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Dieter Thomä erklärt, warum Demokratien Helden brauchen | BR24

© Bayern 2

Angeblich leben wir in postheroischen Zeiten. Zugleich gibt es eine Sehnsucht nach Helden, die wie Edward Snowden viel riskieren. Der Philosoph Dieter Thomä plädiert im Interview dafür, dass die Demokratie die Helden nicht dem Kino überlassen sollte.

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Dieter Thomä erklärt, warum Demokratien Helden brauchen

Angeblich leben wir in postheroischen Zeiten. Zugleich gibt es eine Sehnsucht nach Helden, die wie Edward Snowden viel riskieren. Der Philosoph Dieter Thomä plädiert im Interview dafür, dass die Demokratie die Helden nicht dem Kino überlassen sollte.

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In der Start-Up-Welt wimmelt es nur so von Helden: Hier nennt sich eine Karriere-Beratung großspurig "Heldenmanufaktur", dort ein Team-Coach "Heldenwerkstatt", und wer je in einem solchen Workshop gesessen hat, weiß, dass man am Ende desselben auf ein Blatt Papier wie im Kindergarten seine "Heldenreise" malen darf. Online bestelltes Essen auf Fahrrädern kommt von der Firma "Delivery Hero", vordem "Lieferheld". Ein Unternehmen, das Kindern einen sicheren und souveränen Umgang mit dem Internet ermöglichen will, nennt sich "Digitale Helden". Und als wäre das nicht schon genug, veröffentlicht die Autorin Jagoda Marinić ein Buch des wortspielerischen Titels "Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land". Vermutlich ist diese Rückkehr des totgesagten Helden und der Heldin eine der tieferen Ironien des postheroischen Zeitalters, in dem wir angeblich längst leben. Soeben hat die Helden-Sehnsucht eine philosophische Unterfütterung erfahren durch ein "Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus": "Warum Demokratien Helden brauchen" nennt der Philosoph Dieter Thomä sein neues Buch. Knut Cordsen hat mit dem 59-jährigen Autor gesprochen.

Knut Cordsen: "We donʼt need another hero" hat Tina Turner mal gesungen. Hatte sie Unrecht?

Dieter Thomä: Nein, sie hatte recht, weil sie sich von ihrem schrecklichen Ehemann auf diese Weise befreit hat. Und genaugenommen müsste man sagen: Wir brauchen keine falschen Helden mehr. Aber ich glaube, dass Tina Turner sich mit richtigen Helden durchaus anfreunden könnte.

Einige der von mir eingangs aufgezählten Helden, zu denen noch Online- Portale wie "Sparheld.de" kommen, zählen Sie zu den "Pseudohelden" beziehungsweise "Scheinhelden". Was unterscheidet denn den wahren Helden von jenen nur behaupteten Helden?

Sie haben die ja furchtbar durch den Kakao gezogen, die Helden. Und Sie haben damit ja nur das gemacht, was gerade unsere Gesellschaft auch macht. So eine Art multiheroische Gesellschaft haben wir plötzlich nach der postheroischen Gesellschaft. Eine Nummer größer soll das bei Helden schon sein. Die demokratischen Helden sollten sich wirklich für eine große Sache einsetzen, für die große Sache der Demokratie, die in Gefahr ist. Sie sollten sich dabei auch in Gefahr begeben. So ganz leicht und nebenbei kriegt man keine Heldentat zustande. Und sie sollten dieses Spiel mit ihren Bewunderern spielen: Wir müssen zugeben, dass wir zu Helden aufschauen und dass sie irgendwie höher stehen als wir selbst, dass sie etwas auf den Weg bringen, was wir uns selbst vielleicht erst mal gar nicht zutrauen. Und wenn wir diese Gesichtspunkte zugrunde legen, dann ist es mit dem "Lieferhelden" nicht mehr ganz so eindrucksvoll.

Sie zitieren ja Niklas Luhmann in Ihrem Buch mit seiner Frage, ob "Helden nicht vielleicht von vornherein nur zur Entmutigung der Alltagsmenschen geschaffen worden sind". Sie hingegen sagen, wenn ich Sie richtig verstehe: Helden sind zur Ermutigung der Alltagsmenschen da. Richtig?

Ja. Ich glaube, dass Niklas Luhmann nur recht hat in Bezug auf die undemokratischen Helden, die Kriegshelden, die Protzhelden, die sagen: Wir erledigen den Job, ihr könnt uns dabei bewundern und ihr schafft es sowieso nicht. Mir fällt dann Wladimir Putin ein, der mit entblößtem Oberkörper demonstriert, dass er die Lage im Griff hat und sich selbst auch, dass er gestählt ist. Und diese Entmutigung, die diese Art von Helden auslösen, die kontere ich mit der Ermutigung. Ich denke, dass es tatsächlich eine enorme ansteckende Wirkung geben kann, wenn die Helden so als Frühaufsteher der Geschichte uns, die wir ein bisschen länger sitzen oder liegen bleiben, demonstrieren: Hoppla, es geht doch etwas! Vielleicht steckt auch in mir mehr drin, als ich mir in meiner alltäglichen Vertröstung weismachen will.

© dpa/ picture-alliance

Der in St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä

Der Held, das haben Sie eben schon angedeutet, ist ja oft genug militärisch konnotiert. Ich musste bei der Lektüre Ihres Buches an ein Werbeplakat der Bundeswehr denken, auf dem 2016 die Ausbildung zum Arzt oder Sanitäter bei der Bundeswehr angepriesen wurde mit den Worten: "Wir suchen keine Götter in Weiß. Wir suchen Helden in Grün." Das Wort Held wirkt in meinen Augen hier so wie in anderen Zusammenhängen auch doch unverhältnismäßig, wie eine unnötige semantische Aufrüstung. Sie konstatieren ja selbst eine Inflation des Heldenbegriffs, eine unheimliche "Heldenvermehrung". Da bekommt man doch Heldenplatzangst!

Ich glaube, dass wir im Moment in einer Art Zwiespalt stecken, also auf der einen Seite diagnostiziert fast jeder die "postheroische Gesellschaft", auf der anderen Seite kann man sich vor Helden nicht retten, jedenfalls vor solchen, die sich so nennen. Und dann rennen wir auch noch ins Kino und sehen Filme mit Superhelden des Marvel Empire. Das heißt, wir stecken in diesem Zwiespalt, dass es offenbar so etwas gibt wie eine Sehnsucht nach Helden. Und die lassen wir dann in der Form aus, dass wir sie uns einfach sozusagen in der Massenproduktion herstellen lassen. Ich denke, mit dem Helden-Begriff kann man richtig umgehen, wenn man sparsam mit ihm umgeht.

Machen wir doch mal ein modernes Heldenregister auf. Wer ist für Sie heute ein Held und eine Heldin?

Mir fällt der Whistleblower Edward Snowden ein. Oder mir fällt die Bürgermeisterin des bayerischen Kutzenhausen ein, Silvia Kugelmann, die vielleicht nicht so viele kennen wie Edward Snowden. Ich glaube, an den beiden Figuren kann man ganz gut zeigen, dass Heldentum etwas ist, was nicht so ganz leicht zu haben ist und auch wirklich mit persönlichen Risiken verbunden ist. Die Bürgermeisterin kriegt Drohbriefe per Post oder ihr werden die Reifen zerschnitten, weil sie sich für Toleranz gegenüber Ausländern einsetzt. Und sie bleibt im Amt. Sie hält einfach durch, obwohl das nicht lustig ist im Alltag, wenn man böse Briefe kriegt und all diese Dinge erlebt. Edward Snowden hat natürlich etwas viel Dramatischeres gemacht. Er hat die Amerikaner – unter Berufung auf die amerikanische Verfassung – darauf hingewiesen, dass diese Überwachung gegen den Geist der Demokratie und der Freiheit in Amerika verstößt. Er hat diese ganzen Daten geleakt und bezahlt dafür nun damit, dass er jetzt in Moskau schmort.

Wir gedenken in diesen Tagen des Mauerfalls vor 30 Jahren. Kurz nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs hat Hans Magnus Enzensberger im Dezember 1989 einen wegweisenden Essay über die "Helden des Rückzugs" geschrieben. Die Helden des Rückzugs, so nannte er die kommunistischen Kader, die das Feld räumten für andere, also Michail Gorbatschow, aber auch Wojciech Jaruzelski in Polen oder János Kádár in Ungarn. Sind das auch Helden für Sie?

Übrigens hat Enzensberger Edward Snowden als "Helden des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. Er hat also auch nach vorne geschaut, ganz in meinem Sinne. Wenn Sie zurückblicken, dann merkt man, dass in den Amtsstuben oft unauffällige Entscheidungen stattfinden, die enorme welthistorische Auswirkungen haben. Ich denke, wir sollten auf jeden Fall den Helden-Begriff nicht an Berühmtheit koppeln, denn es gibt auch die verkannten Helden. Bei den Helden des Rückzugs frage ich mich, wie großzügig Enzensberger da ist. Ist der SED-Funktionär Günter Schabowski, der sich verspricht bei der Pressekonferenz, dann auch ein Held? Es muss ein Vorsatz dabei sein, ein wirklicher Vorsatz, jetzt nicht die Waffen einzusetzen. Das ist ja die wichtige Entscheidung in den Leipziger Demonstrationen gewesen, die auch auf Gorbatschow indirekt zurückging. Ein Vorsatz, etwas freizulassen, was eigentlich gegen das eigene Macht-Verständnis geht. Und wenn man das tut und dabei seine eigene persönliche Existenz, seine herausgehobene Stellung riskiert, sich vielleicht sogar zum Gespött des Parteiapparats macht, dann ist das eigentlich bewundernswert.

© Ullstein Verlag/ Montage BR

Cover: Dieter Thomä: Warum Demokratien Heldern Brauchen

Dieter Thomä, "Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus" ist bei Ullstein erschienen.

Das Buch ist in der Kategorie Sachbuch nominiert für den Bayerischen Buchpreis, der am 7. November in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche verliehen wird. Sie können diese Veranstaltung live auf Bayern 2 mitverfolgen und über die BR-Mediathek.

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