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"Soziale Medien verändern das Gesicht des Rechtsextremismus" | BR24

© dpa-Zentralbild Universität Jena / Audio BR

Was wäre, wenn Hitler Facebook gehabt hätte? Mit diesem Gedankenexperiment beginnen Holger Marcks und Maik Fielitz ihr Buch "Digitaler Faschismus". Sie untersuchen, wie die rechte Szene von sozialen Medien profitiert – und was man dagegen tun sollte.

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"Soziale Medien verändern das Gesicht des Rechtsextremismus"

Was wäre, wenn Hitler Facebook gehabt hätte? Mit diesem Gedankenexperiment beginnen Holger Marcks und Maik Fielitz ihr Buch "Digitaler Faschismus". Sie untersuchen, wie die rechte Szene von sozialen Medien profitiert – und was man dagegen tun sollte.

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Soziale Medien begünstigen Hetze und Fehlinformation und entfesseln rechtsextreme Tendenzen. Aber warum ist das so? Wie verändert sich der Rechtsextremismus durch Social Media? Diese Fragen haben sich die beiden Sozialwissenschaftler Holger Marcks und Maik Fielitz in ihrem neuen Buch "Digitaler Faschismus" stellen, einer Studie, die vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg in Auftrag gegeben wurde. Judith Heitkamp hat mit Holger Marcks gesprochen.

Judith Heitkamp: Sie steigen mit einem provozierenden Gedankenexperiment ein – was wäre gewesen, wenn Hitler Facebook gehabt hätte?

Holger Marcks: Es ist nicht unser Gedankenexperiment, sondern kommt von dem Komiker Sacha Baron Cohen, der in einer tatsächlich sehr ernsthaften Rede vor der Anti Defamation League Kritik an den sozialen Medien geübt hat und darauf hingewiesen hat, dass Facebook zusammen mit anderen Tech-Unternehmen die größten Propagandamaschinen der Geschichte bereitstellt. Das klingt provozierend, ist aber gar nicht so überraschend, wenn wir bedenken, dass diese Unternehmen sich in vielen Fragen des politischen Wettstreits unentschieden verhalten. Mark Zuckerberg spricht davon, nicht der "Schiedsrichter der Wahrheit" sein zu wollen. Daraus ergibt sich automatisch, dass eigentlich alle politischen Akteure inklusive der größten Manipulatoren diese Technik ungefiltert nutzen können.

Und was wäre gewesen, wenn Hitler Facebook gehabt hätte?

Laut Sacha Baron Cohen hätte er dort ungehindert Werbeanzeigen für seine Endlösung schalten können.

Was ist das für rechtsextreme Kräfte qualitativ Neue an einer Situation mit sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Instagram?

Ganz grundsätzlich haben sie ein Instrument an die Hand bekommen, mit dem sie relativ einfach zu den Massen kommunizieren können. Natürlich hat die extreme Rechte schon vorher ihre eigenen Publikationen gehabt und ist auch immer wieder in die Medien vorgedrungen. Aber weitestgehend waren sie ausgeschlossen – ganz einfach, weil diese Propaganda häufig nicht wahrheitsgemäß ist und journalistische und presserechtliche Qualitätsstandards dem einen Riegel vorschieben. Mit den sozialen Medien ist das effektiv ausgehebelt. Hier können die Akteure ganz einfach eine breite Öffentlichkeit erreichen. Und die Tech-Unternehmen sind permanent dabei, dem hinterher zu rennen und zumindest die übelsten Inhalte zu entfernen.

Ändert sich unser Verhältnis zu den Fakten?

Das zieht es natürlich insgesamt nach sich, wenn diese Standards und Normen nicht mehr greifen. Sie sind ja entstanden aus der Erfahrung der Zwischenkriegszeit. Auch damals kamen neue Medien auf, man denke an Film, an Radio, den Volksempfänger, der sehr ungehemmt von den Nationalsozialisten genutzt wurde. Die starken presserechtlichen Standards und journalistischen Normen, die wir heute haben, sind eine Reaktion darauf und werden nicht ohne Grund als Fundament einer vitalen Demokratie begriffen. Sie setzt voraus, dass wir eine Massenkommunikation betreiben, die auf sachliche Verständigung orientiert ist und auch gewisse gemeinsame Wahrheitskriterien hat.

Dafür gibt es ja jetzt Fakten-Checker und Gegen-Recherchierer. Reicht das nicht?

Das ist natürlich extrem wichtig und muss gemacht werden. Man sollte nicht aufgeben, für die Wahrheit zu kämpfen und die Fakten zu prüfen. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen angesichts der großen Masse an Informationen, die ins System gespült wird. Die herkömmlichen Medien selektieren relativ hart. Und selbst wenn solche Inhalte gelöscht werden, standen sie häufig für einen gewissen Zeitraum in der Öffentlichkeit und haben trotzdem eine Masse an Menschen erreicht.

© Privat

Analyse der Wechselwirkungen zwischen rechtsextremen Kräften und digitaler Öffentlichkeit: die Autoren Maik Fielitz (li.) und Holger Marcks (re.)

Zu ihrer Definition von Faschismus gehört wesentlich die Erzählung vom drohenden Untergang der Nation. Und offenbar ist es so, dass man im Netz besser vom Untergang erzählen kann als in anderen Medien. Wie kommt das?

Das hat verschiedene Gründe und liegt natürlich erst einmal in der menschlichen Neigung begründet, dramatische, emotionalisierende, bizarre Inhalte viel stärker wahrzunehmen als andere. Bei der harten Selektion von Informationen, die in den herkömmlichen Medien stattgefunden hat, konnte der Konsument diese Tendenz nicht so stark ausleben. In den sozialen Medien sucht er sich seine Informationen selbst, so dass diese Neigung viel stärker von der Leine gelassen werden kann. Und zugleich werden die entsprechenden Inhalte auch algorithmisch gefördert, weil sie mehr Klicks und damit mehr Geld versprechen.

Stichwort Gaming: Bei Attentaten der letzten Zeit – Halle, Hanau – wurde ja oft auf die Ähnlichkeit der Inszenierung zu Online-Spielen hingewiesen.

Dieser Gaming Aspekt ist viel diskutiert worden in der letzten Zeit. Trotzdem sollte man das nicht pauschal unter Verdacht stellen. Es ist vielmehr so, dass sich in diesem Kontext auch rechtsextreme Online-Subkulturen gebildet haben. Da entwickelt sich eine sehr spezielle Dynamik, die die Propaganda der Rechtsextremen stark verändert hat. Fremdenfeindliche Inhalte werden mit Humor oder popkulturellen Referenzen kombiniert, so dass vielen Leuten das popkulturelle oder humoristische Element zuerst ins Auge fällt, das dann auch noch weiterverbreitet wird. Und was diese Live-Streams betrifft, die wir jetzt bei Attentaten wie in Christchurch oder auch in Halle gesehen haben – da zielen die Täter stark darauf ab, ihre Tat virtuell zu reproduzieren. Dadurch können viele Teil einer Gewaltaktionen werden und sie verstärken. So ein weiterverbreiteter Stream kann auch Ansporn werden für andere in diesen Subkulturen selbst zur Tat zu schreiten.

Wie ist es denn mit der Mobilisierung durch das Netz?

Letztendlich verändert sich das Gesicht des Rechtsextremismus, würden wir sagen. Die klassischen Organisationsformen haben zwar nicht ausgedient, aber sie verlieren an Bedeutung. Weil man sich jetzt viel stärker in Schwärmen sammeln kann, um dort zum Beispiel seine Hasskulturen auszuleben oder an der Gewalt teilzuhaben, was in faschistischen Dynamiken immer eine Gemeinschaft ausbildende Funktion hat. Es ist dann am Ende gar nicht mehr so richtig zuzuordnen, wo die rechtsextremen Zusammenhänge anfangen oder aufhören. Alles wird sehr fluide. In letzter Konsequenz ist die Politik gefragt, hier regulierend einzugreifen. Das scheint etwas zu sein, was man eher von autoritären Regimen kennt, die versuchen, die sozialen Medien zu regulieren – andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass auch die herkömmlichen Medien mal einen Prozess der Regulierung durchlaufen haben. Wie gesagt, die Demokratie hat sich presserechtliche und journalistische Standards zugelegt. Vielleicht müssten die sozialen Medien einen ähnlichen Prozess durchlaufen, so dass die Strukturen, die die Öffentlichkeit herstellen, viel stärker verantwortlich sind für die Inhalte.

© Dudenverlag

"Digitaler Faschismus" von Maik Fielitz und Holger Marcks

"Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus" von Maik Fielitz und Holger Marcks ist im Dudenverlag erschienen.

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