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Autor, Blogger, Dissident: Arkadji Babtschenko ist einer der prominentesten russischen Kritiker des Kreml.

Autor, Blogger, Dissident: Arkadji Babtschenko ist einer der prominentesten russischen Kritiker des Kreml.

Bildrechte: picture alliance
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    "Die stärkste Waffe Russlands ist die russische Kultur"

    Autor, Ex-Soldat und Dissident: Arkadji Babtschenko ist einer der prominentesten russischen Kritiker des Kreml. Seine Bücher sind erschütternde Berichte aus der Innersten des russischen Militärs – ein Déjà-vu, lange vor dem Krieg in der Ukraine.

    Von
    Christine HamelChristine Hamel
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    Als Arkadij Babtschenkos dokumentarischer Roman "Die Farbe des Krieges" 2007 erschien, war das eine herzmuskelkrampfende Sensation. Entsetzt und entrüstet konnte die Welt nachlesen, warum es in den beiden Tschetschenienkriegen zu einem so ungeheuerlichen Ausmaß an Gewalt gekommen war.

    "Russland war immer gewalttätig"

    Arkadij Babtschenko, der 1995, als 19jähriger, für den Ersten Tschetschenienkrieg rekrutiert worden war und freiwillig in den Zweiten zog, buchstabierte in seinem Roman noch einmal alles durch: die ungebremste Gewalt in der Armee, Sadismus, Verrohung, Wahn, Geschäftemacherei und die Gleichgültigkeit der russischen Gesellschaft. Er rechnete ab mit denen, die ihn schlecht ausgerüstet in einen Krieg schickten "gegen die eigenen Leute, die Russisch sprechen" – wie es einmal im Buch heißt.

    Der Krieg in der Ukraine, vielerorts wie in Mariupol wieder einmal gegen die eigenen Leute, ist für Arkadij Babtschenko ein böses Déjà-vu. "Russland war immer gewalttätig" erklärt Babtschenko im Interview: "In Tschetschenien beispielsweise gab es offizielle Folter und Konzentrationslager. Die Soldaten morden, fackeln ab, sie foltern und zerstören alles. So wie sie es in Syrien gemacht haben. Der Oberbefehlshaber in der Ukraine General Alexander Dwornikow, war auch in Syrien und in Tschetschenien. Ich kenne ihn persönlich. Ich habe unter ihm in Tschetschenien gedient."

    Gewaltexzesse durch russische Militärs – ein strukturelles Problem

    Dwornikow gilt als "Schlächter von Syrien". Arkadij Babtschenko will nicht weiter über ihn reden. Der Schriftsteller und Journalist – Babtschenko hat viele Jahre für die kremlkritische "Nowaja Gazeta" gearbeitet – lebt ohnehin gefährlich. 2017 musste er Russland verlassen. Er ging nach Kiew, wo er ein Jahr später in die Schlagzeilen geriet, weil er zusammen mit dem ukrainischen Geheimdienst seine Ermordung vorgetäuscht hatte. Eine Intrige, um ein tatsächliches Mordkomplott gegen ihn auffliegen zu lassen. Seinen jetzigen Aufenthaltsort will er nicht verraten, die Ukraine hat er verlassen. In seinem Wohnzimmer hängt aber die blau-gelbe Flagge der Ukraine.

    In "Zehn Bilder vom Krieg“, die Arkadij Babschenko seinem Tschetschenien-Roman vorangestellt hat, heißt es einmal: "Kälte, Nässe und Dreck trieben uns alle Gefühle aus. Nur der Hass blieb, und wir hassten alle auf der Welt, uns selbst eingeschlossen." Hass und Grausamkeit befeuerten jetzt auch in Irpin, Butscha oder Mariupol zahlreiche Kriegsverbrechen. Hinter der exzessiven Gewalt russischer Soldaten steckt für Arkadij Babtschenko ein strukturelles Problem.

    Historische Konstante: Gewalt gegen die "eigenen" Leute

    Die russische Gesellschaft sei mit den europäischen nicht vergleichbar, sagt er. "Eine Gesellschaft ist Subjekt der Politik. In Russland gibt es dagegen nur das 'russische Volk' und das ist die ganze Bevölkerung: atomisierte, vereinzelte Leute. Aus der Zeit des Gulag gibt es ein Sprichwort, das besagt 'Stirb‘ Du heute, ich morgen.' Das gilt bis heute. Ein Land, in dem die eine Hälfte der Bevölkerung in Lagern gefangen war und die andere sie bewacht hat, kann nicht anders als gewalttätig sein."

    Die Weigerung der Mehrheit der Russen, sich dem Grauen der stalinistischen Vergangenheit zu stellen, wirkt tief in die Gegenwart hinein, ja sie gebiert immer neue Ungeheuer. Die Kultur bietet Arkadij Babtschenko zufolge in dieser Situation längst keinen Ausweg mehr, sondern ist vielmehr Teil des Problems.

    Die Kultur ist kein Ausweg

    Babtschenko nennt sie sogar Russlands "stärkste Waffe". Sie ist noch stärker als das Fernsehen, obwohl das TV schon eine unglaubliche Wirkung hat. Das Fernsehen ist eine Waffe gegen die eigene Bevölkerung, das ist einmalig in der Geschichte. Ich erlebe das leider auch in meiner Familie. Die russische Kultur ist aber auch stark, denn auf sie folgen russische Panzer, um die russische Sprache und Kultur zu verteidigen."

    Der Missbrauch der Kultur durch die Machthabenden im Kreml – einer der vermeintlichen Gründe für diesen Krieg ist der Schutz der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine - ist eine schwere Bürde für russische Kunst, Literatur und Musik. Arkadij Babtschenko jedenfalls will nur noch Schriftsteller gelten lassen, die für Aufklärung sorgen und in der Tradition Warlam Schalamows schreiben. Schalamow war von 1937 bis 1951 im Gulag inhaftiert und hat den Alltag zwischen Zwangsarbeit, Gewalt und Hunger in zahlreichen Bänden dokumentiert. "Das Lager", notierte er einmal, "ist der tiefste Grund des Lebens".

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