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Bildrechte: Pluto Films

Von Scheitern des Selbstbetrugs: Der Film "All The Pretty Little Horses" des griechischen Regisseurs Michalis Konstantatos

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Die Villa der Anderen: Der Film "All The Pretty Little Horses"

Geborgte Existenz: Der Film "All The Pretty Little Horses" erzählt von den Verwerfungen der griechischen Gesellschaft nach der Finanzkrise. Im Mittelpunkt: Eine Familie, die alles verloren hat – und nur in der Lüge ihr altes Leben wiederfindet.

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Von
  • Moritz Holfelder

Pedros arbeitet im Garten, spielt ein bisschen mit dem Hund, mäht den Rasen. Im Hintergrund schimmert der Pool. Seine Frau Aliki ist derweil in den nahen Hügeln unterwegs. Als sie zurückkommt, küsst sie ihren Mann in den Nacken. Dann steht sie im ersten Stock vor dem riesigen Panoramafenster und schaut ihm beim Arbeiten zu. Später verlassen die beiden das wunderschön auf einem Hügel gelegene Haus – und als das Paar in einen mausgrauen Kleinwagen steigt, der gar nicht zu dieser Villa passt, ist man als Zuschauer irritiert. Schon zum zweiten Mal. Das erste Mal geschah es, als man Aliki gleich zu Beginn weinen hörte, in der Landschaft mit dem weiten Blick. Warum? Nun ist die Antwort klar: Die beiden wohnen hier gar nicht. Pedros kümmert sich nur als Hausangestellter um den Garten. Seine Frau hat ihn begleitet.

Parallelen zum Oscar-Gewinner "Parasite"

"All The Pretty Little Horses" erinnert an den letztjährigen Oscargewinner aus Südkorea: "Parasite" von Bong Joon-ho. Die Parallelen sind allerdings zufällig. In der südkoreanischen Satire übernahm eine vierköpfige Familie, die als Dienstboten angeheuert hatten, hinterhältig die Villa ihrer Arbeitgeber.

Der griechische Regisseur Michalis Konstantatos inszeniert das beiläufiger, treibt die Handlung nicht ins Groteske. Aliki und Pedros können sich in der Sommerresidenz der reichen Besitzerin vormachen, ihr Leben wäre weitergegangen, wie es einmal war. Sie hatten gute Jobs in Athen – sie als Ärztin, er als Banker. Durch einen ärztlichen Fehler und die Wirtschaftskrise haben sie alles verloren: die Arbeit, die teure Stadtwohnung, den privilegierten Status, die Freunde. Sie ziehen mit ihrem kleinen Sohn weg aus Athen und mieten sich in einer Küstenstadt eine billige Bleibe. Zwischen Gelegenheitsjobs und ihrem tristen Alltag erscheint die Illusion der Rückkehr ins alte Leben verführerisch.

Fast wie im alten Leben – aber zum Preis der Lüge

Einmal laden die beiden sogar Freunde, die sie zufällig im Supermarkt treffen, in das luxuriöse Anwesen, das ihnen nicht gehört, ein – zum Abendessen. Die Freunde sind begeistert von dem Haus – die vorgeblichen Besitzer dauernd besorgt, ob der Schwindel nicht auffliegt. Diese untergründige Spannung entlädt sich nie. Wird noch verstärkt durch die minimalistische Kameraführung mit langen Einstellungen, mit oft strengen starren Bildausschnitten, in denen die Protagonisten wie gefangen wirken.

Hauptdarstellerin Yota Argyropoulou spielt das unterkühlt mit einer großartigen Mischung aus Verzagtheit und Wut. Sie tut so, als würde sie immer noch dazugehören, will das Schicksal zwingen – kleidet sich elegant, trägt die teuren Gewänder von früher, ist andererseits immer besorgt, ihr kleiner Sohn könnte im fremden Haus etwas kaputt machen, was sich nicht mehr reparieren ließe.

Ungewissheit bis zum Schluss

Der Schwindel der geborgten Existenz lässt das Paar allmählich den Boden unter den Füßen verlieren. Sie fangen an, sich gegenseitig nicht mehr zu vertrauen. Wirken gereizt. Streiten sich. Regisseur Michalis Konstantatos inszeniert das mit raffinierter Uneindeutigkeit. Nie weiß man, wie die Geschichte weitergeht, weitergehen könnte. Als die Hausbesitzerin unerwartet auftaucht, scheint vieles möglich: Wird Pedros sie umbringen? Beginnt er ein Verhältnis mit ihr? Oder passiert gar nichts? Diese stete Ungewissheit trägt den Film bis zum Schluss.

Das griechische Filmdrama "All The Pretty Little Horses" ist als VoD auf Amazon Prime verfügbar.

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