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Mehr als 600 Seiten Lesespaß: "Die Unverhofften" von Christoph Nußbaumeder

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Darum ist Christoph Nußbaumeders Roman ein echtes Vergnügen

"Die Unverhofften" ist der erste Roman des preisgekrönten Dramatikers Christoph Nußbaumeder. Die Familiensaga erzählt von Liebe, Verrat und dem unstillbare Bedürfnis des Menschen nach Anerkennung: eine Chronik der Gefühle und vertanen Chancen.

Von
Stephanie MetzgerStephanie Metzger
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Eigen und doch so bedürftig nach Anerkennung ist der Menschenschlag von Eisenstein, diesem Dorf im Bayerischen Wald, äußerste Provinz an der Grenze zu Tschechien, mit Tradition in Eisenabbau, Glasfabrikation und Forstwirtschaft. Skeptische Zeitgenossen sind sie, die ihre Geschichte und Geschichten – Mythen, Legenden, Schicksalsdramen – über Generationen mit sich tragen. Und dennoch oder gerade deshalb voller Drang, auszubrechen aus starren Zuständen, historischen Kreisläufen, persönlichen Verwerfungen. Mit der Landschaft urwüchsig verwachsene Menschen, die dennoch rebellieren. Die Hauptfiguren in Christoph Nußbaumeders Roman "Die Unverhofften" marschieren aus dieser Zeit und aus dieser Gegend raus, erklärt der Autor: "Und die nehmen da schon was mit, auch so eine Art von Minderwertigkeitskomplex, irgendwo auch so einen Zwang, es den anderen beweisen zu müssen, weil man eben aus der hintersten Provinz kommt. Und ja, das ist eben ambivalent, es hat was Widerständiges, aber auch was Stures."

Eine so verschlungene wie exemplarische Saga

Maria und Siegmund, Erna und Josef, Gerlinde und Georg heißen die Figuren zwischen Trotz und Tradition, denen Christoph Nussbaumeder in seinem Epos durch die Jahrzehnte folgt. Beginnend an der Wende zum 20. Jahrhundert mit Maria, die nach der Vergewaltigung durch den Glasfabrikanten Siegmund Hufnagel Rache übt, die Fabrik in Brand setzt und flieht. Sie bekommt ein Kind, Erna. Diese strandet wiederum später als Geflüchtete erneut in Eisenstein, schiebt dem Gutsherren Josef Hufnagel ein Kind unter: Georg, dessen Vater eigentlich ein KZ-Überlebender ist. Eine fatale Lüge, die im weiteren Verlauf der Liebe von Georg zu seiner vermeintlichen Halbschwester Gerlinde ein jähes Ende setzt. Als Gerlinde erfährt, dass Georg gar nicht ihr Bruder ist, ist es zu spät. Die Nachwirkungen dieser "Ursünde" von Erna spannen sich weiter über die Jahre. Ein Netz der Verfehlungen und der verpassten Chancen, in das irgendwann alle eingesponnen sind. Auch Georg, der eigentliche Protagonist des Romans:

"Er dagegen war zu schwach gewesen für die Wahrheit, und so blieb die Erkenntnis, mit seiner eigenen Feigheit an der Lüge mitgestrickt zu haben und ein Komplize der Schweigegeschichte geworden zu sein. Georg fühlte sich überwältigt von Scham und Selbstverachtung. Tränen liefen ihm über die Wangen. Die Welt, dachte er, ist in Wasser geschrieben, und das, was Schicksal genannt wird, ist nichts weiter als der Alptraum gutgläubiger Menschen." – Zitat aus: "Die Unverhofften"
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Eigentlich hätte es eine klassische Lesung werden sollen: an einem mystischen Ort, hinter dicken Burgmauern. Eine Kulisse wie geschaffen für den Stoff von Christoph Nußbaumeders Roman "Die Unverhofften". Doch dann kam Corona und so die Burg ins Haus.

Christoph Nußbaumeder erzählt in "Die Unverhofften" eine so verschlungene wie exemplarische Saga um die Familien Hufnagel und Schatzschneider. Dass sein Generationenroman dabei nicht ins Rührstück oder Klischee abrutscht, gelingt ihm, weil er diese Saga einbindet in äußerst genaue und kenntnisreiche Schilderungen deutscher Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Mit dem Weg Georg Schatzschneiders vom Arbeiter zum ehrgeizigen Leiter eines Sägewerks bis hin zum narzisstischen Immobilienspekulanten erzählt er ein Aufsteigerepos, das am Ende sogar eine Wendung zum Guten nimmt. Als Georgs große Liebe Gerlinde vereinsamt und verarmt stirbt, findet der eitle Emporkömmling zu nachhaltigem Wirtschaften zurück. Georg, ein Eisensteiner, der sich im Lieben zwar schwertut, es aber letztlich nicht lassen kann: "Gleichzeitig ist er auch, um ihn mal zu verteidigen, ein großer Liebender", so Nußbaumeder über seine Figur.

Ein Buch, ein Motto: "Nichts hält uns zuliebe an"

Es ist ein Vergnügen wie Nußbaumeder über mehr als 600 Seiten in sieben "Büchern" – für jede Dekade eines – das richtige Maß findet zwischen zugkräftiger Dramaturgie, plastischen Figuren – deren Erfindung er nicht müde wird – lebendigen Dialogen, historischen und literarischen Beschreibungen. Immer dann, wenn eine Nebenfigur allzu sehr zum Ideenträger werden könnte, bindet Nußbaumeder sie zurück an seine Protagonisten. Wenn der sachlich auktoriale Erzähler in spröde Didaktik über historische Zusammenhänge abzugleiten droht, weiß der Autor gegenzusteuern durch Introspektionen, Rückblenden, surreale Momente, überraschende Volten. Und wo Letztere bemüht wirken könnten gliedern sie sich doch schlüssig ein in die Grundkonstruktion des Romans: Das Individuum im Kampf mit und um seinen Platz in der Geschichte.

Er selbst wolle sich als Erzähler aber gar nicht festlegen, was die richtige Betrachtung von Geschichte ist. "Das ist eben so ein Pendel zwischen den großen Gedankenentwürfen des letzten Jahrhunderts und immer wieder auch dem persönlichen Schicksal. Als Einzelner ist man natürlich geprägt durch die Zeit und die Kontexte und dennoch passieren so viele kleine Dinge, die auf so ein Menschenschicksal irrsinnige Einflüsse ausübt."

"Nichts hält uns zuliebe an": Diesen Satz von Blaise Pascal hat Christoph Nußbaumeder als Motto seinem Roman vorangestellt. Die Zeitläufte mögen unerbittlich und ohne Liebe sein, die Menschen aber, davon erzählt "Die Unverhofften", können und müssen es.

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften. Suhrkamp, 668 Seiten.

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Die Zeitläufte mögen unerbittlich und ohne Liebe sein, die Menschen aber können es. Davon erzählt der Roman mit dem Titel: "Die Unverhofften". Es ist das erste Werk des preisgekrönten Theater-Machers Christoph Nußbaumeder.

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