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Diese Graphic Novels aus Norwegen erzählen von Leben mit Brüchen | BR24

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Norwegen, das Gastland der Frankfurter Buchmesse, hat eine reiche literarische Kultur – und eine besondere Comic-Kultur. Lars Fiske und Steffen Kverneland gehören zu den bekanntesten norwegischen Künstlern mit dem Zeichenstift.

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Diese Graphic Novels aus Norwegen erzählen von Leben mit Brüchen

Norwegen, das Gastland der Frankfurter Buchmesse, hat eine reiche literarische Kultur – und eine besondere Comic-Kultur. Lars Fiske und Steffen Kverneland gehören zu den bekanntesten norwegischen Künstlern mit dem Zeichenstift.

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Viel braucht er nicht: weißes Puder fürs Gesicht, einen knallroten Lippenstift, Pomade für das Haar. Und den Gehstock, am Knauf die Miniatur eines Schädels. Auftritt Georg Groß alias George Grosz, Künstler, Lebemann, Linksintellektueller, einer der großen und zugleich großartigen Kritiker seiner Zeit. Unter anderem mit dieser eigenwilligen Maske stolpert er durch einen norwegischen Comic, voller Lebenshunger – und, klar, voller Durst. Richtig, durch einen norwegischen Comic, gezeichnet von Lars Fiske.

"Die Zeichnungen haben mich zunächst nicht so richtig gefesselt", verrät der Künstler aus Oslo. "Als ich sie entdeckt habe, vor vielen Jahren, war ich gerade in Hergés Tintin-Comics unterwegs, in diesen perfekten Kompositionen. Dann kamen die Bilder von George Grosz. Sie waren so anders, roh und brutal, von Linien durchzogen. Das Thema aber hat mich angesprochen. Das waren Zeichnungen für Erwachsene, den politischen Hintergrund habe ich damals nicht wirklich verstanden. Aber ich habe begriffen: Das war ein wütender Mensch. Er erzählt mir etwas anderes als die Cartoons von Tintin."

Ein Leben voller Brüche

Lars Fiske, Jahrgang 1966, hat das abenteuerliche und auch bewegte Leben von George Grosz gezeichnet: da der brutale und prägende Erste Weltkrieg, dort die Revolution, der künstlerische Aufbruch, Dada, die gnadenlose Kritik an den Eliten in der Weimarer Republik und die damit einhergehenden Gerichtsverfahren. Schließlich die große biographische Zäsur, der existentielle Bruch: das Exil in den Vereinigten Staaten.

"Er hat in Amerika zurückgeschaut auf seine wunderbare Kunst aus der Weimarer Republik", berichtet der Comic-Biograph. "Und Grosz hat gesagt: Es war verkehrt, so zu malen und zu zeichnen! Er mochte diese Kunst nicht mehr, betrachtete sie als Fehler. Er wollte lieber ans Meer fahren, die Natur und nackte Frauen malen. Die Kunst sollte unschuldig und schön sein. Grosz erhielt Nachrichten aus Europa, dass seine Bilder verbrannt worden sind. Er wurde depressiv und begann zu trinken – er dachte, er könnte mit dem Alkohol seine Depressionen bekämpfen."

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Cover von "Grosz" von Lars Fiske

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Ausschnitt aus: "Grosz" von Lars Fiske

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Ausschnitt aus: "Grosz" von Lars Fiske

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Ausschnitt aus: "Grosz" von Lars Fiske

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Ausschnitt aus: "Grosz" von Lars Fiske

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Ausschnitt aus: "Grosz" von Lars Fiske

Ein Comic wie George Grosz

Lars Fiske gehört zu den bekanntesten Comickünstlern in Norwegen. Sein Herz schlägt für die künstlerische Avantgarde in der Weimarer Republik. Fiske, ein ruhiger, besonnener Geist, hat auch eine Comic-Biographie von Kurt Schwitters gezeichnet. Ebenso hat er die Biographie von Olaf Gulbransson erkundet und graphisch dokumentiert, zusammen mit seinem Kollegen Steffen Kverneland. Und nun – also – Grosz, ein Künstler, dessen Bilder Lars Fiske schon als junger Mann kennen und lieben lernte. Das Spannende: Die Lebensgeschichte wird allein in Zeichnungen erzählt – schwarze Striche, Linien, hier und da ein Farbtupfer, grün oder rot. Und eben: Kein einziges Wort.

"George Grosz war begeistert von den amerikanischen Slapstick-Filmen", weiß Fiske. Und so wurde das Thema Slapstick auch ein Motto für seine Biographie. "Das Wort hing unsichtbar über meinem Zeichentisch. Ich habe auf meine Bilder geschaut und mich gefragt: Ist das jetzt Slapstick oder nicht? Wenn ja, dann sind sie okay. Das hat mir geholfen, denn das Buch ist so konstruiert wie Grosz: Es fällt wie er hinein in die Großstadt, es tanzt. Es folgt Grosz und zieht mit ihm von Bar zu Bar, ins Atelier und auf die Straße, zur Revolution."

Geschichten ohne Hemmungen

Es gibt verschiedene Arten, eine Geschichte in Bildern zu erzählen. Man kann das brav machen, Bild um Bild, Seite um Seite, fertig aus. Man kann aber auch experimentieren, Grenzen überschreiten, ausreizen, was Comic und Graphic Novel alles erlauben. Norwegens Zeichner haben da keine Hemmungen – und das gehört wohl auch zum Kern ihrer Kunst und ihrer Bücher. Siehe Lars Fiske. Siehe aber auch Steffen Kverneland. Er entdeckte als Kind den Reiz der Comics.

"Das war in meiner Kindheit ein Massenmedium. Wie heute die Computerspiele für Kinder", erinnert sich Kverneland, Jahrgang 1963. "Das norwegische Fernsehen war damals nicht wirklich toll. Vielleicht gab es einen guten Film pro Woche. Wir hatten also nichts anders. Und deshalb war Comic ein Massenmedium. Und ebenso Action und Humor. Wir haben die Alben wieder und wieder gelesen. Wir konnten sie auswendig. Das war unsere Passion. Und dann sind wir, zusammen mit den Comics, erwachsen geworden. Ein perfektes Timing."

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Cover von "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

© Avant

Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

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Ausschnitt aus: "Ein Freitod" von Steffen Kvernelands

Eine traurige Zäsur in der Biographie

Auch Kverneland, groß geworden mit Donald Duck und Co., gehört zu den bekanntesten Zeichnern und Illustratoren in Norwegen. Und auch er experimentiert immer wieder mit den Möglichkeiten, eine Geschichte in Bildern und Texten zu erzählen. Sein jüngster Comic, eine umfangreiche Graphic Novel, ist sein persönlichstes Buch. Es geht um einen existentiellen Einschnitt in der eigenen Biographie: um den Freitod des Vaters. Er schied aus dem Leben, als Steffen Kverneland 18 war, er hinterließ seine Frau und zwei Kinder. Im Abstand von Jahrzehnten blickt Kverneland zurück.

"Ich habe frühzeitig begriffen, dass ich nie verstehen werde, warum er gegangen ist", sagt der Zeichner im Gespräch. "Ich trage diese Dunkelheit nicht in mir. Und ich habe nie darüber nachgedacht, einen ähnlichen Schritt zu gehen wie er. Das war wie eine Kluft zwischen uns. Ich kann auch die Gründe letztlich nicht verstehen. Wenn es einen Grund für ihn gab, so hat er ihn mit ins Grab genommen. Deshalb habe ich auch nicht recherchiert, als ich an meinem Buch gearbeitet habe. Ich habe Fotoalben angeschaut. Aber ich habe nicht mit Verwandten gesprochen. Die Graphic Novel soll von meinen Erinnerungen erzählen."

Steffen Kvernelands großer Comic "Ein Freitod" ist vielschichtig erzählt und auch gestaltet. Der Zeichner hat zahlreiche Familienfotos – Amateuraufnahmen – ausgewählt und diese neben seine eigenen Bilder gestellt, mal realistisch, mal cartoonhaft, mal hell, mal ganz dunkel, bedrohlich. Auch ist die Geschichte nicht chronologisch erzählt, vielmehr assoziativ. Sie funktioniert wie die Erinnerung, sprunghaft. Ein besonderes Buch. Ein besonderer Erzähler.

Steffen Kvernelands Graphic Novel "Ein Freitod" – in der Übersetzung von Ina Kronenberger – bei Avant erschienen. Im gleichen Verlag wurde auch Lars Fiskes großer Comic über George Grosz veröffentlicht.

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