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"Die Rüden": Sozialexperiment und Gefängnisdrama | BR24

© Audio: BR / Foto: Tom Trambow

Junge Gewaltverbrecher, gefährliche Hunde und eine Hundetherapeutin treffen in "Die Rüden" aufeinander.

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"Die Rüden": Sozialexperiment und Gefängnisdrama

Vier Gewaltverbrecher treffen in einer Arena auf gefährliche Hunde – zur Therapie. "Die Rüden" von der Berliner Regisseurin Connie Walther ist ein filmisches Experiment, das man so noch nicht erlebt hat.

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Der Film beginnt mit einer postapokalyptischen Szenerie: Der Wind pfeift durch eine wüstenartige Landschaft. Aus der anfangs schwarzen Leinwand schält sich langsam ein ruinenhaft wirkender, bunkerartiger Betonbau hervor. Nach dieser Anfangseinstellung ist man in dem Bau, einem futuristisch sterilen Hochsicherheitsgefängnis. Die Nahaufnahme des Fells eines Hundes füllt die Leinwand. Es hebt und senkt sich langsam, der Atem eines schlafenden Hundes ist zu hören. Der wacht auf und reckt sich. Er und zwei andere seiner Art sitzen in Käfigen. Maulkörbe werden angelegt, dann der überraschende Schnitt auf die nackten Füße von Männern, die in einem Duschraum mit einem Stück Seife auf dem nassen Boden Fußball spielen und schließlich im Eifer des Gefechts aneinandergeraten.

In einer außergewöhnlichen Mischung aus Science-Fiction, Gefängnisdrama und Sozialexperiment treffen nach dieser atmosphärisch aufgeladenen Eröffnung in einer kahlen Betonarena drei Hunde und vier Männer aufeinander. Sowie die Sozialtherapeutin Lou. Es geht um Aggression, Gewalt, Selbsterkenntnis, das Hinterfragen von Männlichkeit und die Möglichkeiten von Resozialisierung.

Sozialexperiment mit realen Vorbildern

Was in der Folge geschieht, ist ein packendes Sozialexperiment, für das es reale Vorbilder gibt, initiiert von der Schauspielerin Sabine Winterfeldt, die in dem Film in einer kleinen Nebenrolle zu sehen ist. Sie hat vor rund zehn Jahren mit Theaterprojekten in Gefängnissen begonnen. Ihr geht es um Heilung durch Kunst: "Ich begegne da halt Menschen in einem entmenschlichten Ort. Und das System, in dem man da arbeitet, ist ganz rigide. Ich habe festgestellt, es gibt sehr viele Psychologen, die da arbeiten, dem stehe ich sehr kritisch gegenüber, weil ich merke, du kannst nicht wirklich therapeutisch tätig sein, wenn du für dieses System arbeitest. Heilung findet nur statt, wenn man sich Zeit nimmt – und wenn man emotional eine andere Perspektive schafft."

© Tom Trambow

Ein soziales Experiment: Was passiert, wenn verhaltensauffällige Menschen auf die Hunde treffen?

Sabine Winterfeldt stieß zufällig auf die Hundetherapeutin Nadine Matthews – und beschloss gemeinsam mit der Regisseurin Connie Walther das Spielfilmprojekt "Die Rüden" umzusetzen. In der Betonarena des Films treffen sogenannte unvermittelbare Hunde aus Tierheimen und echte Straftäter zusammen. Sowohl die Hunde als auch die Gefängnisinsassen haben Gewaltbiografien. "Also, ich komme ursprünglich aus der sozialen Arbeit – die Kombination Mensch/Hund habe ich schon ein paar Mal gemacht. Ein direktes Vorgängerprojekt gab es mit Jugendlichen und Tierheimhunden. Und wir haben das dann tatsächlich auch im Knast umgesetzt. Im echten Knast. Mit anderen Jungs und anderen Hunden. Das ist alles so passiert", sagt Matthews.

Gewalttäter zu langjährigen Haftstrafen verurteilt

Die Jungs, von denen sie spricht, sind im Film vier Gewalttäter, die Strafen von fünf bis acht Jahren abgesessen haben und schon während des Vollzugs mit Theaterprojekten begannen. Für Ibrahim Al-Khalil bietet "Die Rüden" die Möglichkeit, auf größere gesellschaftlich-politische Zusammenhänge aufmerksam zu machen:

"Für jeden einzelnen von uns gibt es andere Gründe, warum er an diesem Projekt teilgenommen hat. Ich möchte eine bestimmte Zielgruppe erreichen, Menschen, die in der Medienwelt arbeiten, um einmal meine Situation zu thematisieren", sagt Ibrahim Al-Khalil. Er kam als Säugling nach Berlin, mit sechs Monaten, aus Palästina. Er ist ein ungeklärter Staatsbürger, hat eine Duldung und ist staatenlos. Er darf das Land Berlin nicht verlassen, darf nicht arbeiten, nicht studieren. "Und jeder Arbeitgeber macht sich strafbar, wenn er mich einstellt. Ich bin der Meinung, wenn man einen Menschen vorbereiten möchte auf die Freiheit, dann ist es das Allermindeste, ihm die Arbeit zu ermöglichen, damit er sich bewegen kann."

Al-Khalil hat nach seiner Entlassung in sozialen Projekten mit straffälligen Jugendlichen gearbeitet und spielt unentgeltlich in Filmen und Theaterstücken mit. An seiner Lage hat das aber nichts geändert. Als gebürtiger Palästinenser kann er einerseits nicht abgeschoben werden, weil seine Heimat als Staat nicht anerkannt ist – und andererseits bekommt er keinen offiziellen Aufenthaltsstatus.

Diese Ebene absurder Gesetzeslücken schwingt in dem aufsehenerregenden Film mit, wird aber nie konkret thematisiert. Die Gewalttherapeutin Sabine Winterfeldt hofft, dass durch "Die Rüden" endlich eine gesellschaftliche Diskussion in Schwung kommt: "Es wird sehr viel Geld dafür ausgegeben, dass Leute in diesem System Gefängnis soziale Trainings mitmachen – und irgendwann merkt man, dass es in so einem Fall völlig absurd ist. Die bestehen 1.000 Sachen – und dann geht es darum, sie zu resozialisieren. Ich fühle mich dann irgendwann verarscht, weil ich merke: Wir haben alles richtig gemacht, und dann kommen die raus, und dann gehen die zum Arbeitsamt und sagen, wir haben es jetzt verstanden, wir wollen jetzt Steuern zahlen – und das dürfen die gar nicht. Und das finde ich einfach nur zum Kotzen."

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