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Das sagt Dietmar Dath zur Uraufführung von "Die nötige Folter" | BR24

© picture alliance/Erwin Elsner

Dietmar Dath

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Das sagt Dietmar Dath zur Uraufführung von "Die nötige Folter"

Bei Dietmar Dath ist man auf vieles gefasst: düstere Science-Fiction, philosophische Essayistik, kritische Gesellschaftsanalyse. Elemente, die auch im neuen Stück nicht fehlen. Ein Gespräch mit dem Autor über Kunst, Gewalt und das Theater.

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Das Setting von Dietmar Daths neuem Stück ist eine gewaltige Versuchsanordnung, in der mit inhumanen Mitteln die Frage nach Humanität und sozialer Verantwortung in Zeiten von Selbstdarstellung, Medienflut und sozialer Entfremdung gestellt wird. Vier Menschen werden gefoltert und befragen sich gegenseitig nach ihrem Anteil daran, dass die Künstlerin Doro durch Algorithmen die Welt in den Wahnsinn stürzte. "Die nötige Folter" ist bereits die dritte Zusammenarbeit von Dietmar Dath mit Regisseur und Intendant André Bücker, der die Uraufführung am Staatstheater Augsburg herausgebracht hat. Stephanie Metzger hat mit Dietmar Dath kurz vor der Premiere über seinen Text gesprochen.

Stephanie Metzger: "Die nötige Folter" ist eine Auftragsarbeit für das Staatstheater Augsburg, und zwar für die Brechtbühne im Gaswerk. Was war der konkrete Ansatz?

Dietmar Dath: André Bücker und ich unterhalten uns seit Jahren über Ideen für Stücke. Er sagte also, bring doch ein paar Ideen, von denen du glaubst, dass sie leider nicht gehen, die du aber gerne mal sehen würdest. Und das haben wir dann gemacht. Er hat mir diesen Spielort gezeigt und mir Bilder gezeigt, hat mir ein bisschen von der Atmosphäre erzählt, die hier herrscht: einerseits diese Abbruch-Landschaft und andererseits vergegenständlichte Erinnerung daran, wie die Leute früher gearbeitet haben, und dass sie das heute nicht mehr tun. Das waren alles Impulse, die dann irgendwie zu diesem Stück führten.

In "Die nötige Folter" entwerfen sie eine Folter- oder Verhörsituation nach einer Katastrophe. Vier Menschen gestehen Verletzungen, die sie durch ihr Verhalten einer Künstlerkollegin zugefügt haben, und werden dafür bestraft. Was ist der Gedanke dahinter: die Gemeinschaft, die Gesellschaft als Verbrecher am Einzelnen?

Ich glaube dieser Gegensatz – Gesellschaft gegen das Individuum – ist ein grundsätzlicher Denkfehler. Denn wenn du zehn Leute auf zehn einsame Inseln setzt, sind sie gar keine Individuen, sondern sie machen sehr ähnliche Dinge. Sie suchen Unterstand, sie suchen Schutz, sie suchen was zu essen, sie fürchten sich vor Raubtieren. Erst wenn du sie zusammenbringst, werden sie Individuen. Weil sich herausstellt: Oh, sie kann besser jagen. Er kann besser das Haus bauen. Das heißt – Marx und Engels sagen das an irgendeiner Stelle – die Individuen erzeugen einander. Das halte ich für wahr.

Das Problem ist nur, wie bei allem was man erzeugen kann, die Individuen zerstören einander auch. Mit Twitter, Shitstorms, Mobbing und allem, was es so gibt. Man wird nicht nur zum Menschen durch andere Menschen, sondern man kann in Gruppen auch Menschen kaputtmachen. Und diese schwierige Dynamik wird im Theater selten getroffen. Es gibt da eher immer so einen Gegensatz: Das Individuum ist etwas ganz anderes als die Gesellschaft. Bei Ibsen, im "Volksfeind" oder so. Dabei besteht dieser Gruppendruck ja auch aus lauter Einzelnen.

Und der letzte Kick für dieses Stück hier war dann Brecht, der irgendwo in "Die Maßnahme" das Problem artikuliert, dass ein Einzelner von Mehreren von einer Sache überzeugt wird, dieser Sache aber schaden würde und dann einwilligt, dass sie ihn vernichten. Die Begründung bei Brecht: Wir können dich nicht hier lassen, und wir können dich nicht mitnehmen. Und das ist natürlich ein ganz furchtbares Problem.

Wenn man das aber umdreht, ist es auch ein furchtbares Problem. Was ist, wenn es genau umgekehrt ist? Du wirst sie nicht los. Du kannst die nicht töten. Du kannst die nicht auslöschen, denn du musst mit ihnen leben, denn wir müssen in Gesellschaften leben. Was macht man dann? Die Antwort ist: Wir müssen darüber reden, was mit uns los ist. Und da sind wir nicht mehr weit weg von der Beichte oder vom Geständnis. Wir müssen uns permanent verändern, wenn es nicht mehr geht, so miteinander zu leben. Und die beiden klassischen Mittel, Verhalten zu verändern oder Geständnisse zu erzwingen, ist bekanntlich die Folter. Der Witz aber ist: Was, wenn das auch nicht funktioniert? Darum geht es im Stück.

© Jan Pieter Fuhr

Labor, Kunstraum, Gefängnis: Die Bühne zur Uraufführung von "Die nötige Folter" in Augsburg

Es wird ja eine Kettenreaktion konstruiert: Die zwischenmenschlichen Verletzungen, auch die des Kunstbetriebs, provozieren Doro zu einem Kunstprojekt, das wie ein Virus wirkt und die Gesellschaft tatsächlich in die Zerstörung treibt. Eine Art Racheaktion also, die soziale Auseinandersetzung aber auch wieder nur verhindert, anstatt sie auszufechten. So habe ich die Argumentation der Figur Hark jedenfalls verstanden. Dessen Motivation für das Folter-Experiment ist dann wiederum, die reale Konfrontation der Beteiligten mit ihrer sozialen Schuld. Wenn wir jetzt als Zuschauer diese Anordnung auf der Theaterbühne sehen, rezipieren wir diese Konfrontation erneut als Kunst. Ist das Ganze also auch ein Spiel um das Verhältnis von Gesellschaft und Kunst und um die Wirkung von Kunst?

Ich glaube, es ist gar nicht so eine akademische Geschichte, oder so eine Kultursphären-Geschichte. Wenn man sich mal anguckt, was Leute leisten sollen um Teil der Gesellschaft zu sein, um arbeiten zu können, um eine Beziehung zu haben und so weiter, dann hat es viel mit Kreativität und Kunst und sich selber darstellen zu tun. Also mit klassisch den Künstlerinnen und Künstlern vorbehaltenen Dingen. Du musst dich permanent in Szene setzen, du musst dir ein Profil ausdenken für dich, ein lustiges Kürzel für deinen Online-Auftritt und so weiter. Es ist eigentlich ständig ein Vorstellungsgespräch, das du machst in deiner Welt. Und die Künstlerinnen und Künstler sind im Grunde die Pioniere dieses Zustands. Was Beuys mal gesagt hat: "Jeder ist ein Künstler".

Es ist wie mit so vielen Sachen. Am Anfang ist das eine Utopie und ein Versprechen, und wenn es dann wahr wird, knallt es ziemlich böse rein. Dieser Traum – "jeder ist ein Künstler" – ist lustig, solange er ein Versprechen ist. Aber wenn es jeder sein muss, dann haben wir eine Situation, die vielleicht weh tut. Das Schöne an Kunst oder an Theater ist, man kann mit diesem Wehtun was machen, ohne dass es wirklich weh tut. Man kann sehr schlimme Sachen zeigen, ohne dass den Leuten das wirklich wehtut.

In gewisser Weise ist ja jede Gewaltdarstellung im Film oder im Theater eine Verharmlosung. Der Punkt ist nur, dass es in dem Stück natürlich genau um diese Übergänge geht. Dass die Figuren am Anfang aus einer Welt kommen, nämlich einer künstlerischen Welt, in der es nicht wehtut, und plötzlich tut es doch weh, obwohl man gar nichts qualitativ anderes macht als vorher. Man macht immer noch Kunst, aber plötzlich tut es weh. Warum eigentlich? Hat das was damit zu tun, wer wir privat sind? Hat es damit zu tun, dass wir unsere privaten Geschichten zu Geld machen? Das sind lauter Fragen, die von verschiedenen Leuten im Stück verschieden beantwortet werden. Und die vielleicht auch von verschiedenen Leuten im Publikum total verschieden beantwortet werden.

Sie zitieren auch im Stück Brechts Lehrstücktheorie und irgendwann sagt Hark, er hat einen Erkenntnismoment geschaffen. Ist das auch Ihr Impuls, dass wir etwas lernen sollen?

Also ich würde davor warnen, irgendeine der Figuren mit der Botschaft des Stückes zu identifizieren, weil dann hätte ich ein Editorial geschrieben oder einen Leitartikel oder irgendwas in der Zeitung. Mir geht es tatsächlich um den Clash, um den Kampf, um den Zwist, um den Widerspruch, um die Auseinandersetzung, um die Dialektik zwischen diesen Positionen. Ich würde nicht sagen, dass irgendjemand im Stück komplett sagt, wie ich die Welt sehe oder was ich mitteilen will oder was die Leute mir abnehmen sollen. Sondern es geht mir darum, abzubilden, was in meinem eigenen Kopf, aber auch in meinem Leben mit anderen Menschen an Streit und Widerspruch existiert.

© Jan Pieter Fuhr

Künstler Baqil (Anatol Käbisch) unter Beobachtung in der Uraufführung in Augsburg

Sie schreiben Romane, sind journalistisch tätig, schreiben Lyrik. Was reizt Sie am Schreiben für das Theater?

Die Befreiung oder umgekehrt, das Rausgerissen-Werden aus diesem monologischen Schreiben. Erstmal ist es ja verrückt: Man will Leuten etwas mitteilen und geht dann aber nicht zu den Leuten, sondern irgendwo zu sich und schreibt da irgendwie. Meistens ist es ja auch noch still und manchmal macht man es nachts und alle anderen schlafen. Das hat automatisch eine Tendenz zum Selbstgespräch und damit auch zum Irrsinn. Man kann sich ja alles bestätigen oder widerlegen, wenn man das irgendwie möchte. Und das periodisch zu durchbrechen, indem man sich einer Situation aussetzt, in der beispielsweise auf einer Probe eine Schauspielerin fragt, wieso redeten die so, dann kann ich neue Fragen an meinen Text stellen. Es geht darum, diese monologische Tätigkeit damit zu belasten, was andere dabei verstehen, was andere dabei lernen, oder was anderen dabei aufstößt.

Das klingt so, als ob Sie tatsächlich auf den Proben sind und dann auch noch überarbeiten.

Diesmal sind wir nur einmal zusammengesessen, nämlich bei einer Leseprobe. Aber da schien schon auf: Ah, ok, der Text oder dieser Dialog oder dieser Monolog ist ein bisschen zu lang oder ein bisschen zu kurz oder hier müsste das nochmal wiederholt werden. Das zweite war, dass ich bei Fragen offenstand für E-Mail-Kontakt. Und das Lustige war, dass mir dadurch auch klar wurde, in welche Richtung es geht.

Wie ist Ihre Erfahrung mit dem Übergang Ihrer Texte auf die Bühne? Haben Sie Enttäuschungen erlebt oder können Sie gut abgeben?

Mit André Bücker habe ich eigentlich immer Lernerfahrungen gemacht. Da ich Lernen lustvoll finde – wobei Lernen ja auch anstrengend sein kann – also immer sehr, sehr positive Erfahrungen. Aber es gab auch frustrierende Erfahrungen. Doch selbst die sind dann so, dass man sagt, ich hätte nie was drüber gelernt, dass es spezifische, beispielsweise schauspielerische Mittel gibt, die man gar nicht aufschreiben kann. Weil das Sachen sind, die man fast vormachen müsste, man müsste fast die Kopfhaltung einnehmen, um solche Dinge zu vermitteln…

…Theater eben…

Theater, genau, das war das Wort, das ich gesucht habe. Ich hätte es fast vergessen (lacht). Stimmt, das war es: Theater.

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