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Romeo und Julia am Schauspiel Stuttgart
© Schauspiel Stuttgart, Thomas Aurin

Autoren

Christoph Leibold
© Schauspiel Stuttgart, Thomas Aurin

Romeo und Julia am Schauspiel Stuttgart

Preisgekrönt und umstritten, das sind die Arbeiten des kroatischen Theatermachers Oliver Frljić. "Balkan macht frei" war so eine Inszenierung, die 2015 am Münchner Marstall, die von der Kritik als "Wuttheater" und "Gipfel der Provokation" etikettiert wurde. Damals war Frljic noch Intendant des Nationaltheaters in Rijeka. Aber 2016 schmiss er hin, aus Protest gegen die Kulturpolitik in seiner Heimat. Als dezidiert politisch begreift der 42-jährige sein Tun. Er hat nicht nur in München, sondern auch in Berlin, Düsseldorf und Dresden schon inszeniert. Und nun in Stuttgart: William Shakespeares Klassiker "Romeo und Julia".

Es beginnt mit zwei jungen Männern, die sich leidenschaftlich küssend übereinander herfallen, die Kleider vom Leib reißen: Romeo und Tybalt, Julias Cousin. Damit beschert Oliver Frljić Shakespeares Klassiker nicht nur eine dritte tragisch liebende Figur – Tybalt, der hier zum verschmähtem Ex-Lover von Romeo wird. Die Szene sorgt auch für ein Irritationsmoment: Klar, heute gibt’s die Ehe für alle. Wenn aber im Theater von der ultimativen Liebe erzählt wird, ist das heterosexuelle Paar Romeo und Julia noch immer unangefochtener Standard auf deutschen Bühnen. Hier jedoch: dieser Anfang!

Romeo und Julia am Schauspiel Stuttgart

Romeo und Julia am Schauspiel Stuttgart

Liebe als Aufbegehren gegen die Gesellschaft

Im elisabethanischen Zeitalter wurden die Frauenrollen bekanntlich von Knaben gespielt, weshalb Shakespeares berühmte Liebestragödie damals längst nicht so heteronormativ gewirkt haben dürfte wie heute. Um den Bruch mit Normen geht es Oliver Frljić auch in "Romeo und Julia" in seiner zupackenden, oft auch packenden Inszenierung. Er zeigt die Liebe zweier junger Menschen vor allem als Aufbegehren gegen die Gesellschaft – allein schon indem Julia den Grafen Paris verschmäht, den ihr Vater als standesgemäß Partie für sie ausgesucht hat. Doch wie so viele Revolten endet auch die von Romeo und Julia tödlich.

Sperrholzsärge und Popmusik

Oliver Frljić setzt den Tod der Titelhelden – gleich nach dem kurzen Vorspiel mit Romeo und Tybalt – an den Anfang des Abends. Romeo und Julia liegen regungslos in zwei offenen Sperrholzsärgen, die bis zum Ende der Aufführung präsent bleiben auf der ansonsten über weite Strecken leeren Bühne, auf der es nie richtig hell wird. Romeos und Julias Totenbett wird auch ihr Liebeslager, ein mit Schaum gefüllter Sarg zur Badewanne für Julia. In den offenen Särgen stehend werden Romeo und Julia von Peter Lorenzo getraut; in den Särgen stehend haben sie sich vorher auch ineinander verliebt auf dem Maskenball der Capulets, bei dem die übrigen Stückfiguren, allesamt in silbrig-graue Renaissance-Gewänder gekleidet, zu moderner Popmusik wild tanzen.

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Autoren

Christoph Leibold

Sendung

kulturWelt vom 25.11.2018 - 12:30 Uhr