben. Sondern, so sagt er, es sei "einfach nur das Gefühl, ich war irgendwie unterwegs. Das ist digital natürlich nicht zu vermitteln."

    Virtuelle Wallfahrt abgebrochen - aber Neugier ist geweckt

    Nach vier Tagen hat Mieves, der über sein Experiment auch in der Zeitschrift Christ in der Gegenwart berichtet hat, die virtuelle Wallfahrt abgebrochen. Und doch hat ihn das digitale Pilgern neugierig gemacht: auf eine reale Reise nach Lourdes, auf das Erlebnis vor Ort. Gut möglich also, dass er - sollte Corona es zulassen - sich bald auf den Weg zur Grotte von Lourdes macht.

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