| BR24

 
 

Bild

Ausstellungsplakat Verfolgung der Zeugen Jehovas
© NS-Dokumentationszentrum München

Autoren

Antje Dechert
© NS-Dokumentationszentrum München

Ausstellungsplakat Verfolgung der Zeugen Jehovas

Sie verteilen ihre Zeitschrift „Der Wachtturm“ in Fußgängerzonen. Und klingeln bei jedem Wetter an Haustüren, um für ihren Glauben zu werben: Die Zeugen Jehovas. Wegen ihres exklusiven Anspruchs, die einzig wahre christliche Lehre zu vertreten, stehen sie oft in der Kritik.

Widerstand gegen die NS-Herrschaft

Wie man die Gemeinschaft auch bewertet – unzweifelhaft ist, dass sich die Zeugen Jehovas zur Zeit des Nationalsozialismus etwas trauten, wozu die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht im Stande war: nämlich Widerstand zu leisten. Zu keinem Zeitpunkt haben die Zeugen Jehovas die Nazi-Herrschaft mitgetragen. Viele kostete das ihr Leben.

Mit 11 Jahren in ein katholisches Kinderheim

"Ich habe in der Schule nicht mit ‚Heil Hitler’ gegrüßt, habe die Fahne nicht gegrüßt, bin nicht zur Hitlerjugend gegangen. Dann hat man mich meinen Eltern weggenommen", erinnert sich Hermine Liska.

Die 88-Jährige ist eigens zur Ausstellungseröffnung aus Graz nach München gekommen. 1942 entzogen die Nationalsozialisten ihren Eltern das Sorgerecht für die Elfjährige – weil die Familie der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörten.

Hermine, damals hieß sie noch Obweger, kam zunächst in ein Umerziehungslager in ihrer Heimatregion, Kärnten, und dann in ein katholisches Kinderheim in München. "Als ich hier ins Adelgundenheim kam, hat man mir die Zöpfe abgeschnitten. Und ich wusste nicht warum. Und dann hat mir eine Lehrerin gesagt: Das ist das Zeichen, dass Du schwer erziehbar bist."

Nationalsozialisten empfanden sie als Bedrohung

Hermine Liskas Geschichte ist eines von vielen berührenden Schicksalen, mit denen das Münchner NS-Dokumentationszentrum derzeit an die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus erinnert.

Obwohl die Gemeinschaft damals in ganz Deutschland nur 25 000 Mitglieder hatte, galt den Zeugen Jehovas von Anfang an die Kampfansage der Nationalsozialisten, erklärt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München: „Das hatte damit zu tun, dass sie den Nationalsozialisten als eine internationale Organisation besonders bedrohlich erschienen. Man hat verbreitet, dass die Zeugen Jehovas von einem internationalen Weltjudentum finanziert wurden, was natürlich alles nicht stimmte.“

Erste verbotene Glaubensgemeinschaft

Die Zeugen Jehovas stellten ihren Gott und seine Gebote über Hitler und den NS-Staat. Sie lehnten den Hitler-Kult ab, schickten ihre Kinder nicht zur Hitlerjugend, traten nicht in die NS-Organisationen ein und gerieten so in scharfen Gegensatz zu einem Regime, das seinen Bürgern unbedingte Gefolgschaft abverlangte.

Die Zeugen Jehovas waren dann nach der Machtübernahme Adolf Hitlers, 1933, die erste Glaubensgemeinschaft, die verboten wurde.

"Die Glaubensgemeinschaft hat dann versucht wieder zugelassen zu werden, wie andere Glaubensgemeinschaften sich mit dem Regime zu arrangieren. Das hat nicht geklappt und dadurch war man praktisch durch die Religionsausübung im Widerstand" Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München

Die Zeugen Jehovas versammelten sich weiter. Sie missionierten, druckten im Untergrund ihre Zeitschrift „Der Wachtturm“ und organisierten sogar größere Protestaktionen.

"Zu den spektakulären Aktionen gehörten beispielsweise 1936 und 1937 reichsweit durchgeführte Flugblattaktionen, mit denen sie die Bevölkerung über ihre Verfolgung und den antichristlichen Charakter des Hitlerregimes aufzuklären versuchten", sagt der Hamburger Historiker Detlef Garbe, der die Geschichte der Zeugen Jehovas im so genannten Dritten Reich erstmals umfassend erforscht und aufgearbeitet hat.

Der Widerstand kostete viele das Leben

Die Widerstandsaktionen der Glaubensgemeinschaft führten zu verschärfter Verfolgung. Mehr als 10.000 Anhänger waren davon betroffen. Auch weil sie den Kriegsdienst verweigerten, wurden hunderte Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern inhaftiert oder zum Tod verurteilt.

Diese NS-Verbrechen führten nach dem Krieg dazu, dass die Bundesrepublik das Recht auf Wehrdienstverweigerung im Grundgesetz verankerte.

Einstehen für seine religiösen Wurzeln

Der Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus war kein politischer. Er war religiös motiviert, was die Courage von Menschen wie Hermine Liska nicht schmälert. Sie selbst ist nach wie vor als Zeitzeugin aktiv und erzählt ihre Geschichte an Schulen und Universitäten.

Das Verfolgungsschicksal der Zeugen Jehovas geriet erst vergleichsweise spät in den Blick der Öffentlichkeit. "Das geringe Interesse war in diesem Fall sicherlich auch dadurch gegeben, dass den Zeugen Jehovas in großen Teilen der Gesellschaft aufgrund ihrer besonderen Glaubenslehre mit Vorbehalten begegnet wird", sagt der Historiker Detlef Garbe.

Das Münchner NS-Dokumentationszentrum würdigt nun den lang vergessenen Widerstand der Zeugen Jehovas.

Hermine Liska

Hermine Liska