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Diese fünf Bücher spiegeln Georgien | BR24

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Altstadt von Tbilisi

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Diese fünf Bücher spiegeln Georgien

"Georgia Made By Characters": Unter diesem Motto tritt Georgien als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse auf. Gemeint sind die 33 Buchstaben des einzigartigen georgischen Alphabets – und die Charakterköpfe der Autor*innen.

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Georgien ist ein geschichtsträchtiges Land auf der Suche nach sich selbst zwischen Ost und West. Zum Gastland-Auftritt gibt es eine Fülle neuer Übersetzungen, rund 70 Autorinnen und Autoren kommen zur Messe. Mikheil Giorgadze, der Kulturminister der ehemaligen Sowjetrepublik, sieht darin eine Chance, sich wieder stärker Europa zuzuwenden und dort auch kulturelle Anerkennung zu bekommen. Nino Haratischwili, die in Deutschland wohl bekannteste Autorin mit georgischen Wurzeln, wünscht sich, dass sich Georgien in Frankfurt in all seinen Widersprüchen und Extremen zeigt, "in all seinen Fehlern und all seiner Pracht". Das deutsche Lesepublikum jedenfalls kann sich auf spannende Texte und Debatten freuen. Cornelia Zetzsche empfiehlt fünf besondere Titel der georgischen Literatur.

Guram Dotschanaschwili: "Das erste Gewand"

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© BR Cornelia Zetzsche

Schriftsteller Guram Dotschanaschwili über seinen Abschluß des Epos "Das erste Gewand"

Eigentlich waren Guram Dotschanaschwili andere Karrieren bestimmt. Er boxte gut, spielte ausgezeichnet Geige, studierte Archäologie. Aber nun ist er seit Jahrzehnten der beliebteste Schriftsteller und sein Opus Magnum das Lieblingsbuch der Georgier. Seine Quellen waren der Aufstand der Landlosen im brasilianischen Canudos vor 100 Jahren und die Bibel.

"Bist du … reich?", fragte Domenico leise. "Ja." "Sehr?". Die brüchig gewordene Nacht surrte leise und löste sich in blaue, taube Krümel auf – es dämmerte."

Domenico hält nichts mehr im Dorf. Von seinem Vater erbittet er seinen Anteil des Erbes, zieht in die Welt hinaus, erlebt drei Städte, das oberflächliche Feinstadt in Feierlaune, Kamora, in dem Diktatur, Lüge und Unfreiheit herrschen, und am Ende Canudos, die Vision eines freien, selbstbestimmten Lebens.

"Ich bin den Zensoren 'dankbar'. Das waren keine klugen Leute. Einfache Wege, etwas zu beschreiben, hätten sie zu gut verstanden, kompliziertere nicht, danach habe ich gesucht, also bin ich 'dankbar'", sagt Guram Dotschanaschwili und erklärt damit seine kreativen Wortschöpfungen und die exotischen Namen in seinem märchenhaften, hinreißenden 1000-Seiten-Epos von Liebe und Freiheit, einer Allegorie auf das Dasein des Menschen, in der sich der Autor auch direkt an seine Leser wendet: "Hab ich Sie müd gemacht?", heißt es im Roman, "Herumtreiberei, mal in Kamora, mal hier, mal dort. Und falls ich Domenico mal aus den Augen verlier, ist das nicht schlimm. Er bleibt das Wichtigste."

„Das erste Gewand“ von Guram Dotschanaschwili ist in der Übersetzung von Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse im Hanser Verlag erschienen.

Aka Morchiladze: "Reise nach Karabach"

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© BR/ Weidle Verlag

Schauspieler Shenja Lacher liest aus Aka Morchiladzes "Reise nach Karabach"

Gio ist niedergeschlagen. Seine erste Liebe ist fort, Job und Studium bringen kein Glück, der starke Vater bestimmt sein Leben. Gio ist ein Loser, ohne Antrieb, orientierungslos in der ersten Zeit der Unabhängigkeit 1991/92. Zusammen mit seinem Freund Gogliko fährt er nach Aserbeidschan, um Drogen zu besorgen. Unterwegs im Lada seines Vaters, verfahren sich beide in düstersten Regionen, in die Kriegszone bei Karabach, wo die Mehrheit der Bevölkerung Armenier sind.

"Es ist kein politischer Roman, auch wenn dort im Kaukasus der erste Krieg ausbrach, andere folgten. Ich wollte einfach eine Roadnovel schreiben und zwei Fremde in eine unbekannte Welt bringen", betont Aka Morchiladze, Georgiens meist gelesener Autor, inszeniert die längst erfolgreich verfilmte Roadnovel als skurrile Story im Großstadt-Slang mit fulminantem Showdown. Eine Tragikomödie vom Feinsten.

"Reise nach Karabach" von Aka Morchiladze ist in der Übersetzung von Iunona Guruli im Weidle Verlag erschienen

Naira Gelaschwili: "Ich fahre nach Madrid"

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© BR Cornelia Zetzsche

Schriftstellerin Naira Gelaschwili über "Ich reise nach Madrid", eine Novelle über die innere Freiheit

Jedem erzählt Sandro etwas Anderes: Er pflege seine Mutter, ziehe sich zurück aufs Land, fahre nach Madrid. Tatsächlich taucht er ab in der Klinik eines Freundes, als Patient. Sandro hat genug von der Welt, will nur noch seine Ruhe. Aus dem Klinik-Aufenthalt wird ein vergnügliches Zusammensein mit dem Chefarzt, einem Freund, bis zum überraschend tragischen Ende.

Naira Gelaschwili, die Grande Dame der georgischen Literatur, die frühere Beraterin Eduard Schewardnadses, die Gründerin des "Kaukasischen Hauses" und Vermittlerin zwischen Georgiens Minderheiten, schrieb diese Novelle in den 80er-Jahren als Parabel einer Flucht aus der Diktatur, aber dieser Wunsch, allem zu entfliehen, ist universal. "Ich fahre nach Madrid" ist heute ein geflügeltes Wort in Georgien und das kleine Buch hat’s in sich. Ein ungetrübtes Lesevergnügen!

"Ich fahre nach Madrid" von Naira Gelaschwili ist in der Übersetzung von Lia Wittek und Mariam Baramidse im Verbrecher Verlag erschienen.

Nana Ekvtimishvili: "Das Birnenfeld"

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© BR Cornelia Zetzsche

Filmemacherin Nana Ekvtimishvili über ihr Roman-Debüt "Das Birnenfeld"

Als Filmemacherin ist Nana Ekvtimishvili preisgekrönt, als Pendlerin zwischen Tbilisi und Berlin typisch für junge Georgier, die ihr Glück im Westen suchen, zum Studium nach Deutschland kommen und bleiben. Nun erzählt sie in ihrem Roman-Debüt die eindringliche Geschichte verlorener, vergessener Heimkinder in Tbilisi. "Nun stehen sie da, die Birnbäume, von allen verlassen", heißt es im Buch. "Diese Bäume tragen jeden Sommer große, grüne, glänzende Birnen. Wer doch eine abpflückt und hineinbeißt, merkt, dass sie steinhart sind."

Unterentwickelt wie die Birnen sind diese Heimkinder, von Gewalt gezeichnet und doch von großer innerer Stärke, kleine Wesen, die man nicht vergisst. Allen voran Lela: resolut, aber warmherzig, wie eine große Schwester für die Kleinen, für Irakli etwa, der sein Glück bei Pflegeeltern in den USA finden soll. Nana Ekvtimishvili macht die Stimmen der Stimmlosen hörbar. Behutsam, herzzerreißend, aber völlig unsentimental, dafür mit poetischer Kraft, erzählt sie von Kindern am Rand der Stadt, am Rand der Gesellschaft.

"Das Birnenfeld" von Nana Ekvtimishvili ist in der Übersetzung von Ekaterine Teti und Julia Dengg im Suhrkamp Verlag erschienen.

Zviad Ratiani: "Requiem für die Lebenden"

Zviad Ratiani, 47 Jahre alt, ausgezeichnet mit Georgiens höchstem Literaturpreis, dem Saba, Übersetzer von Rilke, T.S.Eliot und anderen, stand immer auf den Barrikaden, auch als 17-Jähriger, als es um Georgiens Unabhängigkeit ging. Heute beklagt er, dass die Euphorie von einst in blutigen Kriegen endete: "Was haben wir bloß falsch gemacht, als wir über den Stacheldraht kletterten?"

"Requiem für die Liebenden" heißt ein Band seiner Gedichte mit einer kritischen Selbstbefragung, übersetzt von den Dichter-Kollegen Uwe Kolbe und Sabine Schiffner. Von einem Ich und Du ist die Rede, das zum Spiegel des Landes wird, beim Rasieren, in der Elegie für den Vater, in der Erinnerung an die Ahnen, der Hommage an einen Fluss, den Konturen eines Schattens. Und immer wieder von den Hoffnungen jener Tage, die bei aller Gewalt verloren gingen.

"Was noch? Schreib über die Liebe auch. / Und sage, du erfuhrst das Geheimnis: / Gedichte werden vor der Liebe geschrieben / und nach der Liebe gelesen."

"Requiem für die Lebenden" von Zviad Ratiani ist in der Übersetzung von Uwe Kolbe und Sabine Schiffner im Klak-Verlag erschienen.

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