BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"Die Zerstörung": Eine Analyse der SPD-Krisenherde | BR24

© BR

Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda hat das Rezo-Video zum Anlass genommen um in seinem neuen Buch "Die Zerstörung" die Krise der Volksparteien zu analysieren: Er argumentiert gegen radikale Politik und für eine Werte-Orientierung.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Die Zerstörung": Eine Analyse der SPD-Krisenherde

Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda hat das Rezo-Video zum Anlass genommen um in seinem neuen Buch "Die Zerstörung" die Krise der Volksparteien zu analysieren: Er argumentiert gegen radikale Politik und für eine Werte-Orientierung.

Per Mail sharen
Teilen

"Zerstörung" – das harte Wort aus der Überschrift des aufsehenerregenden Rezo-Videos nimmt Carsten Brosda auf. Und – wie es sich für einen Kultursenator gehört – schlägt er erst einmal im Grimmschen Wörterbuch nach. Dort findet er die Bedeutung "etwas aus dem Zusammenhang bringen": "Und wenn man von der Seite ausgeht, habe ich schon das Gefühl, dass einiges aus dem Zusammenhang gebracht worden ist. Dass eine Gesellschaft, die über Jahrzehnte hinweg sehr nüchtern, sehr rational, sehr auf Probleme bedacht, die dann auch kleinteilig zu lösen, dass in dieser Gesellschaft einiges los, dass man sich eine grundsätzlichere Herangehensweise an Themen wünscht. Und wenn das so ist, dann müssen wir uns grundsätzlich Gedanken darüber machen und müssen die Zerstörung, die Rezo anspricht, dann auch mal nutzen, um die Fundamente dessen zu besichtigen, auf denen wir eigentlich unsere offene und freiheitliche Gesellschaft begründet haben."

Ist "radikal" das neue "realistisch"?

Nüchtern bleiben – darum geht’s! Brosda warnt seine Partei davor, allzu neidisch auf die Grünen und ihre momentanen Erfolge mit dem hochemotionalen Klima-Thema zu schielen. Wenn etwa Robert Habeck auf dem Parteitag sagt, radikal sei das neue realistisch, habe dieser Slogan doch nur eine geringe Halbwertszeit – nämlich bis nach den Wahlen. Carsten Brosda: "Enttäusche ich nicht die Wählerinnen und Wähler, denen ich einen Radikalität versprochen habe, die ich dann auch nicht liefern kann, weil ich ja nicht 50 Prozent mit dieser radikalen Position bekomme?"

Brosda wirbt für das Gespräch und den Kompromiss, der heute oft verächtlich gemacht wird. Dass es den menschengemachten Klimawandel gebe, sei klar, aber welche Konsequenzen man daraus ziehe, müsse doch das Ergebnis einer Diskussion sein. Es dürfe der SPD nicht um Milieupflege oder um das eine große Thema gehen, sondern um eine bestimmte Werte-Haltung: "Das muss das Angebot von Volksparteien sein, die sich ernsthaft so verstehen. Und ich hoffe, dass die SPD auf diesen Pfad zurückfindet, das als ihre Stärke zu begreifen. In Hamburg kann man sehen, dass das gelingen kann. Ich wünsche mir das auch im Bund wieder etwas mehr."

© picture alliance / dpa

Portrait Carsten Brosda

Statt eines ritualisierten Beschwörens der sozialen Gerechtigkeit, sollte die SPD grundsätzlicher werden und mit dem Stichwort "Solidarität" das große Thema des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu dem ihren machen. Und gestalten. Regieren. Ja, auch in der Großen Koalition. Carsten Brosda: "Ich glaube fest daran, dass wir durch erfolgreiches Regierungshandeln zeigen können, wie eine Partei das Leben verbessern kann. Da macht die Große Koalition im Bund sozialdemokratisch geprägt eigentlich viel mehr gute Politik, als man das wahrnehmen kann, weil wir ganz gut darin sind, die Leute auf unseren Händel zu orientieren. Ich hoffe, dass die SPD zu einer zuversichtlichen Kraft wird und nicht zu einer Kraft der schlechten Laune – davon haben wir schon genug im Land."

Vielleicht der neue Peter Glotz

Keine Überraschung ist es, dass Brosda im Rennen um den SPD-Parteivorsitz seinen ehemaligen Chef in Hamburg Olaf Scholz unterstützt. Brosdas Debattenbuch hat nicht die Hitze einer Kevin-Kühnert-Thesensammlung. Unaufgeregt und klug analysiert er die Krisenherde in der Gesellschaft und seiner Partei. Das Ganze mit Worten wie "luzide" oder "imprägniert". Man muss wissen: Der spricht wirklich so. Brosda ist ohne Frage einer der Intellektuellen in der SPD – vielleicht der neue Peter Glotz, den er im Buch gleich mehrfach zitiert.

"Leidenschaftliche demokratische Politik ist möglich"

Brosda hat in Hamburg längst die Reputation, aus Grußworten bei kleinsten Ausstellungseröffnungen Grundsatzreden über den gesellschaftlichen Zusammenhalt erwachsen zu lassen. Bruckner-Sinfonien habe er beim Schreiben des Buches gehört, sagt er: "Es ist kein Buch, dass man im Freibad eben mal schnell wegliest. Das habe ich mir zumindest sagen lassen. Das kann man aber auch, ich habe auch ein Faible für lange Sätze, aber es ist auch kein wahnsinnig schwieriges Buch. Es ist ein Versuch, einmal die gerade Schneise durch diese politische Landschaft zu schlagen, und ich hoffe, all denen ein Angebot zu machen, die das Gefühl haben, es ist einiges aus dem Zusammenhang gebracht, und wie kriegen wir das wieder zusammen, dass die ganze Veranstaltung noch Sinn macht und das leidenschaftliche demokratische Politik für eine offene Gesellschaft möglich ist. Daran glaube ich fest."

© Hoffmann und Campe Verlag

Buchcover "Die Zerstörung" von Carsten Brosda

"Die Zerstörung. Warum wir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt streiten müssen" von Carsten Brosda ist bei Hoffmann & Campe (Hamburg 2019 ) erscheinen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Hörspiele, Krimis, Kinder-Angebote, Features, Dokumentationen, Gespräche und vieles mehr finden Sie in der ARD Audiothek.