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"Heimkehr": Roman von einem, der selbst im Wald gelebt hat | BR24

© Audio: BR; Bild: pa/dpa

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"Heimkehr": Roman von einem, der selbst im Wald gelebt hat

Seine Reiseerfahrungen, schrieb der Spiegel, "gehören zum Besten, was in den letzten Jahren in deutscher Sprache erschienen ist". Im neuen Roman "Heimkehr" begibt sich Wolfgang Büscher in den Wald seiner Kindheit – eine Welt abseits des Lärms.

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Die Deutschen und der Wald – dieses Thema füllt viele Regale. Das Verhältnis muss innig sein, sonst hätte sich kaum ein baumliebender Oberförster wie Peter Wohlleben hierzulande zum Bestseller-Autor mausern können. Auch der aus Japan kommende Trend des Waldbadens findet bei uns viele Nachahmer. Es wird eine andere Form von Waldeslust gewesen sein, die den vielfach preisgekrönten Autor Wolfgang Büscher anwandelte, so dass er beschloss, für eine längere Zeit im Wald zu leben. Wolfgang Büscher, bekannt geworden durch seine Bestseller "Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß" sowie "Deutschland. Eine Reise" und viele weitere Bücher, für die sich dieser Reporter und Fernwanderer auch durch Japan und Nordamerika bewegte, hat also ein neues Buch vorgelegt. Es heißt "Heimkehr". Knut Cordsen hat mit Wolfgang Büscher gesprochen.

Knut Cordsen: Ich gebe es gleich offen zu, ich bin nicht nur ein großer Fan Ihrer Bücher, ich bin auch ein großer Freund des Waldes. Es gab für mich als Kind nichts Schöneres als durch den Wald zu den Großeltern zu stromern. Das muss bei Ihnen ganz ähnlich gewesen sein, wenn mich nicht alles täuscht, Sie lieben den Wald auch schon lang.

Wolfgang Büscher: Ja, ich bin ja so ein bisschen im Wald aufgewachsen, zumindest sehr in der Nähe. Das war damals so: Unser Haus stand am Ortsrand, und man musste eigentlich nur aus der Pforte rennen und ein bisschen über die Felder und dann war man im Wald. Und das war – jedenfalls in der warmen Jahreszeit – tatsächlich auch eine Lieblingsbeschäftigung von uns als Achtjährige, Zehnjährige, Elfjährige, Zwölfjährige.

Das Wort "Waldfreiheit" fällt bei Ihnen mehrmals. Sie haben als "waldfreier Mann" Holz hackend, Feuer machend und Wildschweine sowie Rehe beobachtend für längere Zeit in einer Jagdhütte im Wald gelebt. Das ist normalerweise ein Jungens-Traum, aber Sie werden im kommenden Jahr 70 Jahre alt. Was hat Sie in den Wald gezogen?

Ich könnte jetzt sagen, dass ich endlich das realisieren wollte, was ich als Junge nicht so richtig durfte, denn unser Feind war ja der Förster. Wir haben wunderbare Pläne gehabt: Wir wollten Palisaden-Zäune bauen, und wir wollten Baumhäuser bauen, wir wollten natürlich jede Menge Hütten bauen. Wir waren damals auch schon recht fortgeschritten in diesen Bauarbeiten, als dann der Förster kam mit seinen Gehilfen und der hat alles kurz und klein gehauen. Wir sind also nie fertig geworden mit diesen "Waldfreiheits"-Plänen. Jetzt habe ich es geschafft. Ich habe die Hütte zwar nicht selber gebaut, aber die Besitzer der Jagdhütte waren so freundlich, mich da rein zu lassen.

© Rowohlt Berlin

Umschlag des neuen Romans "Heimkehr" von Wolfgang Büscher

Sie erzählen das in Ihrem Buch so, als befänden wir uns in einer Art Märchenwald. Da gibt es einen Erbprinzen, der Ihnen gestattet, sich in seiner Jagdhütte einzuquartieren, da gibt es ein Fürstentum, ein barockes Residenzschloss und einen Förster, und irgendwann wird dann aber klar: Das ist natürlich gar kein Märchenwald: Da gibt es eine massive Borkenkäferplage, die ein regelrechtes Waldsterben nach sich zieht. Dieser Wald hat auch einiges mit deutscher Geschichte zu tun. Um welchen real existenten Wald konkret es sich handelt, kann man dann zwischen den Zeilen herauslesen: Es ist der Wald im ehemaligen Fürstentum und Freistaat Waldeck in Nordhessen, und das ist ganz in der Nähe Ihrer Heimat, Ihres Geburtsortes, oder?

Ja, ich nenne im Buch keine Namen. Das hat zwei Gründe. Erstens sollen die ganzen, zum Teil sehr wunderbaren Menschen, mit denen ich zu tun hatte und die in dem Buch auftauchen, ihre Wahlfreiheit haben, die darin besteht, zu sagen: Das hat sich der Büscher alles ausgesponnen! Das bin gar nicht ich. Und zweitens wollte ich nicht in so eine, wie soll ich sagen, Stadtschreiber oder Waldschreiber-Rolle reinwachsen, sondern das soll schon ein Ort sein, der dort ist, aber auch woanders sein könnte.

Die Fürstenfamilie hat innerhalb des großen Waldes ihren eigenen eingezäunten "Privatwald". Wie hat man sich das vorzustellen, den dürfen dann nur Familienangehörige betreten?

Der alte Fürst hat gut verhandelt. In den frühen Zwanzigerjahren hat er noch Hof gehalten. Als seinerzeit der Arbeiter- und Soldaten-Rat der Industriestadt in der Gegend bei ihm vorstellig wurde und sagte, es sei jetzt mal Zeit, abzudanken, da hat er nur erwidert, das falle ihm im Traum nicht ein. Wenn es jemanden gebe, der ihn dazu bewegen könnte, dann sei das sein Volk, und das denke nicht daran, so etwas zu tun. Sie sollten wieder gehen. Er hat dann heraus gehandelt, dass ihm ein doch beträchtlicher Waldbesitz bleibt. Der riesengroße Löwenanteil zwar nicht, aber doch immer noch ein sehr großer Anteil. Und ein Teil dieses Waldes wiederum ist dieser sogenannte Privatwald, und der ist extra eingezäunt.

In dem Wald, den Sie da monatelang durchstreift haben, gibt es auch einen Friedhof, einen Urnenwald, 1.500 Urnen lagern da anonym, so erfahren Sie: ein Bestattungstrend, der noch relativ neu ist und der zeigt, dass die Liebe zum Wald über den Tod hinaus geht. Der Tod ist in Ihrem Buch auch allgegenwärtig, weil Ihre Mutter stirbt in dem Jahr, das Sie im Wald verbringen. Sie liegt im Sterben, Sie besuchen Sie und Sie bringen ihr den Wald mit in ihr stilles Zimmer. Und über den Geruch des Waldes, der in ihren Kleidern hängt, stellt sich fern aller Sprache eine Verbindung her, richtig?

Ja, das ist zumindest meine Hoffnung. Es war ein längeres Sterben, und ich bin sehr oft dagewesen, sehr oft bei ihr gesessen, und es kam dann einfach die Zeit, als die Sprache versiegt ist und keine verbale Verständigung mehr möglich war. Ich habe aber gespürt, dass sie mich wahrnimmt, dass sie weiß, dass ich da bin, und ich hoffe, dass ein bisschen Wald-Geruch auch in ihre Nase gekommen ist.

Das ganze Buch ist ja eine Wiederbegegnung Ihrer Person mit Ihrem früheren Ich, so könnte man sagen, ein Rencontre mit Ihrer Kindheit, auch mit eigenen Familien-Erinnerungen, Erinnerungen daran, dass Sie ohne Vater groß geworden sind. Das Ganze geht weit über den Wald hinaus.

Ja, das ist schon erstaunlich, wenn man so sieht, wer man alles mal gewesen ist. Diese Idee der Identität, der ein für alle Mal mit sich identischen Person, die finde ich doch etwas wackelig und fragwürdig. Natürlich gibt es so etwas wie eine Identität und Charakterzüge, die bleiben. Auch eine ganze Welt von Erinnerungen, die bleiben und so weiter. Und doch war es so, dass ich mich doch sehr stark konfrontiert sah in dieser Zeit mit dem Jungen, der ich damals gewesen war, weil ich auch auf Dinge aus meiner Kindheit gestoßen bin. Ich zog in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, eine Schublade auf, die im Grunde meine komplette späte Kindheit und frühe Jugend enthielt. Das ist schon eigenartig. Man ist es, und man ist es auch wiederum nicht. Und man hat dann so eine Art zärtliches Verhältnis zu diesem jungen Mann, der man einmal gewesen ist. Man weiß, wie das Spiel ausgegangen ist, wie die Dinge ausgegangen sind. Das wusste der Junge damals noch nicht. Der war voller Träume, Hoffnungen, Gedanken, Ängste – mehr Hoffnungen als Ängste –, was da so alles kommt. Ja, das ist seltsam.

Es gibt in Ihrem Buch einige Randbemerkungen zu gewissen Reflexmustern, die es heutzutage oft gibt, wenn andere Menschen das Leben eines Ihnen fremden Menschen beurteilen und anderer Leute Sprechweisen sanktionieren wollen: Da schreiben Sie von einer "Jury der Jetztzeit", die gewisse Lebensentscheidungen anderer Menschen nicht mehr bereit ist, hinzunehmen, sondern dazu neigt, sie zu verurteilen und ein Verdikt über andere zu fällen. Es geht bei Ihnen auch darum, dass Sie noch in einer Zeit aufgewachsen sind, in der es einem fernlag, "Sprachregelungen oder obligate Denkweisen zu verhängen". Das sind nur Marginalien in ihrem Buch, aber doch solche, die da mit Bedacht platziert sind. Sehen Sie da einen Wandel womöglich auch in dem Wald, den Sie als Zeitungsreporter am besten kennen, im deutschen Blätterwald?

Ja, ich sehe das natürlich. Das ist ja im Moment auch ein großes Thema. Es hat diese Erklärung von amerikanischen und auch einigen internationalen Autoren und Akademikern gegeben neulich, die sich gegen das, was Sie gerade beschrieben haben, wendet. Es ist ein Thema, auch hier in Deutschland. Und natürlich ist man in meinem Beruf, dem Zeitungsberuf damit konfrontiert. Ich mag das gar nicht. Ich finde, wenn wir zum Beispiel über Geschichte reden, dann gibt so etwas wie eine historische Höflichkeit. Das heißt, wenn ich mich beschäftige, zum Beispiel mit den zwanziger Jahren oder mit der Kaiserzeit oder noch ferneren Zeiten, dann muss ich schon zunächst einmal diese Zeit und diese Leute als das nehmen, was sie sind und wie sie waren. Und natürlich kann ich mir in gewisser Weise mein Urteil bilden über bestimmte Dinge. Aber dieses rotzige und grobschlächtige Hergehen, Menschen im Nachhinein sozusagen vor ein Tribunal zu zerren und von heute aus alles abzuurteilen, das liegt mir wirklich sehr fern, und das verabscheue ich von Herzen.

Wolfgang Büschers Buch "Heimkehr" ist bei Rowohlt Berlin erschienen für 22 Euro.

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