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© Florian Ganslmeier/Gasteig
Bildrechte: Florian Ganslmeier/Gasteig

Blick nach Westen: Sonnenuntergang über München

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Diese München-Aussicht können Sie nur ganz allein genießen

Ganz wie die mittelalterlichen Türmer dürfen ab 12. Dezember Interessierte aufs Dach des Gasteig-Kulturzentrums steigen – und in einer Stahlkabine eine Stunde lang den Sonnenaufgang oder -untergang genießen. Allerdings nur unter gewissen Bedingungen.

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Von
  • Peter Jungblut

Passanten werden ihn schon aus der Ferne als Silhouette erkennen, oben auf dem Dach des Münchner Kulturzentrums Gasteig: den "Türmer", der dort ab 12. Dezember täglich morgens und abends eine Stunde Wache hält, jeweils zum Sonnenauf- und untergang. Die Architekten Benjamin Tovo und Nounja Jamil werden eine Stahlkabine entwerfen, die von einem imposanten Holzgerüst eingefasst sein wird.

Dieser Wetterschutz für jeweils eine Person ist von innen beleuchtet, in der kalten Jahreszeit auch beheizt und wirklich unübersehbar, so dass aus der Froschperspektive, von der Straße aus, dort oben der Schatten des "Türmers" zu sehen sein wird. Weil die Kunstaktion genau ein Jahr dauern soll, kommen insgesamt maximal 730 Personen in den Genuss der spektakulären Aussicht. Wer mitmachen will, sollte allerdings wissen: Das Handy und die Uhr müssen jeweils vorher abgegeben werden. Ein professioneller Begleiter hebt das alles sorgfältig auf und reicht am Ende auf Wunsch auch eine heiße Tasse Tee.

"Zarte, sanfte Präsenz des Körpers"

Ausgedacht hat sich das Ganze die belgisch-australische Tänzerin und Choreographin Joanne Leighton. Sie will damit nach eigenen Worten Menschen erreichen, die nicht künstlerisch ausgebildet sind oder sich auch nur für Kunst interessieren. Und sie wollte sich ausdrücklich nichts für eine experimentelle Bühne ausdenken, sondern etwas, das jeweils die ganze Stadt einbezieht: "Es ist eine zarte, sanfte Präsenz des Körpers im öffentlichen Raum, sehr menschlich, aber zugleich sehr poetisch."

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Bildrechte: Jungblut/BR

Noch ist es eine Baustelle: Von hier aus werden die "Türmer" Wache halten.

Leighton geht es um die spirituelle Erfahrung derjenigen, die da oben ganz allein sechzig Minuten meditieren können oder jedenfalls die Muße haben, an was auch immer zu denken. Nachher werden sie alle fotografiert, die Aussicht ebenfalls, egal ob es gerade neblig ist oder strahlend sonnig. Und nach einem Jahr werden all die Aufnahmen online gestellt und den "Türmern" selbst auch als Buch überreicht. Wer sich schwer tut mit der Entscheidung, kann in einem Workshop mitmachen, bei dem professionelle Tänzer darüber aufklären, wie das eigentlich ist, mal ganz auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und einfach nur "da zu stehen".

Und weil in der "dunklen" Jahreszeit die Sonne zu einigermaßen bequemen Zeiten auf- und untergeht, werden zumindest bis März vergleichsweise viele Passanten Gelegenheit haben, den jeweiligen Münchner "Türmer" auf seiner Aussichtskanzel zu beobachten.

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Herbstlicher Blick auf den Bayerischen Landtag

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Stolz auf die Aussicht: Gasteig-Chef Wagner

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Nahaufnahme: Frauenkirche

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Schwindelfreiheit vorausgesetzt

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Der Blick kann schweifen

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Aus Paris zugeschaltet: Joanne Leighton

Wichtig ist der Künstlerin, dass die "Türmer" zwar die Aussicht genießen können, die Passanten in den Straßen aber ebenfalls einen "fantastischen" Blick haben, nämlich auf die erleuchtete Person, die gerade "Dienst" hat. Es ist also ein Sehen in beide Richtungen angestrebt. Bei vorhergehenden "Türmer"-Aktionen haben sich die Bewerber übrigens oft für Tage entschieden, die ihnen persönlich etwas bedeuten, also zum Beispiel Geburtstage, Erinnerungstage für Verstorbene oder andere familiär wichtige Daten. Leighton geht es darum "Achtsamkeit" herzustellen im modernen Sinne. Im Mittelalter hatten die Türmer ja die Aufgabe, Brandherde in der Stadt rechtzeitig zu entdecken, oder auch herannahende Feinde.

Absolut keine Ablenkung

Weil erfahrungsgemäß die "Türmer" sehr tiefgreifende Erlebnisse haben werden, wird es alle paar Monate Gelegenheit geben, über diese Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu kommen. Gar nicht so einfach, völlig allein in dieser Röhre zu stehen mit einem Panorama-Fenster nach vorn und hinten. Jedes Rollenspiel fällt weg, die Gesichtszüge entspannen sich, absolut keine Ablenkung droht, von der atemberaubenden Kulisse mal abgesehen. Der 180-Grad-Prospekt geht von den Alpen bis in den Münchner Norden. Nicht mal die Zeit muss der "Türmer" innerlich im Auge behalten: Exakt nach einer Stunde holt ihn der Begleiter ab.

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Bildrechte: Florian Ganslmeier/Gasteig

Feuriger Sonnenuntergang

Joanne Leighton war mit ihrem "Türmer"-Projekt erstmals 2011 in der französischen Festungsstadt Belfort zu Gast. Dort hieß die Kunstaktion "Les Veilleurs" (dt. Die Nachtwächter). Wegen des großes Erfolgs luden sie danach auch die Städte Laval, Rennes, Hagenau, Freiburg, Evreux, Dordrecht und Graz ein. Mittlerweile halten die "Türmer" also fast durchgehend seit zehn Jahren "Wache" über europäische Städte.

Wer dem Gasteig in München selbst aufs Dach steigen will, kann sich ab heute unter tuermer-muenchen.de anmelden. Damit nicht gleich alle 730 möglichen Termine auf einen Schlag vergeben sind, sind zunächst nur die Sonnenauf- und untergänge bis April zu buchen.

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