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Dieter Borchmeyer verteidigt Festschrift für verurteilten Mauser | BR24

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Der ehemalige Rektor der Musikhochschule Siegfried Mauser wird zum 65. Geburtstag in einer Festschrift gefeiert. Und das, obwohl Mauser wegen sexueller Nötigung zu 2 3/4 Jahren Haft verurteilt wurde - rechtskräftig. Warum, sagt Dieter Borchmeyer.

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Dieter Borchmeyer verteidigt Festschrift für verurteilten Mauser

Der Ex-Rektor der Münchner Musikhochschule Siegfried Mauser wurde wegen sexueller Nötigung zu 2 3/4 Jahren Haft rechtskräftig verurteilt. Trotzdem feiert ihn zum 65. Geburtstag eine Festschrift. Herausgeber Dieter Borchmeyer rechtfertigt das.

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"Musik verstehen, Musik interpretieren": Unter diesem Titel erscheint am 9. November beim Verlag Königshausen und Neumann eine Festschrift zum 65. Geburtstag des Straubinger Pianisten Siegfried Mauser. Darin würdigen Hermann Parzinger, Präsident der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Philosoph Peter Sloterdijk, der Schriftsteller Michael Krüger, die Dramaturgin Nike Wagner und viele andere die Verdienste von Siegfrid Mauser.

Borchmeyer: "Künstlerpersönlichkeit" vs. "Straftäter"

Der ehemalige Rektor der Münchner Musikhochschule war im Mai 2018 vom Landgericht München wegen sexueller Nötigung in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Der BGH hat dieses Urteil im Oktober 2019 bestätigt, womit es rechtskräftig ist und Mauser ins Gefängnis muss. Die Herausgeber der Festschrift – der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, die Musikwissenschaftlerin Susanne Popp und der Musikwissenschaftler Wolfram Steinbeck – haben auch nach der Bestätigung des Urteils nicht von der Festschrift Abstand genommen.

Im BR-Gespräch rechtfertigt Herausgeber Dieter Borchmeyer das Festhalten an der Festschrift: "Das wäre ein ungeheurer Schaden für den Verlag gewesen, wenn er die Festschrift zurückziehen würde. Und ich sehe es auch nicht ein. Denn, und da bin ich mit meinen Mitherausgebern völlig einer Meinung und übrigens auch mit den mitwirkenden Autoren, die das Vorwort zum Beispiel kennen: Wir sind eben der Meinung, der Straftäter Siegfried Mauser – laut Gerichtsurteil – und die Künstlerpersönlichkeit Mausers sind zwei verschiedene Dinge, und die Verdienste um Kunst und Wissenschaft werden ja nicht zunichte gemacht dadurch, dass er jetzt strafrechtlich verurteilt wird."

Im Vorwort der Festschrift gehen Borchmeyer und die anderen Herausgeber nicht auf Distanz zu dem verurteilten Straftäter. Im Gegenteil: Dort beschwören sie das "außergewöhnliche pädagogische Charisma" Mausers und seine "ingeniöse didaktische Begabung". Es heißt dort: "Auf zwischenmenschlicher Ebene bezwingt Mauser immer wieder durch seine alle konventionellen Manieren sprengende, jegliches ,repräsentative‘ Gebaren für sich selber verwerfende, menschenfreundliche und ,millionenumschlingende‘ Kommunikationsbereitschaft und Herzlichkeit."

Ironie sei "immer angemessen"

Dieter Borchmeyer will diese Passage über Mausers "menschenfreundliche und ,millionenumschlingende‘ Kommunikationsbereitschaft" als Ironie verstanden wissen. "Wenn man das so herauslöst, dann versteht man den ganzen leicht ironischen Ton dieses Vorwortes nicht", sagt Borchmeyer und auf Christoph Leibolds Nachfrage, ob Ironie hier angemessen ist, sagt er: "Ironie ist immer angemessen. Entschuldigung, ich bin eigentlich ein Schüler Thomas Manns. Für mich ist Ironie das Wichtigste. Das kann man nie ausschalten."

Auf den Einwand, dass die Betroffenen wohl in dieser Causa nicht so richtig zu Ironie aufgelegt seien, erwidert Borchmeyer: "Diese weltumarmende Ironie, das bezieht sich natürlich zurück auf 'Seid umschlungen Millionen' aus dem 'Lied an die Freude'. Und irgendwie, als wir das damals – und das ist ja schon lange her, dass das Vorwort geschrieben wurde – schrieben, waren wir über diese Formulierung eigentlich sehr glücklich, weil es etwas von diesem überschwänglichen Wesen Mausers durchaus erfasst."

"Ein Gerichtsurteil ist kein Gottesurteil"

Dieter Borchmeyer trennt nicht nur strikt zwischen dem Künstler Siegfried Mauser und seinen Verfehlungen, sondern sagt auch, dass er unabhängig vom Gericht ein eigenes Urteil über Mauser fälle: "Weder die Herausgeber noch die Autoren würden einen Strich getan haben für Siegfried Mauser, wenn wir der Ansicht wären, dass er wirklich ein Gewalttäter wäre. Das können wir uns aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung mit ihm nicht vorstellen." Er erkenne das Gericht natürlich an. "Aber ein Gerichtsurteil ist kein Gottesurteil, und es gehört auch zum Rechtsstaat hinzu, dass man sich sein eigenes moralisches Urteil über einen Menschen bilden kann, unabhängig von einem Gerichtsurteil."

Das Gespräch mit Dieter Borchmeyer können Sie mit einem Klick auf das Bild oben im Artikel nachhören.

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