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Die USA zwischen Punk und Trump | BR24

© Picture Alliance / Michael Weber

In ihrem Roman schreibt Nell Zink auch über den 11. September, den Anschlag auf die Twin Towers in New York.

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    Die USA zwischen Punk und Trump

    In ihrem neuen 500-Seiten-Roman porträtiert Nell Zink, die US-Amerikanerin in Deutschland, ihr Herkunftsland. Genügend Raum für Exkurse zum Ende des Kalten Krieges und tiefe Einblicke in die jüngere Gegenwart. Wild, bunt, klug und höchst ironisch.

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    Nell Zink ist ein Phänomen: Mit 50 Jahren Debütantin, galt sie sogleich als Shootingstar der Literaturszene in den USA und Deutschland. Ihr Erstling "The Wallcreeper", auf Deutsch "Der Mauerläufer", schaffte es unter die "hundred notable books 2014" der New York Times. Ein Mauerläufer, ein kleiner Singvogel, ist Auslöser für diesen klugen, gewitzten, melancholischen Umwelt-, Ehe-, Selbstfindungsroman von erfrischend heiterer Lässigkeit, und zugleich stilistisch so versiert, dass manche witterten, der Name Nell Zink sei ein Pseudonym für Jonathan Franzen. Tatsächlich war der US-amerikanische Bestseller-Autor ein Geburtshelfer ihres Erfolgs: "Ohne ihn hätte es mich trotzdem als Schriftstellerin gegeben, nicht aber als veröffentlichte Autorin", sagt Nell Zink. Mit Jonathan Franzen teilt sie die Liebe zu Vögeln, die Sympathie für Deutschland, auch die deutsche Verlagsadresse Rowohlt, keineswegs aber das literarische Konzept.

    Auf "Der Mauerläufer" folgten, auch auf Deutsch, zwei weitere Romane: "Virginia", ein amerikanisches Frauenleben samt antirassistischem Schwarz-Weiß-Täuschungsmanöver, und "Nikotin", worin Penny unter Hausbesetzern im eigenen Haus eine neue Gemeinschaft findet.

    Eine bunte psychedelische Party mit lauter schrägen Typen

    Und nun "Das Hohe Lied", das vor einem Jahr als "Doxology" im Original erschien. Und wieder zeichnet der Roman ein facettenreiches Gesellschaftspanorama der USA, von innen heraus erzählt, mit Gespür für Milieus, politischem Verstand, messerscharfer Ironie und pointenreichen Dialogen. Ein Feuerwerk.

    Wenn es wahr ist, was Nell Zink dem Guardian erzählte, dann sah ein Freund, ein Schamane, in ihrem Kopf eine bunte psychedelische Party mit lauter schrägen Typen, und so ist auch "Das Hohe Lied": Ein wilder, bunter und – der unkonventionellen Figuren wegen – ungewöhnlicher Familienroman mit reichlich Zeitkolorit, der viel vom urbanen Leben in New York und Washington spiegelt – und vom Geist des Landes. Im Zentrum: Pam, Daniel und Joe, die als Punkmusiker fröhlich scheitern. Später wird Joe zum Rockstar, Daniel Musik-Verleger, Pam reüssiert in der IT-Branche und noch viel später engagiert sich ihre Tochter Flora bei den Grünen. Die Kulisse ist ebenso vielseitig: die Musikszene der 1990er Jahre, die Golfkriege und der 11. September, der Börsen-Crash und die wirtschaftliche Depression, die Umweltbewegung und Trump im Wahlkampf 2016.

    © picture alliance / Photoshot

    Ein Foto von Nell Zink auf dem Edinburgh International Book Festival

    Mit scheinbar leichter Hand skizziert Nell Zink in knappen politischen Exkursen den gesellschaftspolitischen Rahmen: "Nach 1989 gab es in den USA die Vorstellung, dass es eine Friedensdividende geben würde. Jetzt sind die bösen Russen und die Kommunisten besiegt, und ab jetzt gibt es nur Friede, Freude, Eierkuchen, Honigkuchenpferde und Geld für Soziales, für Kultur, für die Kunst, auch in den USA. Bald danach kam der 11. September, seitdem gibt es 'forever wars', ewige Kriege. Krieg gegen den Terror muss ja nie aufhören."

    Ein Roman ohne Politik ist für die US-Amerikanerin undenkbar, aber wichtiger noch sind die Befindlichkeiten der Menschen. Wie im Jazz die Musiker wechselweise Soli spielen, fokussiert Nell Zink in ihrem Gruppenbild abwechselnd einzelne Figuren und beleuchtet damit immer andere Milieus: mit Superhirn Pam die IT- und Start-Up-Branche, mit Pams Eltern das pietistische Amerika, mit Daniel die Immobilienblase, mit Joe die Rock- und Drogenszene. Joe stirbt am 11. September, aber nicht in der nationalen Katastrophe des Attentats auf das World Trade Center, sondern allein: an einer Überdosis, unverschuldet, tragisch. Das persönliche Erleben ist so wichtig wie das politische. Biblische Motive tauchen schon im Titel auf, denn ohne Religion seien die USA nicht zu denken, sagt Nell Zink.

    Fulminant wird der Roman mit dem Auftritt von Bull Gooch, dem dandyhaften, 47-jährigen politischen Akteur, mit dem Tochter Flora eine Beziehung beginnt. Wie der Wahlkampf-Stratege die Demokraten 2016 vor dem Kandidaten Donald J. Trump warnt, wie er ihnen ein unmoralisches Angebot macht, ist einer der Höhepunkte des Romans.

    Vergnüglichen Generationen-Porträt mit überraschend versöhnlichem Ende

    Sie wollte, sagt die Schriftstellerin, mit diesem Roman eine Veränderung in den USA zeigen: von der noch "unschuldigen" eigenen Generation, der alle Möglichkeiten offenstanden, die sich für die Kunst entscheiden konnten, zu den heute Zwanzig-, Dreißigjährigen, die zwischen Social Media und Terrorbekämpfung alles politisch erleben.

    Nell Zink, 1964 in Kalifornien geboren und in Virginia aufgewachsen, lebte in New York und Tel Aviv und wohnt seit zwanzig Jahren in Deutschland, inzwischen im brandenburgischen Bad Belzig. Ihr Blick aus der Distanz zeichnet die USA umso klarer. Ihr literarisches Talent macht "Das Hohe Lied" zum autobiografisch grundierten, stilistisch virtuosen, kenntnisreichen, erhellenden und vergnüglichen Generationen-Porträt mit lakonischem Sound, klugem Witz und überraschend versöhnlichem Ende. In der Realität rechnet sie bei der US-Wahl im November mit allem, auch damit, dass vernünftige Mittelständler wieder Trump wählen: "Vernünftige Menschen, Mittelständler, wissen vor allem eines, sie wollen weniger Steuern zahlen, und wenn man das will, muss man Republikaner wählen. Punkt. Das ist die traurige Wahrheit."

    © Cover: Rowohlt / Collage: BR

    Das Cover von Nell Zinks neuem Roman: "Das Hohe Lied"

    "Das Hohe Lied" von Nell Zink ist in der Übersetzung von Tobias Schnettler bei Rowohlt erschienen.

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