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Weniger Besucher, die sich mehr Zeit nehmen: Darum bemüht sich Florenz schon lange. Könnte sich durch die Coronakrise etwas verändern?

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Die Renaissance von Florenz nach dem Lockdown

Wer jetzt nach Florenz reist, kann erleben, wie die Stadt nach dem Lockdown langsam wieder in ihren Alltag zurückfindet. Andrea Mühlberger war zu Besuch in der Stadt der Renaissance, die in diesen Tagen eine Wiedergeburt erlebt, wieder einmal.

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Von
  • Andrea Mühlberger

Die Leere ist beeindruckend! Der Hauptbahnhof, die Stazione Santa Maria Novella: ohne lärmendes Verkehrschaos. Der Platz vor der gleichnamigen Kirche mit der ikonischen Renaissance-Fassade: wie leergefegt. Und einige Straßen weiter, vor dem Dom, kicken ein paar jüngere Südtiroler sogar einen Fußball hin und her. Sonst schlängeln sich hunderte Besucher um das Gebäude mit der imposanten Kuppel. Im Schatten des Campanile lassen sich ein paar Freundinnen porträtieren: ein verzerrtes Gruppenbild als Erinnerung an die erste Reise in diesem verrückten Jahr - in dem die Welt gehörig aus den Fugen geriet. Und Corona die Touristenhochburg in eine Art künstliches Koma versetzte. Jetzt können die ersten Neugierigen die Stadt erleben wie zu Zeiten ihrer Großeltern – ein Florenz mit viel Bewegungsfreiheit: "Das ist doch wunderbar! Wir haben hier 200 Leute auf der Piazza, würde ich grob schätzen, davon eine Gruppe mit Fahrradfahrern - sowas ist normalerweise im Sommer gar nicht möglich!", schwärmt Eike Schmidt, Direktor der Uffizien auf unserem kleinen Rundgang durch die Innenstadt. Die Billigpizzeria sei schon fast voll, während das High-End-Café nur zu einem Viertel besetzt sei.

"Wie an einem sonnigen Wintertag"

Auch von den Hotels hat bisher nur ein Drittel geöffnet – und dann nur eingeschränkt - wie viele werden die Krise überstehen? Eike Schmidt erzählt: "Die Leute sind zurückgekommen. Wir haben auch internationalen Tourismus, vor allem aus Deutschland, Frankreich und England. Es ist aber trotzdem nicht viel. Es ist so wie vielleicht an einem sonnigen Wintertag, aber im herrlichsten Sommerwetter!"

Die Uffizien mit ihrer berühmten Gemälde- und Antikensammlung der Medici, an der Piazza Signoria, haben Anfang Juni wieder aufgesperrt, als erstes Museum nach dem Lockdown – eine Eröffnung wie ein Staatsakt: der Bürgermeister, der Präsident des Regionalparlaments, Erzbischof, Imam und Oberrabbiner sendeten gemeinsam ein Signal des Aufbruchs. Doch nach drei Monaten Ausnahmezustand lief der Betrieb zunächst sehr zaghaft wieder an, berichtet der Uffizien-Chef:

"Die ersten Tage war noch große Vorsicht, bis die Leute überhaupt aus ihren Häusern wieder rausgekommen sind – und dann gleich zu uns ins Museum. Es war aber auch wirklich klar: Den Leuten hat die Kunst gefehlt. Und das haben wir ganz am Anfang gemerkt, dass wirklich auch die Florentiner gekommen sind, um das Museum zu sehen. Und was wir klar messen können: Dass sie mehr Zeit im Museum verbringen."

Eine neue Form des Museumsbesuchs: ruhiger, intensiver

Weniger Besucher, die sich mehr Zeit nehmen – nicht nur für die Museen, sondern für alle Sehenswürdigkeiten. Darum bemüht sich die Kunststadt Florenz schon lange, mit bisher mäßigem Erfolg. Eine Kulturreise in die Geburtsstadt der Renaissance gilt rund um den Globus als absolutes Must See – und sei es nur für einen Blitzbesuch. Befeuert haben diesen Massentourismus laut Eike Schmidt auch bestimmte Ticketsysteme: Karten, die für drei Tage galten, mit denen man 70 Museen besuchen konnte, das basiere auf dem "Eat-As-Much-As-You-Can"-Modell. Das habe dazu geführt, dass viele Leute versucht hätten, so viele Museen wie möglich reinzupacken.

Den Ponte Vecchio, eine der Hauptattraktionen, können Florenzbesucher ohne Ticket passieren. Wenn sich an Spitzentagen über tausend Touristen gleichzeitig über die enge Brücke mit den Häusern schieben, scheint es fast, als würden die mittelalterlichen Steine unter der Last des Overtourism nachgeben. Wir können heute sogar mit dem vorgeschriebenen Abstand an den Selfie-Jägern vorbei über den Arno spazieren: Sebst wenn es doppelt so viele wären, wäre das immer noch sehr angenehm, findet Eicke Schmidt. Und: "Das ist jetzt wirklich unsere Aufgabe, dass wir diese ruhigere und intensivere Form des Museumsbesuchs aber auch des Tourismus überhaupt versuchen mitzunehmen in die neue Wirklichkeit der Zukunft – auch dann, wenn die Pandemie unter Kontrolle sein wird."

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Die Natur lässt sich eben nicht an die Kette legen, egal ob Wölfe, Rehe, Viren. Auch ein entfesselter Tourismus nicht.

Wölfe statt Touristen in Rudeln

Steuerungs-Konzepte statt Rudel-Tourismus. Funktioniert das, ohne Schaden für eine Branche, die bisher vom Massentourismus gelebt hat - vom Souvenirverkäufer bis zum Eisdielen-Besitzer? Einem Rudel ganz anderer Art begegnen wir im Viertel Oltrarno, auf der drüberen Flussseite. Vor dem Palazzo Pitti lauern fauchend und jaulend dutzende in Metall gegossene Wölfe. Bestien statt Touristen. Der chinesische Bildhauer Liu Ruowang will mit den lebensgroßen, bräunlich patinierten Tieren an die Rückkehr der Natur in die Zivilisation erinnern. Corona setzt der Installation noch eins drauf: "Was wir in den letzten Monaten gesehen haben ist, dass tatsächlich wieder Wölfe in die Städte zurückgekehrt sind aber natürlich andere Wildtiere auch, die wir im Boboli-Garten hatten und die über die Straßen galoppiert sind", berichtet der Direktor der Uffizien.

Die Natur lässt sich eben nicht an die Kette legen, egal ob Wölfe, Rehe, Viren. Auch ein entfesselter Tourismus nicht. Dafür stehen die chinesischen Wölfe wie ein Mahnmal. Die FlorentinerInnen scheinen das in der Krise begriffen zu haben und erleben ihre Stadt nach dem strengen Lockdown viel intensiver. Auf einem Rasenflecken, in der Nähe von Santo Spirito, haben sich Nachbarn zum Kino-Open-Air zusammengefunden: Vittorio De Sicas Klassiker "Hochzeit auf Italienisch" läuft auf einer improvisierten Leinwand, mit dem Traumpaar Loren – Mastroianni. Und einige Straßen weiter, auf der Piazza vor der Kirche, sind am Abend alle Restaurants voll besetzt – und zwar fast ausschließlich mit FlorentinerInnen. Sie haben nicht nur ihre Kirchen und Kunstschätze wiederentdeckt. Sondern den ganzen Stadtraum. Und Florenz zurückerobert. Zumindest für eine gewisse Zeit.

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Vor der Kirche Santa Maria Novella kann man den Blick über den freien Platz schweifen lassen und in Ruhe die historischen Gebäude betrachten.

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Gang der Uffizien - Besucherzahlen sind derzeit noch begrenzt

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Bestien aus Bronze lauern vor dem florentinischen Findelhaus.

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Ponte Vecchio in der Abendstimmung.

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Dom mit Campanile ohne die üblichen Touristenmassen.

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Santa Croce mit geparkten Radl davor. Langsam erobern sich die FlorentinerInnen ihre Stadt wieder.

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