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In seinem neuen Buch erzählt der Londoner Jurist und Historiker Philippe Sands die Geschichte des aus Österreich stammenden NS-Kriegsverbrechers Otto Wächter. Nach dem Kriegsende tauchte dieser unter und wollte nach Argentinien.

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"Die Rattenlinie": Wie der Nazi Otto Wächter einer Strafe entkam

Nach dem Krieg wollten sich viele hohe Nazis über die so genannte Rattenlinie nach Südamerika absetzen – so auch der Kriegsverbrecher Otto Wächter. Der Autor Philippe Sands erzählt jetzt dessen Geschichte – und wie diese auf seinen Nachfahren lastet.

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Von
  • Niels Beintker

Mehr als drei Jahre hatte er im Versteck gelebt, hoch in den österreichischen Alpen. Nun wollte der gebürtige Wiener Otto Wächter – frühzeitig begeisterter Nazi und schließlich Gouverneur in der besetzten Ukraine – nach Argentinien. Im April 1949 reiste Wächter nach Rom, unter dem Tarn-Namen Alfredo Reinhardt. Bischof Alois Karl Hudal nahm sich seiner offenherzig an und verschaffte ihm eine Unterkunft und ein Auskommen, unter anderem mit kleinen Rollen in italienischen Filmproduktionen. Der ranghohe Kleriker half etlichen gesuchten Kriegsverbrechern bei der Flucht. So auch Otto Wächter.

"Bischof Hudal war amerikanischer Spion", erzählt uns der Londoner Jurist und Historiker Philippe Sands. "Er bekam jeden Monat 50 Dollar bar auf die Hand. Wir wissen jetzt auch: Zwölf Stunden, nachdem Otto Wächter in Rom angekommen war, informierte Hudal den Nachrichtendienst der amerikanischen Armee darüber. Er verwendete für Wächter auch den Namen Alfredo Reinhardt und berichtete, wo er wohnte. Die Amerikaner, die behaupteten, sie würden Wächter jagen, wussten Bescheid. Und taten nichts." Weil sie sich immer häufiger von untergetauchten Nazis Hilfe im Kampf gegen den Kommunismus erhofften. Philippe Sands Buch "Die Rattenlinie" liest sich zu Teilen wie ein Thriller, gerade im langen Abschnitt über das Versteck in den Bergen, die Flucht und die Zeit des beginnenden Kalten Krieges. Nur: Es ist eben keine Fiktion.

Otto und Charlotte Wächter: Zwei überzeugte Nazis

Philippe Sands hat jahrelang akribisch die Geschichte Otto Wächters recherchiert – und auch die seiner Familie. Wächters Sohn Horst gewährte ihm Einblick in den umfangreichen Nachlass der Eltern. Philippe Sands, Experte für Internationales Recht, kann so unter anderem die Geschichte der gemeinsamen Radikalisierung von Otto und Charlotte Wächter erzählen. Sie waren überzeugte Nazis, er schon in den frühen 20er Jahren. Sie schilderte in ihrem Tagebuch die Begegnung mit Hitler anlässlich der Wiener Heldenplatz-Rede vom März 1938 als "schönsten Tag" ihres Lebens.

"Nach dem Treffen," erzählt Philippe Sands, "sagte Otto zu Charlotte: 'Liebling, ich muss dich etwas fragen. Ich muss eine Entscheidung treffen. Ich könnte wieder als erfolgreicher Anwalt tätig sein. Oder ich arbeite in der Regierung. Was soll ich machen?' Sie hätte sagen können: 'Vergiss den Unsinn'. Aber sie wollte die Politik. Sie wollte zu den Salzburger Festspielen, nach Nürnberg und nach Bayreuth, zusammen mit Hitler. Sie sagte unmissverständlich: 'Nimm die Stelle als Staatssekretär.'"

© Cover: S. Fischer Verlag / Montage: BR24
Bildrechte: Cover: S. Fischer Verlag / Montage: BR24

Knapp 550 Seiten, 25 Euro: Das neue Buch von Philippe Sands

Sohn will Glaube an Vater als "guten Nazi" nicht aufgeben

Wie schon in seinem Buch "Rückkehr nach Lemberg" verbindet Philippe Sands historische Rekonstruktion mit der persönlichen Geschichte und auch einer Dokumentation seiner Recherchen. Otto Wächter war kein kleines Rädchen im Getriebe der nationalsozialistischen Todesmaschine. Er machte eine steile Karriere in der Diktatur und war schließlich führend beteiligt an der Ermordung der Juden in Ost- und Mitteleuropa.

Sands erzählt von den vielen Begegnungen mit Wächters Sohn Horst, der den Glauben nicht aufgeben will, sein Vater sei ein guter Nazi gewesen. Ebenso berichtet er, wie er dem obskuren Zirkel aus Nazis, Klerikern und amerikanischen Geheimdienstangehörigen auf die Spur kam, die gegen den Kommunismus kämpfen sollten. "Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Lage völlig anders", sagt Sands. "Die Nazis wurden von den Amerikanern als Spione rekrutiert. Wir kennen das von den Wissenschaftlern. Ich wusste aber nicht, dass auch gestandene Mitarbeiter des nationalsozialistischen Geheimdienstes verpflichtet wurden. Die Amerikaner waren Teil der Rattenlinie. Sie wussten über jeden Bescheid, der über Italien nach Argentinien floh."

Entscheidung liegt wie Schatten auf nachfolgenden Generationen

Sein erhofftes Ziel hat Otto Wächter nicht erreicht. Zweieinhalb Monate nach seiner Ankunft in Rom starb er, unter ungeklärten Umständen, im vatikanischen Hospital Santo Spirito. Seine Frau Charlotte glaubte, ihr Mann sei vergiftet worden, der Sohn ist der gleichen Auffassung. Philippe Sands beschäftigt sich auch mit dieser These ausführlich, konfrontiert sie unter anderem mit Einschätzungen von Medizinern, die – auf der Grundlage der historischen Dokumente – eine Infektionskrankheit vermuten.

"Das Handeln von Otto und Charlotte Wächter liegt wie ein dunkler Schatten auf den nachfolgenden Generationen", sagt Sands. "Noch einmal zurück zu der Szene in der Wiener Hofburg, am Fuß der großen Treppe: Hätte Charlotte damals zu Otto gesagt: 'Verzichte auf den Posten des Staatssekretärs, bleib Anwalt', dann wäre es für ihre Kinder und Enkel sehr viel leichter. Ohne Zweifel hätte jemand anderes den Posten angenommen. Die Geschichte der Familie Wächter wäre eine andere."

Philippe Sands erzählt nicht nur die Lebensgeschichte eines Massenmörders. Er zeigt zugleich, was es für die Familienangehörigen bedeutet, mit einer solchen Schuld zu leben. Bis heute.

"Die Rattenlinie. Ein Nazi auf der Flucht" (544 Seiten) ist, übersetzt von Thomas Bertram im S. Fischer-Verlag erschienen.

Über Otto Wächters Sohn Horst gibt es auch eine BR-radioDoku von Gabriele Knetsch: "Der Nazi-Sohn und die Raubkunst".

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