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Diese drei tschechischen Romane sollte man lesen | BR24

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Tschechien ist Ehrengast auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, viele Autorinnen und Autoren stellen sich vor. Besonders spannend sind die aktuellen Bücher von Radka Denemarková, Jáchym Topol und Jiŕí Hájíček.

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Diese drei tschechischen Romane sollte man lesen

Tschechien ist Ehrengast auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, viele Autorinnen und Autoren stellen sich vor. Besonders spannend sind die aktuellen Bücher von Radka Denemarková, Jáchym Topol und Jiŕí Hájíček.

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Eine tschechische Schauspielerfamilie findet sich nach dem Brexit in einem Ausweisungslager wieder. Dabei waren sie jahrelang auf der Insel. Gefeiert für ihre mit europäischen Stipendien geförderten Auftritte. Nun müssen sie das Land verlassen. In dem Roman "Ein empfindsamer Mensch" jagt der 1962 geborene Autor Jáchym Topol seine Darsteller durch ein apokalyptisches Europa. Topol, aus einer Dissidentenfamilie stammend, gehört zu den wichtigsten tschechischen Schriftstellern der Gegenwart. Er leitet zudem die Prager Václav-Havel-Bibliothek, einen Ort der kritischen Reflexion über wichtige Fragen der Gegenwart und der Gesellschaft.

"Ich wäre froh, mich nicht mit Politik beschäftigen zu müssen", sagt Jáchym Topol im Gespräch. "Ich meine, ich glaube nach wie vor an die Demokratie als beste Form des Zusammenlebens. Gleichzeitig erlebe ich, dass das Mitteleuropa, in dem ich geboren bin, das beste Beispiel dafür ist, wie schnell eine Demokratie in die Tyrannei kippen kann."

Im Roman "Ein empfindsamer Mensch" treffen Vater Mohrle und seine Familie auf dem Weg in die Heimat auf die anderen Flüchtlinge. Die, die vom Mittelmeer her noch immer Richtung Westen ziehen. Es ist das starke Bild einer Zeitenwende, das Topol in seinem inzwischen sechsten Roman mit großem Furor und geradezu anarchischem Humor zeichnet. Auf der Reise werden Vater Mohrle und seine Familie ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet entführt. Hier treffen sie auf Gérard Depardieu und stehlen dessen BMW. Damit kommen sie irgendwann in einem Tschechien an, in dem keiner mehr weiß, wer Václav Havel war. Und so stellt dieser Roman auch die Frage danach, was aus dessen Erbe und Werten geworden ist und welche Rolle ein Künstler in so einem Europa eigentlich noch spielen kann.

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Einer der wichtigsten tschechischen Schriftsteller der Gegenwart: Jáchym Topol aus Prag.

Mit einem nicht weniger politischen Thema befasst sich Radka Denemarková. Sie wohnt im fünften Stock inmitten eines Labyrinths von Plattenbauten im Prager Stadtteil Liben. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ihr Roman "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude". Zurzeit wird er in 12 Sprachen übersetzt. "Ich habe einen Roman über sexualisierte Gewalt geschrieben", sagt die Schriftstellerin, Essayistin und Dramatikerin. "Und auch über Nationalismus."

Ein Mann wird ermordet. Ein Kommissar ermittelt. Er stößt auf ein kleines Haus unterhalb der Prager Burg. In diesem Haus führen drei ältere Damen ein geheimes Archiv. Der Kommissar stößt auf Akten und Augenzeugenberichte. Vom Zweiten Weltkrieg bis heute dokumentieren sie Tausende Fälle von Vergewaltigungen. Fälle, in denen die Vergewaltiger nicht belangt, nicht verfolgt wurden. Die Akten sprechen von den Qualen ihrer Opfer. "Ich wollte dieses große Thema zeigen, diesen Teil der Welt. Aber ich wollte das spannend schreiben, gegen alle Klischees: Warum immer die Hälfte der Menschheit als Bürger zweiter Kategorie gesehen werden."

Den Opfern eine Stimme geben

Seit ihrem Debüt im Jahr 1998 hat Radka Denemarková neun Romane veröffentlicht. Mit vielen hat sie kontroverse Diskussionen ausgelöst. Auch mit ihrem "Beitrag zur Geschichte der Freude", geschrieben Jahre vor der "me too"-Debatte. Eine ihrer Hauptfiguren, Ingrid, hat das Ghetto und die Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten überlebt. Nach dem Krieg trifft sie den Nazijäger Simon Wiesenthal in seinem Dokumentationszentrum in Wien. Sie fordert ihn auf, auch Vergewaltiger als Kriegsverbrecher einzustufen. Das ist der eigentliche Anfang von Denemarkovás Geschichte.

Der Roman "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" macht es den Lesern nicht leicht. Und: Er stellt Fragen: Wird der Familie der jungen Inderin, die nach einer Gruppenvergewaltigung starb, je Gerechtigkeit widerfahren? Werden die Kriminellen, die in Nordengland junge Frauen in die Prostitution zwingen, je für ihre Taten verurteilt werden? Oder ist Selbstjustiz die einzig mögliche Reaktion? Radka Denemarkovás Bücher zielen stets dorthin, wo es weh tut. Ich bin nicht der Arzt, sagte sie einmal. Ich bin der Schmerz: "Was für mich wichtig war - es ist die große Gruppe dieser Frauen und Opfer, die keine Stimme haben. Wir müssen nicht warten, dass jemand uns hilft. Wir müssen alle jetzt kämpfen, auch sachlich, auch kontrovers. Und wir müssen uns bemühen, dass sich die Gesetze in jedem Land ändern."

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Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková. In ihrem neuen Roman erzählt sie von der Gewalt gegen Frauen.

Einem ganz anderen Thema wendet sich der aus Budweis stammende Autor Jiří Hájíček zu. Sein Roman "Der Regenstab" führt uns in die tschechische Provinz und erzählt die Geschichte von Zbyněk Polecký. Polecký leidet an Schlaflosigkeit, arbeitet in einem Liegenschaftsamt, soll nach der politischen Wende wieder Volkseigentum in Privateigentum überführen und das Kataster aktualisieren. Was Hájíček aus diesem zunächst langweilig anmutenden Stoff macht, ist großartig.

Als Zbyněk Polecký von seiner Jugendliebe Bohuna in einer Erbangelegenheit um Hilfe gebeten wird, nimmt der Roman von Jiří Hájíček Fahrt auf. Bei seinen Recherchen stößt Zbyněk auf mafiöse Grundstücksgeschäfte in seinem und Bohunas Heimatdorf. Geradezu obsessiv versucht er die Schuldigen zu überführen. Und merkt nicht, dass er dabei nicht nur sich selbst zerstört. Er setzt auch die Beziehungen zu allen Menschen, die er liebt, aufs Spiel. Ein großer und berührend warmherziger Roman. Unter all den tschechischen Neuerscheinungen eine wahre Entdeckung.

Jáchym Topols Roman "Ein empfindsamer Mensch" ist, in der Übersetzung von Eva Profousová, bei Suhrkamp erschienen. Radka Denemarkovás Roman "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude", ebenfalls übersetzt von Eva Profousová, bei Hoffmann und Campe. Jiří Hájíčeks Roman "Der Regenstab" wurde, in der Übersetzung von Kristina Kallert, im Karl-Rauch-Verlag veröffentlicht.

Topol, Denemarková Hájíček gehören zur tschechischen Autoren-Delegation, die zur Leipziger Buchmesse kommt, im Rahmen des Programms "Ahoj Leipzig"

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Autor
  • Mirko Schwanitz
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