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Ein Leben im Schatten des Vaters: "Die Tochter des Spions" | BR24

© Audio: BR/ Bild: R. Kick Film GmbH

Szene aus dem Dokumentarfilm "Die Tochter des Spions", der das Leben von Ieva Lesinska-Geibere und ihrem Vater, einem Doppelagenten, erzählt.

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Ein Leben im Schatten des Vaters: "Die Tochter des Spions"

Als 19-Jährige erfährt Ieva Lesinska, dass ihr Vater Doppelagent ist. Soll sie mit ihm unter falschem Namen in die USA gehen oder ihn an die Sowjets verraten? Eine Doku geht ihrem Leben nach – das sehr konkret die Frage nach der Identität stellt.

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Mir ist klar, sagt Ieva Lesinska ganz zu Beginn des Films, mir ist klar, dass man als Spion niemandem vertrauen kann. Aber er war eben auch: mein Vater. Aus dieser Konstellation zieht die Dokumentation ihre Fragen und ihre Spannung: Wie ist beides miteinander zu vereinbaren: Vater werden und Spion bleiben? Ein Leben voll Abenteuer und Schweigen suchen und einem Kind ein solches Leben zumuten, obwohl sich das nach einem ganz anderen sehnt – sich nicht interessiert für den Kampf zweier Weltmächte, eher schon: für Beziehungen zwischen Menschen, für Nähe, Offenheit. All diese Fragen haben eine Kehrseite, die nicht minder interessant ist. "Fast mein ganzes Leben war bestimmt durch die Taten meines Vaters."

Wie sich lösen vom dominanten Vater?

Was treibt eine mittlerweile erwachsene Tochter um, die mehr und mehr begreift, die Marionette des Vaters gewesen zu sein? "Ich muss endlich mein eigenes Leben leben, mich von meinem Vater lösen, und dazu muss ich ihn besser verstehen, um Frieden mit ihm schließen zu können." Wie es dazu kam? 1978 fliegt Ieva Lesinska nach New York, die damals 19-Jährige freut sich auf einen Sommer in den USA, auf Einladung des nahezu unbekannten Vaters.

Bis zu diesem Urlaub hatte sie in Lettland gelebt, sie war bei der Mutter groß geworden, der Vater: eine rätselhafte Randgestalt im eigenen Leben. Er arbeitete, soviel wusste die Tochter, für die sowjetische Delegation bei der UNO. In den USA angekommen, erfährt sie mehr: Er ist Doppelagent, eine ganze Weile schon, und jetzt – 1978 – bereit zur Entscheidung. "Mein Vater sagte mir, er und seine Frau würden zu den Amerikanern überlaufen. Ich hätte die Wahl, bei ihnen zu bleiben oder ein Taxi zu rufen, zur sowjetischen Botschaft zu fahren, meinen Vater verleugnen, sagen, dass ich mit all dem nichts zu tun hätte und zurück in die Sowjetunion, nach Lettland wolle."

© Audio: BR/ Bild: R. Kick Fukn GmbH

Szene aus "Die Tochter des Spions"

Ein unausweichlicher Verrat

Die Entscheidung der Tochter bedeutet in jedem Fall: Verrat. Den Vater an die Sowjets verraten und hoffen, als Tochter eines Überläufers zu Hause noch frei leben und studieren zu dürfen. Oder: in den USA bleiben, die Mutter – ohne ein Wort – zurücklassen und eine neue Identität annehmen. Ieva Lesinska bleibt beim Vater und wird am 3. September 1978 zu Evelyn Dorn. Die Mutter erfährt all das aus den Nachrichten: "Ich wollte mich umbringen, hatte alles verloren", sagt sie im Film.

Wofür, der ganze Schmerz? Das will die Tochter in der Dokumentation herausfinden. Heute, 30 Jahre nach dem Tod des Vaters, sollten dessen Akten auch einsehbar sein, damit rechnet Ieva Lesinska, als sie mit der Arbeit am Film beginnt. Aber es gibt Akten, wird ihr bald erklärt, die verschlossen bleiben. Und so verlegt sich der Film auf das ohnehin viel Spannendere – auf das Unbewusste, Unwägbare: die Erinnerungsarbeit der Tochter. Historische Aufnahmen helfen ihr dabei, aber die Doku wagt auch ein Rollenspiel: Die entscheidenden Szenen des Lebens werden nachgestellt, und die Kamera beobachtet, wie Ieva Lesinska dem Spiel der Darsteller folgt, so als würde ihre Erinnerung hier tatsächlich nach außen projiziert. Gleichzeitig übernimmt sie förmlich selbst die Regie: Welche Schauspielerin könnte denn in ihre Rolle schlüpfen? Welches Lächeln bräuchte sie, um ihren Blick auf das Leben zu spiegeln?

Spiel mit der Erinnerung

Das Spiel mit der Erinnerung macht den Reiz des Films aus, der im Grunde überraschend wenig aufklärt: Zeitzeugen trifft Ieva Lesinska zwar viele, aber Sicherheit, was Leben und Tod ihres Vaters angeht, können nur die Akten geben. Das wäre nicht weiter schlimm, würde der Film noch stärker bei der Geschichte der Tochter bleiben. Ieva Lesinska ist eine "preisgekrönte Übersetzerin", "eine Schlüsselfigur des literarischen Journalismus in Lettland". Das erfährt der Zuschauer aus Begleittexten zum Film, der Film selbst aber verrät wenig darüber, wenig über die vielen Sprachen, die sie spricht, ihre Übersetzungen – T.S. Eliot, Ezra Pound und Toni Morrison – kurzum: über ihren Weg nach dem Tod des Vaters. Dabei hätte man doch so gern gewusst, wie sich diese Frau emanzipierte und herausschlüpfte aus der Rolle der "Tochter-von", die offensichtlich viel zu eng für sie war.

"Die Tochter des Spions" von Jaak Kilmi und Gints Grūbe kommt Donnerstag in die Kinos. Wer Kinos lieber meidet: Aufgrund der Corona-Krise ist der Film auch als Video on Demand erhältlich.

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