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Nachruf zu Lebzeiten: Die Simpsons werden 30 Jahre alt | BR24

© picture alliance/Everett Collection

Die Simpsons werden heute 30

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    Nachruf zu Lebzeiten: Die Simpsons werden 30 Jahre alt

    Die kaputte Familie als große Unterhaltung. Vor 30 Jahren starteten in den USA die "Simpsons", die Mutter aller dysfunktionalen Familien. Die besten Jahre hat die Serie schon hinter sich, Zeit für einen Nachruf zu Lebzeiten.

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    Es gibt Folgen, die haben Fernsehgeschichte geschrieben. Etwa das makabere Opening vom Streetart-Künstler Banksy aus dem Jahr 2010. In einer Höhle müssen Arbeitssklaven unter untermenschlichen Bedingungen eine neue Folge der Simpsons zeichnen. Zu sehen gibt es Kinderarbeit, giftige Chemikalien und süße Katzen, die geschreddert und zur Füllmasse von Simpsons-Puppen verarbeitet werden. Wie auch sonst bringt die Übertreibung die Wahrheit ans Tageslicht: Tatsächlich findet die Simpsons-Produktion in Südkorea statt (wie überhaupt die allermeisten Zeichentrickfilme nach China oder sogar nach Nordkorea ausgelagert werden).

    Nestbeschmutzung als Alleinstellungsmerkmal?

    Es ist dies ein Markenzeichen der "Simpsons": Die Serie thematisiert Umweltverschmutzung, Korruption, falsche Ernährung, übermäßigen Fernsehkonsum (an dem sie selbst mitschuldig ist) sowie alle Todsünden außer Wollust. Denn sie darf sich auf ihrem stockkonservativen Haussender Fox zwar über Trump und die Tea Party lustig machen, aber wie schon bei der Familie Duck bleibt alles Fleischliche ausgespart. Prüderie ist das letzte Heiligtum im US-Fernsehen.

    Die Simpsons sind eine Persiflage auf die all american family, auf die typische amerikanische Familie. Homer Simpson ist eine Katastrophe von einem Mann, das Hemd bedeckt selten ganz den Bierbauch, er denkt keine fünf Minuten weit im voraus und sein IQ liegt deutlich unter dem der Restfamilie. Marge, seine Ehefrau, steht für die klassische Hausfrau, ist Moralistin und versucht notdürftig die Familie zusammenzuhalten. Ebenso stereotyp (und ebenso lustig) sind die Kinder aufgeteilt. Bart, der Junge, macht nur Unfug, ist schlecht in der Schule und ein Sozialschwein. Lisa, meine Lieblingsfigur - ehrgeizig, musisch begabt, eine hervorragende Schülerin - scheitert regelmäßig daran, ihre hehren, geradezu philosophischen Ansprüche mit den ganz einfachen Dingen im Leben zu vereinbaren: Muss ich die Wahrheit sagen, auch wenn das jemanden verletzt? (Nebenbei bemerkt: Ihr Vorfahr ist Linus aus den "Peanuts", auch wirklich eine große tragisch-komische Figur.) Lisa wird immer ins Rennen geschickt, wenn der Verfall der Familie zu offenkundig wird, wenn das Konzept Kleinfamilie als bloße Farce erscheint.

    © picture alliance / Everett Collection

    Die Simpsons auf der Tribüne: Lisa, Marge, Maggie, Homer und Bart Simpson

    Ein ehrliches Bild der Familie?

    Es geht bei den Simpsons nicht mehr darum, für höhere Werte einzustehen, sondern nur noch darum, sich irgendwie durch den Tag zu wursteln. Mit dieser bodenständigen Betrachtung wurden die Simpson zum Role Model, zum Vorbild für runderneuerte Familienserien wie "Modern Family". Aber die Simpsons hatten auch Vorläufer. Es ist ein klassisches Verfahren der Ironie, von "Don Quichotte" über den "Simplicissimus" bis zur "Blechtrommel", einen kindlichen Helden ins Feld zu schicken, der dann eine Wahrheit aussprechen darf, die sich sonst niemand zu sagen traut. In den USA standen die Simpsons regelmäßig in der Kritik, hier würden den armen, schutzlosen Kindern falsche Werte vermittelt. Wobei wie üblich die Frage sich stellt, was schlimmer sei, die Wirklichkeit oder sie zu zeigen. Trotz aller Anfeindungen läuft die Serie seit 30 Jahren, der Erfolg hat die Serie geschützt. Und jeder mag für sich selbst beantworten, ob in der Übertreibung nicht erst eine tiefe Wahrheit enthalten ist: Wir sind nicht so gut, wie wir gerne wären.

    Der Erfinder der Serie ist Matt Groening. Er begann als Comiczeichner. "Life in Hell", in der ein Hase immer wieder am normalen Leben scheitert, was das Leben zwar nicht zur Hölle, aber zu einem Ort der Erniedrigung und Frustration macht. Die Figur Binky hatte schon den typischen einfachen, naiven, funnyhaften Zeichenstrich, den dann alle Produktionen von Groening kennzeichnen. Durch die Strips wurde ein Produzent auf ihn aufmerksam und gewann ihn fürs Fernsehen. Nach einem zweijährigen Vorlauf mit Kurzfilmen in einer anderen Serie bekamen die Simpsons ihren eigenen Platz im Programm.

    Zeitweise rissen sich Stars und Sternchen darum, einen Gastauftritt bei den Simpsons zu bekommen. Der Regisseur Werner Herzog, der Physiker Stephen Hawking und sogar der Schriftsteller Thomas Pynchon. Der allerdings trug eine Papiertüte über dem Kopf und da er nie - wirklich nie - Interviews gibt, kann auch niemand bezeugen, ob die Stimme wirklich von ihm stammt.

    Rassistische Klischees transportiert?

    Allerdings sinkt der Stern der Simpsons seit längerem, die Luft scheint nach 31 Staffeln raus zu sein. Sidekicks, Nebenserien wie "Futurama" oder aktuell "Disenchantment" wirken wie fade Aufgüsse des altbekannten Settings. Auch stößt der über Jahrzehnte sorgsam gehegte anarchistisch-rücksichtslose Humor an seine Grenzen. Bei der Figur Apu Nahasapeemapetilon regte sich Kritik. Die Witze auf Kosten des indischstämmigen, gebrochen Amerikanisch sprechenden Lebensmittelhändlers würden, so die Kritik, rassistische Klischees transportieren. Das erinnere an die alte Tradition der Minstrel Shows, in der sich Weiße über einfältige Afroamerikaner lustig machen. Die Reaktion der Simpsons-Macher war äußerst ungeschickt. In einer Szene liegen Lisa und Marge im Bett nebeneinander und sprechen darüber, dass etwas, "was Dekaden zuvor mit Beifall bedacht wurde und keinen störte, plötzlich als politisch inkorrekt betrachtet wird". Für diese Selbstgerechtigkeit gab es heftige Kritik in den sozialen Medien. Es scheint, als merkten die Macher der Serie, die mal dem Zeitgeist eine Nasenlänge voraus waren, nicht mehr, woher der Wind weht. Wobei, den meisten Serien geht früher die Luft aus. Insofern, alles Gute zum 30. Geburtstag!

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